Gemütszustand ließ vieles zu wünschen übrig , und daß auch ihm dann und wann vom Fräulein Adelaide von Saint-Trouin träumte , war noch das wenigste ; denn er hatte die wohlmeinende Dame auch im Wachen um sich , und da ließ sie sich keineswegs abschütteln wie ein Traum . Nachdem der Metzger vom Hofe war , hatte sich der ruhige Moment zur » freundschaftlichen Erörterung « in der Tat bald gefunden , und das darauf folgende Geschrei war freilich entsetzlich gewesen . Während der Chevalier mit billigend erhobenen Augenbrauen und zustimmendem Kopfnicken eine stumme Prise nach der andern nahm , hatte die Enkelin Jehans de Brienne gleichfalls eine Prise nach der andern genommen , nachdem der erste Stupor vorüber war , jedoch nicht stumm . Keine tragische » Madame « ihrer klassischen Landsleute erhob je den Dolch der Verzweiflung oder den Giftbecher der Rache mit furchtbarerem Pathos ; die Frau Adelheid hatte - so was in ihrem Leben noch nicht gesehen . Das sei zu arg , rief Adelaide von Saint-Trouin - das habe sie nicht um den Lauenhof verdient . Sie ging so weit , als eine zimpferliche alte Jungfer nur irgend gehen kann , und behauptete , sie habe dieses Kind geliebt , als ob sie es selber geboren und gesäugt habe . Ja , sie sagte » gesäugt « und rührte selbst den jüngsten Verwalter dadurch zu Tränen ! Sie behauptete : Da sie es - das Kind - in einer andern und bessern Weise als sonst jemand unter den Barbaren des Lauenhofes gebildet habe , so habe sie auch ihre Meinung über dasselbe , und ihre Meinung sei , daß man dieses Kind , bloß um sie - Adelaide Klotilde Paula - zu ärgern , auf den Pfad des Verderbens hinausstoße . Sie wußte fest , daß es sich hier gar nicht um die Sorge für die Edukation des Junkers handle , sondern einzig und allein um eine giftige , heimtückische , boshafte Verschwörung und Verabredung gegen eine unglückliche , hülflose Persönlichkeit , deren Namen sie nicht nennen wolle , da es doch nichts helfe . Wie die eben versteinernde Niobe ihr Jüngstes , umfaßte sie den zerknirschten Hennig und fand ebensowenig Erbarmen als jene , obgleich sie jedesmal , ehe sie in Krämpfe verfiel , außer sich vor tragischem Weh , schrie : noch nie sei für einen echten Kavalier etwas Gutes und Anständiges aus diesem In-und Auf-Schulen-Gehen zum Vorschein gekommen , und durch hundert traurige Beispiele aus der Geschichte des hohen und niedern europäischen Adels wolle sie das beweisen und belegen . Wenn sie dabei auf den Chevalier von Glaubigern sah wie die Gemahlin Amphions auf den hochgebildeten , aber rachgierigen Gott Apollo , so hatte das weiter keine Folgen , als daß der erstere alte Herr im Innersten seiner Seele wehmütig sagte : » Ach du lieber Gott , das wird eine schöne Zeit werden ! « Die gnädige Frau erwiderte auf alles , was das gnädige Fräulein vorbrachte , einfach : » Liebste Seele , daß Sie ein arges Lamento erheben würden , das hab ich im voraus gewußt , und daß ich mich sehr davor gefürchtet habe , das können Sie mir auf mein Wort glauben . Aber was hilft ' s ? Die Sache ist einmal beschlossen , und ich meine , Sie kennen mich gut genug , um zu wissen , daß sie nicht übers Knie abgebrochen wurde . Daß ich auf Ihre Meinung viel halte , Frölen , wissen Sie gleichfalls , wenn Sie ' s auch nicht zugestehen werden ; aber mein Seliger hat doch auch ein Wort mitzureden , und dessen Meinung war ' s item , daß der Junge nicht gänzlich unter uns Mistfinken hocken bleibe und ebenfalls zu einem werde . « Mistfinke ! ... Wir müssen leider das scheußliche Wort noch einmal hinschreiben ; denn seine Wirkung auf die Erbin von Byzanz war zu fürchterlich und wirkte wie ein Topf voll griechischen Feuers von den Mauern Konstantinopels auf ein sarazenisches Admiralschiff . Es hob die Versteinerung der Tochter des Tantalus vollständig auf ; Fräulein Adelaide ließ den Junker frei aus den Falten ihres Gewandes , richtete sich zur vollen Höhe ihrer majestätischen Erscheinung empor , sprach : » Ich habe keine Macht , mir das zu verbitten ; aber ich verbitte es mir doch ! « , wandte sich , ging die Treppe hinauf und ließ sich acht Tage lang das Essen auf ihr Zimmer schicken ! Den Junker nahm dann der Ritter von Glaubigern mit auf seine Stube und wendete sich in langer , wohlgesetzter Rede erst an seine Vernunft sowie seinen Verstand , und als dieses nichts half , an sein Ehrgefühl , was von besserer Wirkung war . Die gnädige Frau , welche nicht die Zeit hatte , um , wie sie sagte , abgetane Geschichten noch einmal breitzutreten , ging ihren Geschäften mit gewohnter energischer Gemütsruhe nach und machte sich ein Vergnügen daraus , das Fräulein in seiner grämlichen und gramvollen Abgeschlossenheit mit den lieblichsten Delikatessen der Jahreszeit zu versorgen . Um Weihnachten machte das Schicksal den letzten Schwankungen im Busen Hennigs dadurch ein Ende , daß es den Sohn des Pastors von Krodebeck , den lieben Franz Buschmann , zum erstenmal als Unterquartaner mit einer roten Mütze von Halberstadt nach Hause führte . Der liebe Franz , sonst ein blöder , etwas heimtückischer Knabe , trat jetzt stolz und überlegen dem frühern Spielkameraden entgegen und fand selbstverständlich einen großen Reiz darin , ihn durch seine Würde und Welterfahrung niederzudrücken . Hennig prügelte ihn zwar hinter der Pfarrscheune jämmerlich durch und warf die rote Mütze in die nächste Pferdeschwemme ; allein moralisch erlag er jedoch vollständig gegen den Pastorenfranz . Dieses zeigte sich vorzüglich daran , daß er eine halbe Stunde nach dem Kampfe gegen seine kleine Freundin im Siechenhause in ganz derselben Art und Weise renommierte , wie Franz gegen ihn geprahlt hatte , und sich in den glorreichsten Phantasien darüber erging , wie er nun ebenfalls in