der dem Aermeren giebt , ich muß Alles , selbst was mich bedeckt und kleidet , als etwas Geliehenes betrachten , worüber die Eigenthümer , sobald sie wollen , auch anders bestimmen können . O , wohl , fuhr sie klagend fort , hat die Gräfin recht , gänzliche Armuth ist ein schreckliches Unglück ; sie macht uns abhängig , nicht bloß in unseren Handlungen , in unseren Gedanken und Empfindungen sogar . Wie beneidenswerth , rief sie aus , ist das Loos des armen Tagelöhners gegen das meinige , die ich von scheinbarem Reichthume umgeben bin ; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit , ja mit dem Gefühle eines edeln Stolzes betrachten ; er hat durch seine Anstrengungen es als sein Eigenthum errungen , frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und Hülfloseren davon mittheilen , und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen , wenn liebevolle Blicke auf ihm ruhen , so fühlt er sich befriedigt ; er hat diesen Dank , diese Liebe verdient ; aber ich , was kann ich thun ? Geliehenes Gut an Andere abtreten , das mir alsdann sogleich auf das Großmüthigste ersetzt wird . Ach , es ist entsetzlich hart , fuhr sie fort , immer empfangen zu müssen , ohne jemals geben zu können , und selbst die freundliche Täuschung , als ob man geben könnte , nicht einen Augenblick festhalten zu dürfen . Niemals hatte Emilie noch ihre abhängige Lage so schmerzlich empfunden , als in dieser einsamen Stunde ; sie überließ sich rücksichtslos dem Schmerz und dem Mitleid mit sich selber , und ihre Thränen flossen noch einige Stunden , bis endlich die Erschöpfung einen kurzen Schlummer herbeiführte , von dem sie wenig gestärkt am anderen Morgen erwachte . Die Gräfin war schon im Saale , wo man frühstückte , als Emilie eintrat . Was fehlt Dir , Liebe , rief sie ihrer jungen Freundin entgegen , ist Dir nicht wohl ? Du bist ungewöhnlich blaß . Mir fehlt nichts , sagte Emilie mit schwacher , wankender Stimme . Du bist krank , mein liebes Kind , sagte die Gräfin mit großer Zärtlichkeit , indem sie ihre beiden Hände faßte . Gewiß , mir fehlt nichts , erwiederte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme , und , sie konnte es nicht verhindern , die Thränen entströmten den sanften Augen von Neuem und flossen über die bleichen Wangen . Die Gräfin richtete das Gesicht der weinenden Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst : Ich errathe jetzt , was Dir fehlt , ich sah es wohl , daß ich Dich gestern verletzte , aber ich konnte nicht glauben , daß ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden würde . Ich könnte mich beklagen , fuhr sie mit großer Güte fort , daß Du dieser mißtrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst , wenn ich nicht selbst unglücklicher Weise dieß Gefühl in Dir erregt hätte durch die Bitterkeit , der ich mich so oft überlassen habe . Laß mich Dich bitten , mein theures Kind , fuhr sie mit großer Milde fort , bekämpfe diesen Feind in Deinem Herzen , er raubt Dir sonst jedes Glück des Lebens . Die leicht gereizte Empfindlichkeit würde Deine Freunde aus Vorsicht zurückhaltend machen ; Du würdest die Furcht , Dich zu verletzen , für Kälte nehmen , und Dein Mißtrauen würde in demselben Maße zunehmen , wie alle Verhältnisse gespannter würden . Du würdest es dann vielleicht nicht Dir zuschreiben , wenn jede Heiterkeit , die inniges Vertrauen zu einander erzeugt , aus unserm Kreise verschwunden wäre , sondern Du würdest uns mit jedem Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerther finden . Können Sie mich für so gränzenlos undankbar halten ? fragte Emilie . Sprich nicht so oft von Dankbarkeit , sagte die Gräfin , ich will von Dir keine andere , als die , welche ein gutes Kind für seine Eltern empfindet , das ist die gefühlte , beinah bewußtlose , nicht die in jedem Augenblick erkannte . Und nun , sage mir , welche gute Tochter würde gereizt , gekränkt sein und eine ganze Nacht hindurch weinen , wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht , einen Theil ihrer Kleider zu verschenken an Personen , die es bedürfen , besonders wenn die Tochter ein Herz hat , wie Du , das sie selbst schon zu solchen Handlungen bestimmt ? Ich will mich nicht vertheidigen , sagte Emilie , aber ein wenig muß es mich entschuldigen , wenn Sie daran denken , daß eine Tochter Rechte hat , die ihr andere Empfindungen geben . Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag erfüllt , so gibt sie mit der Mutter , da ich nur von dem Ihrigen mittheile . So habe ich es denn nicht erreichen können , sagte die Gräfin , daß Du mir in Liebe angehörest , Du siehst unser Verhältniß , ich möchte sagen , juristisch an ; sind es denn bloß die Bande des Blutes , auf die sich Rechte gründen ? Gibt nicht die Liebe eben so heilige ? Ich fühle , setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu , ich habe einen bösen Samen in Dein Herz gestreut . Ach ! rief sie mit einem unendlich schmerzlichen Ausdruck , wenn ich nicht mehr bin , wirst Du es vielleicht einsehen , was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armuth erzeugt hat , und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen . Vergeben Sie mir nur , rief Emilie , indem sie sich laut weinend in ihre Arme warf . Du sprichst von Rechten , sagte die Gräfin wieder mild . Wenn uns ein unglückliches Schicksal aller anderen Hülfsmittel beraubte und uns ganz auf uns zurückwiese , hätte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben , Deine jüngeren Kräfte in Anspruch zu nehmen , und würde ich Dich nicht kränken , wenn ich Hülfe und Dienstleistungen von Dir zurückwiese , oder in diesen Zeichen Deiner Liebe aus mißtrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit