näher kennen ; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft gestiftet , einander alles , was sie berührte , frei zu bekennen . Doch schien es , als wenn die Gräfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedürfnis sich mitzuteilen fühlte ; immer enthielten die Briefe trübe Klagen über unerreichte unmögliche Wünsche , immer Dank für den mächtigen Trost , den ihr die Freundin verliehen . Es soll gewisse Menschen geben , bei deren Anblick die Wahnsinnigen , wenn auch nicht vernünftig , doch stille werden ; es gibt andre , die über jede andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben ; es gehört dazu eine gewisse Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte , die sich auch reichlich zwischen den beiden Frauen fand . Mit dem schönsten Empfehlungsbriefe meiner Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien , als ich von der Universität abging , meine Reise zu der Gräfin Limonie an , die sich auf ihrem Gute , welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Städten gelegen , während des Sommers aufhielt . Ich war zu Pferde und allein , als ich mich dem Gute näherte , ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern , der Dünger am Wege abladete , wo der Weg zur Gräfin ginge . Der Mann sah mich an und sagte : Wollen Sie selbst zu meiner Schwester ? - Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine Frage . - Hören Sie , fuhr er fort , da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat , ziehen Sie sich ganz um , oder sie spricht nicht mit Ihnen ; der Geruch von Pferden macht ihr Krämpfe ; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen ; es ist eine Närrin , aber sie ist nun einmal so . - Ich dankte ihm befremdet für die Warnung ; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schloßhof ging , zog ich mich , seinem Rate gemäß , im Wirtshause ganz um . Dort erfuhr ich , daß der Bruder alle Güter der Gräfin verwalte , und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und verspottet werde . Ich begab mich zu ihr . Der Türsteher nahm bei aller Höflichkeit doch eine sehr umständliche Untersuchung mit mir vor ; ich gab ihm das Empfehlungsschreiben der Professorin ab , worauf mich der Mann in ein recht artiges Zimmer führte bis das Schreiben gelesen . Dies schien kaum vollendet , so führte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles Zimmer und erbat sich meine Befehle , was ich zu meiner Erfrischung bedürfe . Ich verbat mir alles ; es dauerte aber nicht lange , so wurden mancherlei Erfrischungen , Schokolade , Kuchen , Wein gebracht , die Türen blieben halb geöffnet und es schien mir deutlich , daß ich aus der Ferne von allerlei Leuten beobachtet werde . Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Gräfin mit vielen verbindlichen Grüßen von ihr ; ich wurde eingeladen , wenn ich nicht mehr ermüdet von der Reise , oder sonst durch keine Kränklichkeit verstimmt wäre , nach dem Gesellschaftssaale zu kommen , wo ich mehrere Verwandte der Gräfin versammelt finden würde ; sie selbst könne erst am Abend sichtbar werden , weil sie gestern ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wäre . Ich erkundigte mich mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens , ich konnte aber nichts erfahren . Die Gesellschaft fand ich recht lustig , sobald sie die Gräfin vergaß , kaum wurde ihrer aber erwähnt , so nahm jedes eine ernsthafte Miene an , wie einer , der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen gepfiffen ; es wurde von ihr , von ihrem Schrecken , von ihrer Güte gegen den Unglücklichen gesprochen ; ich verstand nichts davon , und man wollte es mir auch nicht aufklären . Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Gräfin gebracht , ich zuletzt . Das Zimmer war durch eine dünne Florwand in zwei Hälften geteilt ; ich trat diesseits ein , sie lag jenseits geschmückt mit kunstreichem Kopfaufsatz auf einem langen Schäferstuhle , ihre Füße waren mit einer Spitzendecke zugedeckt . Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite , doch brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor , der sich in einem brennenden Bogen niedersenkte : es war Spiekwasser , das künstlich durch die Flamme gedrückt also brannte und duftete . Sie sagte mir , daß ihre Scham es den Tag notwendig gemacht hätte , sich von der Gesellschaft zu trennen ; ich möchte die Scheidewand von Flor verzeihen , ich wäre ihr sonst so ganz willkommen wie der kühlende Hauch des Abends ; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu hören , die so viel , so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten . - Ich Unglücklicher , der den rechten Ton noch nicht treffen konnte , sagte ihr zur Berichtigung , die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen . - Gräfin : Ja , daran erkenne ich meine Freundin , an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung , um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen ; es ist eine starke Frau , aber dieser Kampf mit ihren Gefühlen muß sie doch endlich erschöpfen . - Ich merkte jetzt , daß sie durchaus bedauert sein müsse , und sagte : Es ist ein Kampf mit dem Schicksale , und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand , freilich , so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite . Ich weiß nicht , wo ich die Phrase gelesen , sie kam mir nicht aus dem Herzen , zog aber die ganze Aufmerksamkeit der Gräfin auf sich . - Gräfin : Wahr , sehr wahr und besonders bei dem Kampfe der Jugend mit dem Tode , die welkende Kinderblüte : es ist ein so rührender Anblick , wie das Veilchen am Wege , das der müde Wanderer niedertritt ; ihre