standen einen Augenblick , als ob ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten , und eilten dann wieder zu dem Unglücklichen , um den sich bald noch ein dichterer Kreis gebildet hatte als vorher . Und nun regte sich in dem Unglücklichen wieder der frühere Trotz , der für das bestgemeinte Wort im besten Falle nur ein bitteres Lächeln zur Antwort hatte . Das wurde nicht anders , bis Jos die Stimme Dorotheens hörte , welche sich mit Gewalt durch die müßigen Zuschauer zu ihm hinarbeitete . » Wie ist ' s doch gegangen ? Was fehlt ihm ? Kann er wirklich gar nicht mehr gehen ? Ist denn um Gottes willen noch kein Doktor da ? « So fragte das Mädchen so schnell nacheinander , daß kein Mensch zum Antworten kommen konnte . Jos strengte noch einmal alle seine Kräfte zum Aufstehen an . Es war vergebens ; er mußte sich ins Unabänderliche fügen , mußte leiden , wie er noch niemals litt , an Leib und Seele zugleich . Nichts ist so herb , nichts so beinahe unerträglich , als wenn man auf einmal seine liebsten Pläne und Hoffnungen als tote Last auf dem Gewissen fühlt , wenn man sich sagen muß , daß man sich selbst aus seinem Glückshimmel stürzte . Jos schien ein ganz anderer geworden , seit er Dorotheens auch in der Aufregung noch so leicht erkennbare Stimme hörte . Bisher hatte jede leise Bewegung nur die in seinem Innern kochende Wut verraten , so daß den Umstehenden immer doppelt weh und bange war ; jetzt aber begann sein ganzer Körper zu beben , wie vom Frost des Fiebers geschüttelt , und die zitternden Hände suchten umsonst die aus den halbgeschlossenen Augen hervorquellenden Tränen zu verbergen . Dorotheens fortgesetzte Fragen , noch viel dringlicher als die früher von den anderen an ihn gerichteten , die er nur trotzig zurückwies , machten ihn ganz weich , und nur vor Weinen war er nicht imstande , sie so schnell zu beantworten , als sie an ihn gerichtet wurden . Jetzt erst dachte er auch an seine gute Mutter . Sie hatte doch wahrlich nicht verdient , auch das noch an ihm zu erleben . Ach , die lieben Bilder aus vergangenen Tagen , das schöne Leben neben Dorotheen auf dem Stighof , es war nicht etwa nur einfach dahin , verschwunden und verloren , sondern war ihm zur drückenden Last , und alle Rosen , die ihm auf seinem Lebenswege jemals blühten , hatten sich in schmerzlich stechende Dornen verwandelt . Er hatte geglaubt , Dorotheen verachten , hassen zu können als die Gefühllose , die berechnende Geliebte des reichen Bauern , nun aber lag er wehrlos und unfähig zu Spott und Trotz . Nur noch weinen konnte er , und weinen mußte er , wenn ihm auch mit verhaltenen Augen die Anwesenheit der vielen Neugierigen schmerzlich gegenwärtig blieb . Dorotheens Erscheinen und ihre Fragen brachten etwas Leben in die Menge , die vorher wie erstarrt um den Leidenden herumstand . Vielleicht mochten die von der Magd gestellten Fragen an manches Versäumnis erinnern , und dazu kam noch , daß die Veränderung im Wesen des Unglücklichen keinem einzigen ganz entging und alle etwas weicher stimmte . Jedermann wollte nun gleich etwas für ihn tun . Während viele , ohne noch Regenschirme mitzunehmen , forteilten , um den Doktor zugleich daheim und in allen Wirtshäusern zu suchen , brachten die Zurückgebliebenen Salben und Wein , Binden und Tücher aus dem Hause oder trugen aus der Nachbarschaft herbei , was in Hausarzneibüchern belesene Mütterchen nur immer wünschen und empfehlen mochten . Als Dorotheens weiche , jetzt leise zitternde Hand das Haupt des Verwundeten berührte - sie tat das so leise , daß man glauben mußte , er werde es gar nicht merken - , da öffnete er die Augen wieder und schaute zu ihr empor , so freudig stolz und doch auch wieder so demütig bittend , daß das Mädchen erbebte vor dem Blicke , in welchem des guten Burschen ganze Seele lag . Ja , sie , die bisher sich so tapfer gehalten , wurde jetzt schwach und vergaß in der Verwirrung die Umstehenden und was sie eigentlich wollte . Zitternd stand sie da und wurde bald blaß , bald rot , bis ihr endlich die Wirtin ungeduldig das Wasserglas abnahm und den Kopf des Jos zu waschen begann . Erst als der Unglückliche auf die in der Eile zusammengeflickte Tragbahre gelegt und heimgebracht werden sollte , kam Dorothee wieder vollkommen zu sich selbst , und während sie sich umsah , ob nicht auch etwa einem anderen Mädchen beim Anblicke des Blutenden beinahe übel geworden sei - wie ihr - , befahl sie den Trägern die größte Sorgfalt , damit nicht am Ende das Unglück durch ihre Schuld noch größer werde . Während sie nun mit der kleinen , stillen Gesellschaft das Haus verließ , wurde droben getanzt und gejubelt , daß die Fluh drüben über der Ach die frohen Töne auch da noch wiedergab , als sie schon zu weit ins Argenauer Dörflein hineingekommen waren , um aus dem Wirtshause selbst noch etwas hören zu können . Dorotheen kam das jetzt ganz verrückt , ja unmenschlich herzlos und grausam vor , so daß in ihr der Vorsatz erwachte , ihr Lebtag keine Tanzmusik mehr zu besuchen . » Kann man « , mußte sie sich fragen , » so fröhlich sein , nachdem man so kalt und lieblos war ? Sieht niemand die Lücke , die das Unglück in dem frohen Kreise riß ? « Allerdings lärmte die Fluh herüber , daß man das könne , und von dem , der sich da seufzend zum armen Mütterlein tragen lassen mußte , sagte sie nichts . Aber war ' s denn am Ende nicht mit jedem Vergnügen so , wenn auch der Leidende nicht so hart daneben und für sie so hörbar ächzte ? Was mochte nicht schon vielleicht beim nächsten Nachbar alles vorgefallen sein , während ihr