zarteste Sittsamkeit zu beleidigen , das schöne Haar noch ungeordnet , in langen Locken sie umwallend , hielt sie den Säugling auf ihrem mütterlichen Schooße , ihm die Nahrung zu reichen , auf welche der Mensch durch den Wink der Natur in der Schöpfung des Weibes eine so heilige Anweisung erhalten hat . Lächelnd ließ oft der Kleine den blendenden Busen los , um mit den großen braunen , Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublicken und ihren Tönen zu lauschen . Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog , und ein Kuß der heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach , faßte er die süße Quelle seiner Labung wieder , und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel , von welchem Erna nicht ahnete , daß ein fremder Zeuge es beobachten könne . Nachdem sie verschiedene Melodieen , theils innig mit dem Kinde ihres Herzens beschäftigt , theils sichtbar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken verlierend , leise vor sich hingesungen hatte , ging sie auf einmal in die über , die wie ein Schwert der schärfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt : Doux enfant Jesus ! sang sie , Donne moi le Saint Esprit Et toutes les vertus De ta mère Marie , Marie , Marie ! Ach , welche versunkene Welt , damals , als er zuerst diesen einfachen Gesang von ihr vernahm , noch voll blühender Hoffnungen , und jetzt so verödet , that sich von Neuem vor ihm auf , den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend ! - Er konnte nicht länger bleiben - sein laut klopfendes Herz würde ihr seine Gegenwart verrathen , der Sturm der wildesten Gefühle in ihm ihn zu irgend einer Raserei hingerissen haben . Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen in ihm mit der weichen Wehmuth seines Busens . Er haßte , er verabscheute sie - und in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unauslöschlichen Liebe bewußt , die siegreich ihre Macht an ihn bewährte , und die , wie er klar erkannte , kein Verhältnis jemals zu vertilgen im Stande sei . Wie dem in Todesgefahr Kämpfenden ein dunkler Instinct oft den Weg zur Rettung zeigt , so rief es laut in ihm : Fort - fort aus diesem Zauberkreise - fort , sobald als möglich ! VI Er schwankte in sein Zimmer zurück , und warf sich auf sein Lager . Da faßte er den Entschluß , noch heute das Haus zu verlassen , wo die Wunden seines Herzens , statt still zu vernarben , täglich bluten mußten , und je brennender der Eindruck war , den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verführerischen Situation auf seine Seele gemacht hatte , je mehr sah er ein , wie sehr es Noth that , so schnell wie möglich den Versuch zu wagen , ob er zu verdrängen sei . Als daher nach einer Stunde Erna , wie gewöhnlich , völlig gekleidet aus ihrem Zimmer trat , ihm einen guten Morgen zu bieten , und nach seinem Befinden zu fragen , erwiederte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gruß mit der Erklärung , daß er die erhaltene Erlaubnis des Arztes , die Luft wieder genießen zu dürfen , auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufenthalts ausdehnen wolle , indem er vielleicht schon zu lange ihre Güte durch eine Pflege gemisbraucht habe , die er nun nicht mehr bedürfe , so süß sie ihm auch sei . Er habe daher Anstalten getroffen , sich in die Stadt bringen zu lassen , und bitte sie , seinen innigen Dank für ihre unvergeßliche Freundlichkeit und Milde , und - sein Lebewohl anzunehmen . Erna schien betroffen . Verlegen , da ihr keine Gründe einfielen , ihn zurückzuhalten , machte sie ihn leise darauf aufmerksam , daß es Linovsky befremden werde , ihn nicht mehr zu finden . Dieser , der sein diplomatisches Büreau in der Stadt hatte , und jeden Morgen dort seinen Geschäften widmete , war bereits in aller Frühe dahin gegangen . Aber Alexander erwiederte , daß er den ersten Ausgang , welchen er sich in der Stadt erlauben dürfe , benutzen werde , um auch ihm den Dank für seine gütige Aufnahme , den er ihm schuldig sei , persönlich darzubringen , und daß er sie ersuche , ihn einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen , und seine plötzliche Entfernung mit manchen unvorhergesehenen Umständen zu entschuldigen , die ihn unerwartet jetzt nöthigten , sich von einem so liebenswürdigen Zirkel zu trennen . Erna war bewegt , aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest ausgesprochenen Vorsatz ein , sondern drückte ihn nur in wenigen , aber herzlichen Worten aus , wie leid es ihr sei , seine Pflege nicht vollenden zu sollen , und daß sie hoffe , er werde eben so sorgsam über sich wachen , als wenn ihr Auge noch sein Thun und Treiben beobachten könne . Der kleine Otto aber , der sich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an ihn geheftet hatte , und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war , wollte seine Abreise durchaus nicht zugeben . Weinend und bittend hing er an ihm , und aller Trost des baldigen Wiedersehens , den seine gerührte Mutter ihm zuflüsterte , alle Versprechungen lockenden Spielzeugs , das Alexander ihm bei seinem nächsten Besuch mitzubringen gelobte , konnte seine heißen Thränen , seine schmerzlichen Klagen nicht stillen . Ergriffen von der warmen Anhänglichkeit des Knaben , hob Alexander ihn auf , und drückte , sanft ihn beschwichtigend , ihn an seine Brust . Indem schaute er Erna an - ihr Blick traf wie ein zündender Blitz den seinen . Ein unaussprechlicher Ausdruck von Wehmuth , Innigkeit und mühsam bezwungener Trauer glänzte in ihm , bis Perlen wie lichter Thau sich um die funkelnden Sterne sammelten , die er nun nicht mehr sehen sollte , und die allein des Daseyns Nacht ihm zu erleuchten vermochten . - Da konnte er seinen Gefühlen nicht länger gebieten . Der Wagen , den Benedikt