einige unverständliche Worte murmelnd , entließ sie ihre Magd . Bozena sorgte dafür , daß die Schranke , welche das Fräulein zwischen sich und ihr aufgerichtet hatte , niemals überschritten wurde . Ihr ganzes Benehmen gegen die Herrin sagte deutlich : Du hüben - ich drüben . Du hast mit mir nichts gemein . Die Besorgnis jedoch , die Regula vor dem schädigenden Einfluß der Gefallenen empfand , beschränkte sich auf ihre eigene Person ; für ihre Nichte schien sie von ihm nichts zu befürchten . Das Kind befand sich nach wie vor unter Bozenas Obhut . Regula war eine eifrige Besucherin des Theaters , und sobald sie sich , von Herrn oder Frau Wenzel geleitet , dahin begeben hatte , erschien Mansuet , um Bozena und Röschen nach seinen Gemächern abzuholen . Der Alte war zu der Überzeugung gelangt , daß der Unterricht , den Professor Bauer dem Kinde erteilte , eigentlich gar kein Unterricht zu nennen war . Und das Mädchen wächst heran , soll etwas lernen , soll auch Begriffe kriegen von Literatur . Er holte alte Hefte herbei , in die er vor Zeiten Gedichte und Lieblingsstellen aus den Werken vaterländischer Autoren eingeschrieben hatte . Und während Bozena nähte und Röschen eine Strickerei in den Händen hielt , die schon ganz grau aussah , aber durchaus nicht wachsen wollte , las er den beiden Damen vor . Zu den köstlichsten Bissen von Mansuets poetischem Schmause gehörte » Herkules am Scheidewege « , » Psychens Klagen « und » Amors Klage « von Bergel , » Die ersten Genien der Menschen « ( liebenden Eltern geweiht ) von Paul Lamatsch von Warnemünde , » Trinklied im Frühling « ( nach Höltys Trinklied im Winter ) : Das Glas gefüllt ! Kein Nord mehr brüllt - und so weiter . » Letzter Wunsch « von Charlemont , das so wunderschön begann : Wenn sie einst naht , die düstre Abschiedsstunde , Das Aug sich trübt und leise pocht das Herz , Wenn banges Weh entschwebt dem starren Munde Und jede Lust verdrungen hat der Schmerz ... und so weiter . Oder gar » Der Berggeist des weißen Gebirges « , Röschens Lieblingsballade , bei welcher ihr so köstlich gruselte und bei deren letzten Strophen ihr kleines Herz so laut pochte ! - Sie rückte jedesmal ganz dicht an Bozenas Seite , wenn Mansuet las : Und die Sonne , blutig scheidend , Sinket in der Berge Schoß , Und von wilden Peitschenschlägen Widerhallt das ganze Schloß . Da erbraust ' s wie Sturmestoben , Rings erregend Angst und Graus , Von vier Rossen fortgezogen , Fährt der Geist zum Schloß hinaus ! Hieß es dann dem alten Freunde eine Freude machen , so deklamierte Röschen in voller Begeisterung und mit merkwürdigem Tonfalle » Osterreichs Thermopylen ( 1809 ) « von Charlemont . Wie glühten dabei ihre Wangen , wie glänzten die Tränen in seinen Augen ! Wie befriedigend endete nach einem solchen Hochgenuß der Tag für den Greis und für das Kind ! Andere Male wieder wurde der historischen Überlieferung ihr Recht . Mansuet machte sein kleines Auditorium mit der ereignisreichen Geschichte der Kostka von Postupitz bekannt . Er erzählte , um in Röschen die Liebe zu den Wissenschaften zu wecken und ihr einen Begriff zu geben von den Ehren , zu denen man durch sie gelangen könne , von Johanna von Boskowitz , der berühmten Äbtissin des Zisterzienserinnenstiftes Maria Saal in Altbrünn . Im 16. Jahrhundert lebte sie und war so gelehrt , daß ihr die Philologen Opat und Kzel ihre Übersetzung des Neuen Testamentes widmeten . Auch Nachrichten aus dem Leben des großen Kremsierers Johannes Benedikti , des weisen Bertholdus de Wischaw und des Meistersängers Bliczkowsky wußte Mansuet mitzuteilen . Ereignete es sich , daß Röschen dabei ein klein wenig schläfrig wurde , so beeilte sich der Alte , etwas Lustigeres vorzubringen . Mit einem Sprunge versetzte er sich in das königlich städtische Nationaltheater zu Brünn und zauberte » Die Fee aus Frankreich « , » Die Grafen Mombelli « oder den » Schwarzen Wundermann « herbei , um seinen Liebling zu ermuntern . Es waren köstliche Abende , diese bei Mansuet , am schönsten aber wurden sie , wenn Bozena das Wort ergriff . So wie Bozena , meinte Röschen , könne niemand sprechen , denn sie sprach ihr von ihren Eltern . Und auch Mansuet hörte sich niemals satt an ihren Mitteilungen über das geliebte Paar . » Sagen Sie mir nur « , fragte der Alte , » wie war das , als der Herr Leutnant fort mußte ins Feld ? « » Wie ich schon oft erzählt habe : traurig war ' s « , erwiderte Bozena . » Der Doktor hat es dem Herrn Leutnant schon gesagt gehabt : Sie muß sterben , und ich hab es von selbst gewußt ... Der Herr Leutnant hat sich beim Abschied sehr zusammengenommen . « » Freilich , ein Soldat ! « murmelte Mansuet . » Er hat sie ganz sanft geküßt und nur gesagt : Leb wohl und schone dich . Sie hat ihm auch das Herz nicht schwer machen wollen und von nichts gesprochen als vom Wiedersehen . In ihm war alles wie eingefroren . Doch als er gehen will , streckt sie auf einmal die Arme nach ihm aus , und da verliert er seine Fassung . « Bozena hielt inne , machte eine Bewegung mit der Hand , als ob sie etwas von sich abwehren wollte , und fuhr aufatmend fort : » Ich meinte schon , sie könne ihn nimmermehr lassen , er könne sich nimmermehr losreißen ... Sie waren wie die Kinder . Ach - so jung - so schön - so gut - und beide nur einen Schritt vom Grabe ! « Röschen hatte ihren Kopf in Bozenas Schoß gelegt , jetzt erhob sie ihn und sagte mit seligem Lächeln : » So gut waren sie , Bozena ? « » Und dann ? « fragte Mansuet