zusammen , stand auf , und wünschte seinem Wirte gute Nacht . Wilhelmi überschaute das Zimmer , welches freilich einen ungewöhnlichen Anblick darbot , lachte herzlich , wie ein vergnügtes Kind , und rief : » Hier sieht es munter aus ! « Flämmchen war an einem Stuhle in tiefen Schlaf gesunken . Hermann versuchte , sie auf ihre Füße zu stellen , vergebens ! sie fiel immer wieder zusammen . Er wußte , daß sie von diesem Todesschlummer oft befallen wurde . Endlich lud er sie auf seine Arme und trug sie fort . Ihr Westchen war aufgegangen , die Nadel war aus dem Hemdkragen gewichen , der schönste , jüngste , frischeste Busen sah ihn an , als er sie auf ihr Lager niederlegte . Sein Blut , von der Schwärmerei des Abends erhitzt , wallte siedend auf , er wollte , wie vor einem Gespenste seiner Gedanken sich flüchten , weit , weit weg , und blieb gefesselt stehn , das schöne Kind mit seinen Blicken verschlingend . Endlich drückte er ihr einen heißen Kuß auf die Lippen , Tränen entstürzten seinen Augen ; er meinte , er sagte sich selber vor , daß er das arme verwahrlosete Geschöpf aus Mitleid geküßt habe . Durch die Nacht erklang von draußen ein Lied zur Gitarre . Eine tiefe , sonore Baßstimme sang folgende Strophen : Steh still mein Herz , und rühr ' dich nicht , Kannst ja ein zweites Herz nicht rühren ! Doch liebe , bis der Tod dich bricht , Ins Land der Kälte dich zu führen . Aus aller Blüten schönem Reich Hab ' ich die tauben nur erworben , Mein Leben ist ein welker Zweig , Ich bin allein , und schon gestorben ! Verwundert sah Hermann im nahen Hause des Arztes noch Licht . Er überzeugte sich , daß der Gesang aus dessen Zimmer kam . Was hatte der kalte , abgeschloßne Mann mit solchen Gefühlen zu schaffen ? Zwölftes Kapitel Wilhelmis Erwachen war äußerst schmerzlich . Der Diener Philipp hatte nicht gewagt , die Unordnung anzurühren ; er ließ alles stehn und liegen . Denn seiner Meinung nach war es bei dem Herrn nicht mit rechten Dingen zugegangen , und er wünschte , daß dieser sich selbst von dem Greuel überzeugen möge . » Bei uns hat der Satan gewirtschaftet , Herr Kammerrat « , sagte der Mensch , als er ihn endlich spät aus dem Bette holte . Wilhelmi fühlte sich matt und angegriffen , aber er meinte in die Erde zu sinken , als er sein Zimmer betrat . Schon der gedeckt stehngebliebne Tisch mit den Resten der Mahlzeit würde hingereicht haben , ihn höchlich zu verstimmen ; was war jedoch dieser Tisch gegen die Stühle , die Flämmchen in ihrem Mutwillen zu einer Pyramide zusammengeschoben , gegen den Tintenstrom , der sich aus der umgeworfnen Flasche ergossen hatte , gegen die zerschlagne Scheibe , und endlich gegen die Schnurrbärte des Plato und Pythagoras ? Ärgerlich befahl er dem Diener , schnell aufzuräumen , und ging zum Herzog , der , wie er hörte , schon nach ihm verlangt hatte . » Nun , Sie sind gestern abend recht lustig gewesen ! « rief ihm der Fürst heiter entgegen . » Ich habe die Genesung unsres jungen Freundes gefeiert « , versetzte Wilhelmi mit halber Stimme . » So werden wir ihn ja endlich auch wohl zu sehn bekommen « , sagte der Herzog einigermaßen empfindlich . » Aber die Briefe , wo sind sie ? lassen Sie mich sie unterschreiben ! « » Welche Briefe , Ew . Durchlaucht ? Ja , die Briefe ! - Großer Gott , die Briefe ! - O ich Unseliger ! « Es war Posttag . Wichtige Geschäftsbriefe , deren Abgang aus manchen Gründen beschleunigt werden mußte , waren zu schreiben gewesen ; Wilhelmi hatte sich vorgenommen gehabt , den Rest des Abends oder den frühen Morgen dazu zu verwenden , als er Hermann in sein Zimmer führte . Pünktlich sonst in seinem Dienste bis zum Pedantischen , war er jetzt so gröblich von der Regel abgewichen , welche den Ehren- und Angelpunkt seines Lebens bildete , und bei welcher Veranlassung ! Er geriet völlig außer sich , und ergoß seinen Kummer , ohne der Gegenwart des Herzogs zu achten , in einer verzweiflungsvollen Rede über die Schwäche und Inkonsequenz des Menschen . Kaum konnte ihn der Herzog , der diesen gewaltsamen Ausbruch eines unbegrenzten Pflichteifers ( denn darin suchte er den Grund desselben ) nicht ungern hörte , durch herablassende und gütige Worte einigermaßen beruhigen . Indessen kleidete sich Hermann an , um seinen Besuch bei der Fürstin zu machen . Zur guten Stunde war ein schwerer Geldbrief vom Oheim angelangt , nebst Abrechnung und Beilagen , die er durchzusehn , sich noch nicht die Zeit genommen hatte . Sogleich war ein Bote im gestreckten Trabe nach der Stadt geschickt worden , um das Notwendigste herbeizuschaffen , was zur anständigen Kleidung gehört . Mit großer Genugtuung vervollständigte er die ihm für Flämmchen anvertraute Summe wieder , von welcher er die Zeit her zu seinen Ausgaben hatte nehmen müssen . Es blieb ihm ein sehr bedeutender Überschuß , er sah sich im Spiegel vorteilhaft ausstaffiert , er fühlte sich frei , berechtigt , wie jeder mit Gelde versehne Mensch . Nur von der Ausschweifung der vergangnen Nacht empfand er noch einige Nachwehen . Aber auch diese verschwanden , als er in das Zimmer der Herzogin trat . Homer erzählt von einem Kraute Moly , dessen Genuß alle Einflüsse unheimlichen Zaubers abwendet , und es war Hermann , als habe ihm ein himmlisches Wesen so ein schützendes Mittel gereicht , da er den holden Duft süßer Wohnlichkeit einsog , der durch das heitre prächtige Gemach hinwehte . Die Herzogin hieß ihn freundlich willkommen ; er ward aufgefordert , ihrem Stickrahmen gegenüber Platz zu nehmen . Nun war ihm erst wie einem Gesunden zumute . Unterwegs hatte er einen Entschluß gefaßt , den auszuführen