man Verwünschungen gegen die Katholischen ausstoßen , den Anhängern des Protestantismus aber ein Lebehoch bringen , während Andere Hand anlegten , die Thür eines Hauses , gegen dessen Bewohner man einen besondern Argwohn gefaßt hatte , gewaltsam zu sprengen . Der Aufruhr war nicht mehr zu bändigen , die einschreitende Polizei erwies sich ohnmächtig in allen von ihr ergriffenen Mitteln . So wuchs die Verwirrung , ein endloses Gedränge war entstanden , man schob sich in taumelnden Gruppen hin und her , und ein banges Grauen begann sich aller Gemüther zu bemächtigen . Indem ich so stand , und auf die wüste Volksmasse hinblickte , fing ich fast an , meine eigenen Schmerzen zu vergessen . Da theilte sich , links von der Schloßgasse her , die Menge , und es schien ein neuer Auflauf entstanden zu sein . Bald näherte sich ein abgesonderter Zug von Leuten , dem überall Platz gemacht wurde . Die Vorübergehenden sagten , man bringe einen jungen Menschen , der sich in die Elbe gestürzt habe . Man könne noch hoffen , ihn wieder ins Leben zurückzurufen , da er kurz nach der That aufgefunden worden sei . Ich schauderte im tiefsten Innern zusammen , mein Bewußtsein verdunkelte sich . Noch ein Blick des Entsetzens auf den näher kommenden Zug , dann verloren sich meine Sinne , ich wußte nicht mehr , wo ich war . Ich fühlte mich wie fortgetragen , der Strom des Gedränges hatte mich ergriffen . Von allen Seiten stieß und schob man mich , und ich wurde so aus meinem ohnmächtigen Zustande allmälig wieder emporgerüttelt . Doch sah ich nicht um mich her , ich ließ mich mit geschlossenen Augen immer weiter tragen und drängen . Zuweilen blitzten Lichter , Fackeln , seltsame Schimmer aller Art , durch die Finsterniß meiner Augen . Dann war wieder einen Augenblick lang Alles still und dunkel , und ich wiegte mich mit Ergebenheit der Verzweiflung in der schwarzen Nacht , die mich umrauschte . Nun zogen Soldaten mit klirrendem Gewehr an mir vorüber , ich wurde Jegliches gewahr und sah doch nicht . Dann merkte ich wieder , wie ich in das wildeste Gewühl fortgerissen wurde . Ueber den Markt war ich längst hinweggeführt , und das ganze Ziehen , Drängen , Treiben und Stoßen wurde immer rascher , tosender , gefahrvoller . Es war mir , als säße ich auf einer Meereswelle , ein armes , verlorenes Kind , das Schiffbruch gelitten . Dann kam es mir wieder vor , als befinde sich die ganze Menschheit auf einer großen Flucht , weil sie es auf der Erde nicht mehr aushalten könne , und ich Einzelne , die den allertiefsten Schmerz davongetragen , zog mit , nicht wissend , wohin . Doch ich freute mich , daß es weiter und weiter , und immer vorwärts ging , und das war mir klar , daß ich nie wieder zurück könne und wolle . Hinter mir lag es , wie Todesschauer , wie ein giftspeiender Drache , der an alles Gut und Glück meines Lebens die Kralle gelegt . Und neben mir und um mich her drängte es mich mit immer gewaltsamerer Eile fort , als käme etwas darauf an , daß ich gerettet würde . Da fiel mir auf Einmal , mitten in dieser seltsamsten Verwirrung , die Gestalt meines Vaters ein . Ach , wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht , wie war ich , seit jener Kinderfurcht , mit der ich ihm nur angehörte , ihm entrückt und entwachsen ! Und doch dünkte es mich , als gewinne ich in diesem Augenblick der Gefahr und des Gedränges , wo ich wie im Wirbelwind ohne Rath und Trost umhergetrieben wurde , an ihm ein festes Bild , an das ich mich halten und fassen könne . Was war mir denn noch übrig geblieben von den Bildern des Lebens ? Jedes war zerstört , ausgelöscht , eingeäschert . Ich hatte keine einzige Gestalt mehr in der weiten Wüste der Zukunft , an die ich durch Gefühl oder Natur gewiesen war , als die des Vaters . O es muß etwas ungeheuer Großes sein , wenn ein Mädchen einen Vater hat , der ihre Liebe und ihre Hülfe ist ! Und wie mochte es dem alten Vater ergehn ? So wogten meine Vorstellungen mit dem mich hin und her drehenden Gewühl auf und nieder . Endlich fühlte ich , wie ich allmälig dem verworrensten Getümmel entzogen wurde . Schon fernab hinter mir verbrausten die wilden Stimmen des auseinander stiebenden Aufruhrs . Eine kalte Zugluft wehte mich an , ich blickte umher , und fand mich schon in einer einsamen Gasse . Mein Entschluß war gefaßt , und zur Ausführung desselben trat mir plötzlich ein hoher Muth in die Seele . In Dresden konnte ich nicht bleiben , ich mußte fort nach Böhmen , zu den alten geliebten grünen Bergen , in mein altes böhmisches Dorf , in die Hütte des Vaters . Ich befand mich am entlegensten Ende der Pirnaischen Gasse , und eilte , ohne Aufenthalt , dem Thore zu . Ich gedachte nicht , daß die späte Nacht heraufzog , daß ich leicht bekleidet , daß ich ermattet , erschöpft und hülflos war . Mit schnellen Schritten zog ich über die öde , finstere Landstraße hin . Ich hatte eine solche innere Zuversicht auf meinen Plan gesetzt , daß er mich , je weiter ich ging , zu beleben und zu erkräftigen begann . Nicht schreckten mich die Gespenster der nächtlichen Haide , nicht die drohenden Schatten des Wolkenhimmels , nicht die schwarzen Gestalten der Bäume und Sträucher , nicht die in mein Ohr säuselnden und in mein Haar schlagenden Winde . Mit einer mir selbst unbegreiflichen Kraft legte ich , ohne zu rasten , ohne mich umzublicken , die ungeheuersten Strecken Weges zurück . Ich lief wie eine Pilgerin , welche die Buße über Stock und Stein treibt , und die in allen Mühsalen der Flucht ein Heil findet .