durch die Straßen ging , ach wie eine geraume Zeit dünkt mir ' s , da war ich zufrieden , alle Wünsche waren schlafen gegangen , hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in Nebel eingehüllt ; ich dachte , so ging es , und weiter , ohne große Mühseligkeit vom Land in die hohe See , kühn und stolz , mit gelösten Flaggen und frischem Wind . - Aber Goethe , feurige Jugend will die Sitten der heißen Jahreszeit , wenn die Abendschatten sich übers Land ziehen , dann sollen die Nachtigallen nicht schweigen : singen soll alles , oder sich freudig aussprechen ; die Welt soll ein üppiger Fruchtkranz sein , alles soll sich drängen im Genuß , und aller Genuß soll sich mächtig ausbreiten , er soll sich ergießen wie gärender Most , der brausend arbeitet , bis er zur Ruhe kommt , untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne unter die Meereswellen , aber auch wiederkommen wie sie . So ist Dir ' s geworden , Goethe , keiner weiß , wie Du mit Gott vertraut warst und was für Reichtum von ihm erlangt hast , wenn Du untergegangen wärst im Genuß . Das seh ich gerne , wenn die Sonne untergeht , wenn die Erde ihre Glut in sich saugt und ihr die feurigen Flügel leise zusammenfaltet und die Nacht durch gefangen hält , da wird es still auf der Welt , die Sehnsucht steigt so heimlich aus den Finsternissen empor ; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar überm Haupt , so unerreichbar , Goethe ! Wenn man selig sein soll , da wird man so zaghaft , das Herz scheidet zitternd vom Glück , noch ehe es den Willkommen gewagt ; - auch ich fühl ' s , daß ich meinem Glück nicht gewachsen bin . Welche Allbefähigung , um Dich zu fassen ! - Liebe muß eine Meisterschaft erwerben , das Geliebte besitzen wollen , wie es der gemeine Menschenverstand nimmt , ist nicht der ewigen Liebe würdig und scheitert jeden Augenblick am kleinsten Ereignis . - Das ist meine erste Aufgabe , daß ich mich Dir aneigne , nicht aber Dich besitzen wolle , Du Allbegehrlichster ! Ich bin doch noch so jung , daß es sich leicht entschuldigen läßt , wenn ich unwissend bin . Ach , für Wissenschaft hab ich keinen Boden , ich fühl ' s , ich kann ' s nicht lernen , was ich nicht weiß , ich muß es erwarten , wie der Prophet in der Wüste die Raben erwartet , daß sie ihm Speise bringen . Der Vergleich ist so uneben nicht : durch die Lüfte wird meinem Geist Nahrung zugetragen , - oft grade , wenn er im Verschmachten ist . Seitdem ich Dich liebe , schwebt ein Unerreichbares mir im Geist ; ein Geheimnis , das mich nährt . Wie vom Baum die reifen Früchte fallen , so fallen hier mir Gedanken zu , die mich erquicken und reizen . O Goethe , hätte der Springquell eine Seele , er könnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drängen , um wieder emporzusteigen , als ich mit ahnender Gewißheit mich diesem neuen Leben entgegendränge , das mir durch Dich gegeben ist , und das mir zu erkennen gibt , daß ein höherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will , der nicht schont der Ruhe und Gemächlichkeit gewohnter Tage , die er in brausender Begeisterung zertrümmert . Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht , so wenig der Same der Blüte entgeht , wenn er einmal in frischer Erde liegt . So fühl ich mich in Dir , Du fruchtbarer gesegneter Boden ! Ich kann sagen , wie das ist , wenn der Keim die harte Rinde sprengt , - es ist schmerzlich ; die lächelnden Frühlingskinder sind unter Tränen erzeugt . O Goethe , was geht mit dem Menschen vor ? Was erfährt er , was erlebt er in dem innersten Flammenkelch seines Herzens ? - Ich wollte Dir meine Fehler gern bekennen , allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen . Viel hast Du für mich getan , noch eh Du von mir wußtest , über vieles , was ich begehrte und nicht erlangte , hast Du mich hinweggehoben . Bettine An Goethe Am 5. März Hier in Frankfurt ist es naß , kalt , verrucht , abscheulich ; kein guter Christ bleibt gerne hier ; - wenn die Mutter nicht wär , der Winter wär unerträglich , so ganz ohne Hältnis , - nur ewig schmelzender Schnee ! - Ich habe jetzt einen Nebenbuhler bei ihr , ein Eichhörnchen , was ein schöner französischer Soldat als Einquartierung hier ließ , von dem läßt sie sich alles gefallen , sie nennt es Hänschen , und Hänschen darf Tische und Stühle zernagen , ja es hat selbst schon gewagt , sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn anzubeißen . Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin , die Jungfer ließ mich ein mit dem Bedeuten , sie sei noch nicht zu Hause , müsse aber gleich kommen . Im Zimmer war ' s dunkel , ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz . Da war ' s , als wenn was knisterte , - ich lauschte und glaubte atmen zu hören , - mir ward unheimlich , ich hörte wieder etwas sich bewegen und fragte , weil ich ' s gern aufs Eichhörnchen geschoben hätte : » Hänschen bist du es ? « Sehr unerwartet und für meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Baßstimme aus dem Hintergrund : » Hänschen ist ' s nicht , es ist Hans « , und dabei räuspert sich der ubique malus Spiritus . Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle , der Geist läßt sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen ; - da hör ich die Mutter , sie schreitet voran , die kaum angebrannte , noch nicht