war keine solche Macht , die ihn nur zum Widerstande hätte reizen können . Ein seiner Reize selbst unbewußtes , sich vertrauensvoll an ihn schmiegendes Kind war es , was nicht des eigenen Genusses wegen , sondern aus Liebe zu ihm , sich ihm überließ , auf seinen leisesten Wunsch lauschte , um ihn , kaum ausgesprochen , erfüllen zu können . - Darauf war er nicht gefaßt . - Seine Stimme zitterte fast , als er auf ihre Frage erwiederte : » Ich glaube , daß Du ein gutes Kind bist , Lydia . « » So hältst Du mich also nicht für eitel ? « - sagte sie heiter lächelnd , ohne Ahnung von dem Sturme , der in diesem Augenblick seine Brust durchwühlte . » Das freut mich , Richard . Denn ich glaube , daß Du das besser wissen mußt , als ich selbst . « Nachdenklich fuhr sie fort : » Man weiß wohl eigentlich selten , wie es im Grunde hier aussieht ; meinst Du nicht auch , Richard ? « - Sie legte den Zeigefinger auf dieselbe Stelle , auf der vorhin Gertruds Hand gelegen . So stürmisch es damals dort pochte , so ruhig war es jetzt . Landsfeld wußte nur noch zwei Mittel , um den künstlichen Damm , welchen er um seine Empfindung gezogen hatte , vor dem Durchbruch zu bewahren . Das eine war schleunige Flucht . Aber er schämte sich vor sich selber , als er daran dachte . » Ich will ' s wagen « - sagte er zu sich , das andere Mittel erwägend . » Das ist der ewige Widerspruch im Menschen « - sagte er ernst . » Die Gegenwart ist gerade das , wovon man am wenigsten weiß . Daher fürchtet man sich vor der Gefahr und selbst , nachdem sie schon verschwunden ist , in der Erinnerung weit mehr , als in dem Moment , wo man mitten darin ist . Wie mit der Furcht , so ist ' s auch mit der Hoffnung , mit der Erwartung überhaupt , sei ' s des Glücks und der Seligkeit , sei ' s des Schmerzes und der Trauer . Wie war Dir , Lydia , vor jenem Augenblicke , wo ich an Deine Thüre klopfte ? Jetzt bist Du ruhig , warst Du es damals auch ? - Bist Du es jetzt , da Du daran denkst ? « » Es ist wahr , Richard « - sagte sie erglühend . » Welches Gefühl es war , welches es auch jetzt ist , ich weiß es nicht , ich kann es nicht beschreiben - unnennbar , - überwältigend - tief beseligend - angsterfüllend . - - - - Richard ! « - Das letzte Wort sprach sie mit einem zugleich flehenden , zugleich hingebenden Tone . Landsfeld hielt mit der Rechten ihre Taille umschlungen . Mit der Linken zog er die Busennadel , welche ihr Nachtkleid über der Brust zusammenhielt , heraus . - » Bist Du nicht mein Weib ? « - flüsterte er , sich fester an sie schmiegend , mit jenem Vibriren der Stimme , das sie nur in der tiefsten Leidenschaft anzunehmen im Stande ist . » Fühlst Du nicht selber Sehnsucht , mein zu sein , Lydia - ganz mein zu sein ? « - Mit ängstlicher Erwartung blickte er ihr in das Auge , beobachtete er jede Muskel ihres Gesichts , während in seinem Innern der Kampf gegen die Macht der eigenen Leidenschaft fortwühlte . Ein feuchter Glanz schimmerte in ihren Blicken , aber es war nicht jenes verschwimmende , in eigener Gluth erstickende Feuer des Verlangens , nein , es war eine reine Thräne , die das ungewisse Bangen der Jungfräulichkeit , die Angst der mädchenhaften Schüchternheit ihr entpreßte . » Bin ich nicht ganz Dein « - sagte sie bebend - » Dein Weib ? Kann ich es mehr sein , als ich es bin ? Gehöre ich nicht ganz Dir , bist Du mir nicht Alles , mein Himmel , meine Seligkeit ? « Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und preßte sein Haupt an ihren Busen . Landsfeld fühlte sein Wogen , er hörte die verdoppelten Schläge ihres Herzens , und er konnte zu sich sagen : » Ist das nur Liebe ? Sollte kein sinnliches Verlangen in diesem ungestümen Pochen sprechen ? « - Der Gedanke machte ihn kalt . Er glaubte das richtige Mittel gefunden zu haben . - Sanft löste er ihre Arme und schaute sie lange , lange an . » Nicht wahr , Lydia , « - sagte er - » Du gewährst mir Alles , warum ich Dich bitte - und gern ? « » Alles , mein Geliebter , Du weißt es ja . Was hätte ich Dir zu versagen ? « - » Und gern ? « - fragte er dringend . Eine flüchtige Ahnung durchflog ihre Seele , daß sie noch mehr gewähren könnte , als was sie schon gewährt hatte . Unter tiefem Erröthen senkten sich ihre Blicke . - » Und gern ? « - fragte er noch dringender . - » Und gern « - antwortete sie kaum hörbar , ohne recht zu wissen , was sie damit sagte . - Er erblaßte , ein Zweifel stieg wieder in ihm auf . Aber er wollte Ueberzeugung . Seine Hand zitterte , als er leise die ihrige faßte , womit sie die keusche Brust bedeckte , deren stürmische Wellen das entfesselte Nachtkleid fortgeschoben . Sie zögerte . Aber ein Blick aus seinem Auge , worin eine tiefe innige Bitte glänzte , zwang sie fast wider Willen zum Nachgeben . Sie nahm die Hand von ihrer Brust und deckte sie vor das Auge . Er beugte sich nieder und drückte einen langen , glühenden Kuß auf ihren Busen . Eine nie geahnte Seligkeit durchzuckte ihn . Er hätte weinen mögen vor unnennbarer Lust . Und was er nie sich geträumt , vielweniger