zu beeilen . Sie haben noch fünfundzwanzig Minuten Zeit ; die Post ist drei Schritt von hier . Glaubten , der Herr würde noch die Nacht bleiben . Hätten sonst dies Zimmer an eine Dame geben können , die so eben angekommen ist und den Salon nebenan und zwei Zimmer bestellt hat . Mußten ihr die Zimmer links geben , die freilich für eine so schöne Dame nicht gut genug sind . Der Kellner sprach diese Worte in einem Flüstern , das auf eine gewisse Undichtigkeit der Thüren in dem » Curhause « schließen ließ . Wer ist die Dame ? fragte Oswald , indem er seinen Koffer zuschnallte . Eine Frau von Berkow ; alte Bekannte von uns . Erzählte dem Herrn schon heute Morgen davon . Werde sogleich den Hausknecht schicken , daß er den Koffer auf die Post trägt . Sonst nichts zu befehlen , mein Herr ? Der Kellner verließ mit einer kühnen Schwenkung seiner Serviette das Zimmer . Oswald richtete sich in die Höhe . Sein Gesicht war todtenbleich . Er mußte sich an dem Tisch halten ; seine Glieder flogen . Hatte er denn recht gehört ? Melitta hier ? in diesem Hause ? in dem nächsten Zimmer ? Wie kam sie hierher ? Was wollte sie hier ? wen suchte sie hier ? hier an diesem Orte , an den sich für sie so wichtige Erinnerungen knüpften ? War dies ein Zufall ? war es Absicht ? war es möglich , daß sie seinethalben hier war ? hatte sie das Ziel seiner Reise in Erfahrung gebracht ? suchte sie ihn ? hatte sie den Brief , den er ihr von Grenwitz aus , nach Bruno ' s Tode und eine Stunde vor dem Duell mit Felix nach Berkow schrieb , den Brief , in welchem er ihr mit einer apathischen Grausamkeit , die er für Heroismus hielt , sagte , daß sein Herz ihr nicht mehr ganz gehöre , daß er sie und sich selbst nicht täuschen wolle und könne , daß er für immer von ihr - und vielleicht von dem Leben - Abschied nehme , nicht erhalten ? oder hatte sie ihn erhalten und mit der Ungläubigkeit eines liebenden Herzens gelesen , das die Treulosigkeit nicht versteht , weil es selbst nur treue Liebe kennt ? War sie hier , ihm zu sagen , daß sie ihm verziehen habe ? daß sie noch immer seine Melitta sei ? Würde sie , wenn er jetzt zu ihr eilte und ihr zu Füßen sänke , den Reuigen vom Boden aufheben , ihm sagen , daß Alles vergessen und vergeben sei ? daß sie ihm nie gezürnt habe ? Er lauschte , ob sich nebenan etwas rege . Er hörte nichts , nichts als das Klopfen seines ungestüm pochenden Herzens . Sie war allein ! sie harrte vielleicht seines Kommens ! sollten sie wirklich wiederkehren die seligen Tage von Berkow ? sollte wirklich noch Alles , Alles gut werden ? Er lauschte ; er hörte nebenan die Thür gehen . Es wird ein Kellner sein , der einen Auftrag ausgerichtet hat ! Eine tiefe Männerstimme ! die weiche Stimme einer Frau ! Die weiche Stimme war Melitta ' s Stimme ; aber die andere ? Er lauschte . Die Stimmen wurden lauter , deutlicher . Ein convulsivisches Zucken flog über das Gesicht des Lauschers ; ein heiseres , unheimliches Lachen brach aus seiner Kehle . Der Mann , der mit Melitta so eifrig sprach , - war Baron Oldenburg ! Das Sopha , auf dem die Redenden saßen , stand dicht an der Thür , welche die beiden Zimmer verband . Oswald konnte nicht Alles verstehen , was sie sprachen ; aber wozu denn auch das ? Die Zusammenkunft der Beiden hier in diesem abgelegenen Städtchen , das schon einmal der Ort ihrer verstohlenen Rendezvous gewesen war , sprach beredt genug . So hatte er denn doch recht gehabt ! so hatten die Beiden ihn von Anfang an genasführt ! Er hatte an Melitta nicht gefrevelt , was sie nicht an ihm gesündigt hatte . Die Rechnung war quitt ! Es klopfte an die Thür . Der Hausknecht erschien , den Koffer des Herrn auf die Post zu bringen . Es ist die höchste Zeit , mein Herr . Der Postillon hat schon zweimal geblasen . Oswald folgte mechanisch dem Manne über den Corridor weg , zum Hause hinaus , über die dunkle Straße an den Postwagen . Eine Minute später rollte der Wagen über das holprige Pflaster davon . Der Postillon blies ein lustiges Liedel in die stille Nacht hinaus und Oswald summte zur Melodie den Text : Sich selbst verachten ; die Welt verachten ; verachten , daß man verachtet wird ! Elftes Capitel Es war in der ersten Frühstunde eines trüben Herbsttages . In den Bergen um Fichtenau braute der Nebel so dicht , daß , wer auf der Landstraße , die sich gleich hinter dem Städtchen , steil aufsteigend , in die Wälder verliert , dahinfuhr , kaum die ersten Tannen an dem Rande unterscheiden konnte . An dem Wegrande , an einer Stelle , wo sich zwei Straßen kreuzten , saßen Xenobi und die Czika . In dem Graben vor ihnen weidete ihr treuer Gefährte auf allen Irrzügen , der kleine Esel mit dem rothen Federbusch auf dem Kopf und der rothen Schabracke auf dem Rücken , das kurze , halbfaule Gras . Es schien ihm nicht sonderlich zu munden : er schüttelte oft unwillig den dicken Kopf , als wollte er sagen : ich bin genügsam , aber es hat Alles seine Grenzen . Auch der Zigeunerin und dem Kinde konnte das Wetter nicht eben behagen . Sie saßen da , jedes in ein grobes Tuch gehüllt , stumm und regungslos , wie zwei ägyptische Statuen . Diese Haltung , die an dem Weibe erklärlich sein mochte , hatte etwas Unheimliches bei einem so jungen Geschöpf wie Czika . Und auch Xenobi selbst war nicht mehr das stahlkräftige