» Nein , Sigismund , « erwiederte der Knabe , » mir wär ' s gar nicht gleichgiltig . Denn ich sehe nicht ein , wo die Menschen alle hinsollten mit dem Kniebeugen , und wenn sie übereinander fielen , müßt ' s doch recht curios lächerlich sein im Himmel . « » Ist das Dein Ernst , Felix ? « » Ja , Sigismund , man darf ' s aber nicht laut sagen . « - Mir ward zu eng . Der dampfende Weihrauch erregte mir Schwindel , ich wandte mich dem Ausgange zu . » Mutter , « rief Felix leise , » wir gehen fort , ich mag den Leib des Herrn nicht räuchern sehen . « Rosalie lag in Andacht hingesunken im Betstuhl . Sie hörte die kindische Bemerkung ihres Sohnes nicht , sie war in der That noch glücklich ! Nur das Weib in der Reinheit seines geistigen Seins , auch hier die Empfangende , kann sich ohne Argwohn der Innigkeit einer künstlich erregten Begeisterung überlassen . Dem Manne , diesem suchenden , forschenden und zerstörenden Ableger der Gottheit , sind jene künstlich-stillen Freuden des Seelenlebens nicht mehr verstattet in der Gegenwart . Ich meines Theils glaube sogar , es gibt von Natur gar keinen religiösen Mann mehr , und was sich in ihm noch dafür halten läßt , ist zur Religion gewordene Gewohnheit oder ein Aufnehmen des Weiblichen durch Entsagung kräftiger Männlichkeit . Auch besteht die Religion des Mannes jetzt mehr in der That , als im Gebet , und nur , weil unsere Zeit zu weibisch geworden , ist sie zu schwach zur Production einer gewaltigen That . Der Mann , welcher den Dom zu Köln erbaut hat , ist gewiß kein Frömmler , kein religiöser Beter im Sinne der Gewöhnlichkeit gewesen . - Niedergeschlagen , schweigsam , und fast , möcht ' ich sagen , zerrissen , weil ich nicht glücklich sein konnte , wie Rosalie , kehrte ich an ihrer und Felix ' Seite nach Hause zurück . Es war gut , daß der Knabe mich durch sein kindisches Plaudern unterhielt . Des Nachts . Indem ich jetzt in heiliger Nachteinsamkeit das heut Morgen an Dich Geschriebene wieder überlese , beschleicht mich der Gedanke , ich sei zum Gotteslästerer , zum Heretiker geworden , ohne es zu wissen und zu wollen . Die Unergründlichkeit unserer geistigen Natur ist die Säugamme unseres Elends ! Wir Alle suchen umher in den verstecktesten Winkeln des Lebens nach einem Rettungswege aus diesen dunklen Labyrinthen , die Weltirrthum und Weltforschung über uns hingebreitet . Der Zorn über unsere eigene Ohnmacht zupft die liebe Vernunft bei der Nase , und im liebevollen Hingeben unseres Selbst an das vermeint Göttliche brechen wir die Säulen wie der blinde Simson und begraben uns unter ihren tönenden Trümmern . Es muß , scheint mir , noch viel gelästert werden , Raimund , ehe der Tag neuer Weltheiligung über unser unglückliches Jahrhundert heraufleuchten wird . - Wenn ich hinausschiele durch das Fenster und die graue Masse des Domes emporsteigen sehe in den sternenbesäten Nachthimmel ; so beugt sich der friedliche Gott meines Herzens vor dem Heiligenschreine , den sich eines großen Mannes Begeisterung ausgemeißelt hat für seinen Gott . Dieser Bau weckt große Gedanken ; der Angstruf einer verschütteten Welt stammelt wie ein Sterbender in mir , ich möchte gern helfen und retten in dem allgemeinen Unglück , aber die Kraft will sich nicht erheben , weil der Einzelne in sich zu keiner Selbstbegeisterung mehr emporwachsen kann . Diese Impotenz ist entsittlichend und verweichlichend , weil durch sie die Männlichkeit anschwillt zur trägen , phlegmatischen Fettmasse . Bleibt wol noch etwas anderes übrig , als Bardeloh ' s verzweifelnde Verachtung , Mardochai ' s auflösender Haß , des Mönches Wahnwitz , Friedrich ' s Blödsinn oder Gleichmuth ' s raffinirte Selbstentweihung ? Hier liegt der Todtschlag des Jahrhunderts , der Mord unserer Kinder , die Selbstentleibung eines müden , lebensmattenund satten Welttheils ! O mir stürzen die Thränen über die Jammergestalt unserer Zeit , über mich , ihr unseligstes Kind , in die überwachten Augen ! - Es ist an der Zeit , Dir wieder ein Bruchstück aus Gleichmuth ' s Lebensgeschichte mitzutheilen . Anatomischer hat noch kein Gelehrter sein Seelenleben zergliedert . Daß es mir vergönnt wäre , diese Biographie von Religion , Cultus und kräftiger Menschlichkeit aller Welt in die tauben Ohren zu schreien ! Vielleicht lernte sie wieder hören und bekäm ' ein helles Auge und besseren Geschmack . Eine Restauration der gesunden fünf Sinne könnte ihr nur von Nutzen sein . Bekenntnisse eines durch Zeit , Menschen , Lehre und Streben Irregeleiteten . ( Fortsetzung . ) » Das Verschwinden Eduard ' s stimmte mich anfänglich überaus lustig . Es war mir neu , zu sehen , wie ein Mensch , hingerissen von der finstern Macht einer fixen Idee , die heitere Welt mit ihren spielenden Freudenklängen verlassen und freiwillig einer funfzehnjährigen Sklaverei sich hingeben konnte , aus der die Rückkehr zu den größten Unwahrscheinlichkeiten gehörte . Viele meiner sonstigen Bekannten spotteten gleich mir über den bigotten Schwärmer , waren aber in ' s Geheim der Meinung , der Verschwundene werde einmal unversehens in unserm lustigen Kreise wieder erscheinen . Das Letztere traf nun zwar nicht ein , wol aber erhielten wir unsichere Nachrichten von Eduard , die uns seinen Eintritt in ein Kloster sehr wahrscheinlich machten . Die Jugend hält sich nicht gern an Vergangenes ; ihr größter Reiz liegt im Erfassen des Augenblicks , der sie hinweghebt über Angst und Sorge des Lebens . Nach einigen Wochen war Eduard vergessen , nur meine Wette trieb unruhig , wie ein Nachtvogel , in düstern Träumen um meine verdämmerten Sinne . Die Notwendigkeit oder , wenn man lieber will , ein ironisches Pflichtgefühl , zwang mich , dem Studium der Theologie Zeit und Kräfte zu opfern . Anfangs vermeinte ich noch immer , es würde sich , aller Widersprüche ungeachtet , die der wahrhafte Mensch in mir gegen