Dich störe ! der Vater schickt mich mit einer Frage . « Regina ließ das Buch , worin sie las , auf ihre Knie sinken und sah ihn an , so unbefangen - so entsetzlich unbefangen diese Frage erwartend , daß es dem armen Uriel unmöglich war , eine andere über die Lippen zu bringen , als die : » Welch ' ein Buch liest Du ? « » Will der Vater wissen , was ich lese ? « entgegnete sie . » Es ist die Philothea , vom heiligen Franz von Sales ; - sieh ' ! « Sie reichte ihm das Buch . Uriel nahm es und sagte , indem er in das Buch blickte : » Ich möchte Dich um etwas bitten , Regina . « » Was wünschest Du , lieber Uriel ? « fragte sie sanft . Er schloß das Buch , legte es auf den Tisch und sagte , indem er zum erstenmal Regina ins Auge schaute : » Dein Herz und Deine Hand . « Sie errötete , legte die Hand über ihre Augen und entgegnete mit gepreßter Stimme : » Nach allem , was ich dem Vater gesagt habe , hoffte ich , daß er Dir und mir diesen Augenblick ersparen und Dir meinen Entschluß mitteilen würde . « » Er hat es getan , Regina . « Sie ließ die Hand sinken und sagte mit ihrer gewohnten freundlichen Ruhe : » Warum fragst Du mich denn ? « » Weil ich Dich liebe , Regina ! « erwiderte er aus voller Seele . Sie schwieg ; denn sie fühlte , daß das für Uriel ein giltiger Grund sei . » Und weil ich hoffe , « wollte er fortfahren . » Nein ! « unterbrach ihn Regina , » hoffe nicht ! « Sprichst Du von Liebe , Uriel , so kann ich nur Gott bitten , daß er sie Dir aus Deinem Herzen nehme . Sprichst Du aber von Hoffnung - die kann ich Dir selbst nehmen ! « » So laß mich von Liebe sprechen , « entgegnete er ; » vielleicht lernst Du sie verstehen . « » Ich verstehe sie wohl - und gerade deshalb weiß ich , daß sie nicht für mich ist . « » Weshalb willst Du Dich seitab von uns allen stellen und Dich zu jenen Ausnahmen halten , die mehr zu bewundern , als nachzuahmen sind ? Denke an unsere Mütter ! Gab es frömmere , liebevollere , edlere Seelen ? hätten sie im Kloster vollkommener sein können , Regina ? « » Nein , sie nicht ! denn Gott rief sie nicht dahin ! « » Oder glaubst Du , daß eine Frau , wie Deine Mutter - mit einem so großen Herzen , daß sie einer Schar verwaister Kinder Mutter wurde - und mit einem so demütigen Herzen , daß ihr Leben ein beständiges Opfer gewesen war - nicht sehr wohlgefällig vor Gott gewesen sei ? « » Möchte ich dereinst so wie sie vor Gott bestehen ! « sagte Regina , und zwei große Tränen fielen von ihren Wimpern . » Nun , was fürchtest Du denn , Regina ? Fürchtest Du , ich könnte Deine religiösen Überzeugungen nicht teilen ? aber Du weißt ja das Gegenteil ! Oder ich könnte Dich in Lebensverhältnisse einführen wollen , die Dir nicht zusagen ? aber ich kann sie ja so gestalten , wie sie Deiner Neigung entsprechen , und das würde zugleich immer die meine sein . « » Ich fürchte das alles gar nicht , Uriel , aber ... ich liebe Dich nicht und werde Dich niemals lieben . « » Und ich liebe Dich so , daß ich Deinen Worten keinen Glauben schenke . « » Ein seltsamer Beweis von Liebe ! « rief sie lächelnd . » Denn ich traue mir zu , in die Schranken zu treten und Dich Gott abzuringen , ohne das Heil Deiner Seele zu gefährden . Im Kloster kannst Du Dich allein heiligen ; in der Ehe auch mich , und zwei Seelen sind mehr wert als eine . Das bring ' in Anschlag bei Deinen egoistischen Projekten , die Du gewiß in aufrichtiger Frömmigkeit , aber im Mangel eines gründlichen Verständnisses gemacht hast . Du bist nicht vereinzelt auf der Welt und hast folglich auch kein Recht , Dich und Dein Glück in der Vereinzelung zu erfassen . Das tut nur die Blüte des Egoismus : blinde Leidenschaft . « Regina hörte ihn ruhig an : » Es geht mir wie dem großen Freund Gottes , dem armen Job , « sagte sie endlich : » ich kann Dir auf Tausend nicht Eins antworten . Alles , was Du sagst , ist richtig ; aber innerhalb gewisser Schranken irdischer Glücksbedürftigkeit , irdischer Lebensauffassung und der Annahme , daß man Gott nicht ausschließlich lieben könne , ja kaum dürfe und daß das Geschöpf ein höheres Recht an uns habe , als der Schöpfer . Diese Annahme ist aber nicht in göttlicher Wahrheit begründet , was uns das Evangelium durch den heiligen Apostel Paulus lehrt , der ausdrücklich den jungfräulichen Stand über den ehelichen stellt , und zwar deshalb , weil dieser seine Richtung auf das Wohlgefallen des Geschöpfes , jener auf das des Schöpfers nehme . Wer das Verlangen nach irdischem Glück spürt , wähle den Stand , der es ihm durch das Geschöpf und durch menschliche Verhältnisse darbietet ; das tun viele Millionen , und wir wollen ihnen von Herzen wünschen und hoffen , daß sie sich heiligen . Diese in ' s Ordensleben zu versetzen , wäre grausam und unsinnig . Wer aber sagt und mit dem Herzen sagt : Solo Dios basta , und die jungfräuliche Gottesmutter und den heiligen Apostel Paulus , und Tausende von Heiligen und von frommen Ordensleuten , und den ganzen Priesterstand der heiligen Kirche für sich hat und leben will wie sie : der faßt es nicht , lieber Uriel , wie man ihm ein