allen sogenannten Volksfreunden früher und jetzt habe nur noch jeder seinen persönlichen Vortheil im Auge gehabt . Der Eine verkaufe seine Grundsätze ein wenig theurer als der Andere - der Eine lasse sich seine Apostasie mit Geld , ein Zweiter mit Ehrenstellen , ein Anderer wieder anders bezahlen - das sei aber auch der ganze Unterschied . Damals widersprach ich natürlich lebhaft - es war gleich zu Anfang meines hiesigen Aufenthalts - ich weiß nicht , ob ich noch heut dazu den Muth hätte . Denn , mein Freund , ich denke an Marie Antoinette , und denke , wenn eine andere Frau , so schön und so geistreich , wie die unglückliche Königin , eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der Stimme und dem Liebreiz , wie - nun wie mein Ideal , die Frau , die ich lieben könnte , lieben müßte - zu mir spräche : Das Abschwören Deiner Grundsätze ist der Preis meiner Gunst ! - Gott , sie wird es nicht sagen , sie kann es nicht sagen , denn ich will glauben , daß in dem schönsten Körper die schönste Seele wohne ; aber , wenn sie dennoch in den Vorurtheilen ihres Standes so befangen wäre - wie dann ? O , ich fühle , nein , ich weiß , daß ich ihren Worten , ihren Thränen nicht widerstehen könnte ; daß vor der Gluth ihrer Küsse , dem Feuer ihrer Blicke die stolze Kraft hinschmelzen würde , wie Wachs ; daß , wenn sie ihre weichen Arme um mich schlänge , ich nicht im Stande wäre , mich loszureißen ; daß aus der gepreßten Brust kein Wort des Zornes , kein Wort des Hohnes sich losringen würde , nein ! nur das eine Wort : ich liebe Dich ! Sie lächeln , o mein Freund , daß mich eine bloße Hypothese , ein bloßes Problema so in Aufregung versetzen kann . Sie denken , in der kühlen Luft der Wirklichkeit gedeihen dergleichen phantastische Treibhauspflanzen nicht . Nun wohl , das Ganze ist nur ein Problema , und wollte Gott , es bliebe problematisch ! ... Sechszehntes Capitel Gott zum Gruß , lieber Herr College ! Viele Empfehlungen von Frau von Berkow , und hier schickt sie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur gefälligen Ansicht , aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurückgenommen . So sprach lächelnd ein kleiner , blasser , schwarzhaariger , Brille tragender , etwas unmodisch , aber sehr sauber und nett gekleideter Herr von etwa dreißig Jahren , der am Nachmittag desselben Tages , einen Knaben an der Hand führend , in Oswalds Zimmer trat . Seien Sie bestens willkommen ! sprach dieser , sich hastig aus der Sophaecke erhebend , in welcher er , in Sinnen und Brüten versunken , gesessen hatte , und reichte dem Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand . Mit unendlichem Interesse blieb sein Blick auf dem Knaben haften , dem Sohn der Frau , die er liebte . Julius von Berkow war eine reizende Erscheinung . Die Blouse von dunkelgrünem Sammet , die er mit einem breiten Riemen um den schlanken Leib gegürtet trug , gab ihm das Aussehen eines allerliebsten kleinen Pagen . Dunkle Locken wallten in weichen Ringeln von dem edelgeformten Kopfe , sein Gesicht war mädchenhaft schön und zart , und Oswald zuckte zusammen , als er die warme , weiche Hand des Knaben für einen Augenblick in der seinen hielt , und in die großen lichtbraunen , träumerischen Augen schaute . Es war ihm , als hätte er Melitta ' s Hand berührt , als hätte er in Melitta ' s Augen geschaut . Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen , Herr Bemperlein , sagte er , seine Verwirrung bemeisternd , daß Sie noch die Zeit gefunden haben , herüber zu kommen . Aufrichtig , ich habe Sie heute halb und halb erwartet , um so mehr , als Bruno es für eine Unmöglichkeit hielt , Julius könne abreisen , ohne vorher von ihm förmlichen Abschied genommen zu haben . Da sprang die Thür auf und herein stürzte Bruno , ein mächtiges Butterbrod in der Hand . Hurrah , Julius , Zuckerpuppe ! schrie er , Dein Glück , daß Du gekommen bist ! Ich wäre Dir sonst nach Grünwald nachgelaufen , Dich auf offener Straße durchzuprügeln . Hier , beiß ab ! Das letzte Butterbrot , das wir für lange Zeit mit einander theilen ! Und nun komm ! wir wollen noch einmal durch den Garten in den Wald laufen . Sie bleiben doch zu Abend hier , Herr Bemperlein ? Non , Monseigneur ! erwiderte hier , der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und sich den Schweiß von der Stirn trocknete ; unsere Augenblicke sind gezählt . Sie würden mich verbinden , wenn Sie Ihre Excursionen nicht über den Garten ausdehnten und vor allem , wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben würfen , wie das letzte Mal . Julius , habe ich Dich in den Graben geworfen ? Nein , aber herausgezogen , nachdem ich hineingefallen war . Nun , so komm mein Zuckerpüppchen ! rief Bruno , hob den schmächtigen Knaben in seinen Armen empor und trug ihn zur Stube hinaus . Ist das ein Junge ! sagte Herr Bemperlein ; Herr meines Lebens , ist das ein Junge ! Wahrlich , Herr Colega , ich bewundere Sie . Weshalb ? Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet sehe , und nicht umhüllt mit dreifachem Erz , wie der erste Schiffer des Horaz , und wie , meiner Meinung nach , der Mann gepanzert sein muß , der es mit solch ' einem Seeungeheuer , so einem Hayfisch , so einem stachlichen Rochen - ich meine Bruno - zu thun hat . Um Himmelswillen , Herr Bemperlein , sagen Sie mir nicht , wenn wir Freunde werden wollen , daß Sie Bruno nicht leiden können . Ich ihn nicht leiden können ! Ich liebe ihn wie einen Sturm auf der See