mit den Augen zwinkern , Hände und Knie aneinanderreiben . Wenn aber Hans den Wortschwall gehörig verdaut hatte , wozu er öfters mehrere Tage , jedenfalls aber eine Stunde nötig hatte , ermangelte er nicht , seine Einwendungen und seine Verwahrungen gegen solche Sophismen gehörig vorzubringen , worauf er durch die talmudistische Spitzfindigkeit natürlich von neuem in eine gelinde Betäubung versetzt wurde . Das oft so närrische und triviale Treiben unserer deutschen Universitäten ist nur allzuoft mit Begeisterung beschrieben worden ; Hans und Moses wurden wenig davon berührt ; das , was die Mehrzahl sich unter einem » Studenten « vorstellt , war keiner von beiden . Hans ging ganz unangefochten seinen Weg , und Moses hätte es auch so haben können , wenn er nicht durch zwei Charakterzüge mehrfach in unangenehme Vorfälle verwickelt worden wäre . Wir müssen leider an dieser Stelle eingestehen , daß er nicht nur sehr naseweis , sondern auch im höchsten Grade neugierig war und daß er seiner Neugier oft sogar die gewohnte Klugheit und gepriesene Logik zum Opfer brachte . Die Folge davon war , daß er zum öftern in Lagen geriet , aus welchen ihn ein schlagfertiger Arm leichter und anständiger erlöst hätte als sein schlagfertiges Maul . Aber viele große Männer haben die Meinung der Welt , insofern sie ihnen keinen Schaden bringen konnte , verachtet , und so trug es auch Moses Freudenstein mit ziemlichem Gleichmut , wenn er dann und wann für einen Duckmäuser und » schofeln Kerl « erklärt wurde . - Nach dem ersten Semester bereits sah Hans Unwirrsch ein , daß er mehr für die praktische als für die theoretische Theologie bestimmt sei . Mit Eifer suchte er unter der Leitung des Professors Vogelsang die hohen Geheimnisse der Homiletik zu ergründen ; und wenn er einst als Kind in seiner Mutter Stube der Base Schlotterbeck erbauliche Predigten gehalten hatte , so erbaute er jetzt sich selber nächtlicherweise , erboste aber dadurch nicht wenig seinen Stubennachbar , einen Mediziner , der meistens sehr spät und sehr betrunken nach Haus kam . Es war für den Redner nicht gerade angenehm , statt durch das Schluchzen einer höchlichst gerührten Zuhörerschaft durch ein ärgerliches Klopfen des Stiefelknechtes an der dünnen Wand akkompagniert zu werden und dumpf dazwischen allerlei böse Wünsche für den » wahnsinnigen Bonzen « zu vernehmen . Am Tage war die Sache noch schlimmer ; dann hatte der Mediziner gewöhnlich den Katzenjammer und konnte das Predigen noch weniger vertragen . Die Versunkenheit des Menschen war so groß , daß er selbst in den Momenten kläglichster Auflösung noch imstande war , dem armen Hans sein Mißfallen zu erkennen zu geben . Am liebsten hielt Hans daher seine Predigten im Freien . Längst hatte er den Weg zu dem Berge , den er von seinem Fenster aus erblickte , gefunden . Dort unter den schattigen Bäumen , und vorzüglich unter einer hohen Eiche auf einer engen Waldwiese , richtete er seine Kanzel auf , predigte er den Vögeln ; und es war ein ganz ander Ding , wenn der Kuckuck , als wenn der Mediziner die Responsen sang . Unter der großen Eiche war der Prädikante vor noch einem andern Freudenstörer sicher , vor dem berühmten Professor Vogelsang nämlich . Dieser ehrwürdige Herr war nicht immer , ja sogar sehr selten mit der Art zufrieden , in welcher Hans die gegebenen Themata behandelte . Er - der Professor - fand in den Reden des Schülers viel zuviel » Poäsie « , viel zuviel Naturschwärmerei ; er witterte sogar stellenweise einen Duft von Pantheismus , der seiner orthodoxen Nase im höchsten Grade widerlich war ; aber er hatte gut reden , er war nicht der Abkömmling einer so langen Reihe nachdenklicher , grübelnder Schuster , und über seine Wiege hatte wahrlich nicht die wundersame schwebende Kugel , die auch über Jakob Böhmes Tisch hing , ihr Licht ergossen . Finke und Specht im Walde waren duldsamer als der Professor , das Eichhorn sah von seinem Zweig nicht so grimmig herab wie der Professor von seinem Katheder ; und wenn der Prediger in der Wildnis an den Rand des Holzes vortrat und die Aussicht über Tal , Stadt , Berg und Ebene bis zur blauesten Ferne sich vor ihm entfaltete , so lag in dem Sonnenschein , der das alles überstrahlte , selber etwas so Pantheistisches , daß es dem Professor nicht zu verargen war , wenn er niemals solch einen Berg bestieg und von der weiten Welt und ihren Wundern , die außerhalb seiner vier Wände lagen , nur mit Geächz , Geseufz und Gestöhn sprach . - In den Kollegien , die der Professor Gingler über praktische Pastoralklugheit hielt , träumte Hans viel Angenehmes und Idyllisches von einer künftigen Dorfpfarre unter Blumen , Kornfeldern und frommen Bauern . Der näselnde Vortrag in den Mittagsstunden war ganz geeignet , dabei allerlei Phantasien über Trösten der Kranken , Kindtaufen , Hochzeiten sich hinzugeben ; Hans mußte die Enttäuschungen , die er später erfuhr , als er in Grunzenow das Ideal mit der Wirklichkeit verglich , dann auch hinnehmen . In die dornigen Wüsteneien der Kasuistik führte ihn der Doktor und Professor Mundrecht , und in diesem Kolleg traf er stets mit einem eifrigen Hospitanten , dem Philosophen Moses Freudenstein , zusammen , welcher bereits so viel Fetzen seines bessern Selbstes an den Büschen hatte hängenlassen , daß ihm der Geistesglanz dieses hell leuchtenden Kirchenlichtes wenig mehr schaden konnte . Die Jahreszeiten wechselten nach altgewohnter Weise ; vorwärtsstrebten beide jungen Männer , jeder in seiner Art , mit nie erlöschendem Hunger nach dem Wissen . Beim Beginn jeder Ferien schnürte Hans seinen Ranzen mit hoher Freude zur Fahrt nach der Heimat und steuerte derselben manchmal auf einem kleinen Umwege , aber immer mit dem nämlichen Behagen entgegen . Und jedesmal trat er mit lichterm Haupt und mit erweitertem Herzen in den kleinen , engen Kreis der treuen , beschränkten Menschen , die er hinter sich zurückgelassen hatte , die er aber nicht verachtete ,