wohlgebaut , schlank , eher ein wenig zu groß , bescheiden ohne ängstlich , zutraulich ohne zudringend zu sein . Freudig übernahm er jede Sorge und Bemühung , und weil er mit großer Leichtigkeit rechnete , so war ihm bald das ganze Hauswesen kein Geheimnis , und überallhin verbreitete sich sein günstiger Einfluß . Die Fremden ließ man ihn gewöhnlich empfangen , und er wußte einen unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen wenigstens dergestalt darauf vorzubereiten , daß ihnen keine Unbequemlichkeit daraus entsprang . Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu schaffen , der , von einem benachbarten Edelmann gesendet , eine Sache zur Sprache brachte , die , zwar von keiner sonderlichen Bedeutung , Charlotten dennoch innig berührte . Wir müssen dieses Vorfalls gedenken , weil er verschiedenen Dingen einen Anstoß gab , die sonst vielleicht lange geruht hätten . Wir erinnern uns jener Veränderung , welche Charlotte mit dem Kirchhofe vorgenommen hatte . Die sämtlichen Monumente waren von ihrer Stelle gerückt und hatten an der Mauer , an dem Sockel der Kirche Platz gefunden . Der übrige Raum war geebnet . Außer einem breiten Wege , der zur Kirche und an derselben vorbei zu dem jenseitigen Pförtchen führte , war das übrige alles mit verschiedenen Arten Klee besäet , der auf das schönste grünte und blühte . Nach einer gewissen Ordnung sollten vom Ende heran die neuen Gräber bestellt , doch der Platz jederzeit wieder verglichen und ebenfalls besäet werden . Niemand konnte leugnen , daß diese Anstalt beim sonn- und festtägigen Kirchgang eine heitere und würdige Ansicht gewährte . Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten haftende Geistliche , der anfänglich mit der Einrichtung nicht sonderlich zufrieden gewesen , hatte nunmehr seine Freude daran , wenn er unter den alten Linden , gleich Philemon , mit seiner Baucis vor der Hintertüre ruhend , statt der holprigen Grabstätten einen schönen , bunten Teppich vor sich sah , der noch überdies seinem Haushalt zugute kommen sollte , indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre zusichern lassen . Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder früher gemißbilligt , daß man die Bezeichnung der Stelle , wo ihre Vorfahren ruhten , aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgelöscht ; denn die wohlerhaltenen Monumente zeigen zwar an , wer begraben sei , aber nicht , wo er begraben sei , und auf das Wo komme es eigentlich an , wie viele behaupteten . Von ebensolcher Gesinnung war eine benachbarte Familie , die sich und den Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhestätte vor mehreren Jahren ausbedungen und dafür der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet hatte . Nun war der junge Rechtsgelehrte abgesendet , um die Stiftung zu widerrufen und anzuzeigen , daß man nicht weiterzahlen werde , weil die Bedingung , unter welcher dieses bisher geschehen , einseitig aufgehoben und auf alle Vorstellungen und Widerreden nicht geachtet worden . Charlotte , die Urheberin dieser Veränderung , wollte den jungen Mann selbst sprechen , der zwar lebhaft , aber nicht allzu vorlaut seine und seines Prinzipals Gründe darlegte und der Gesellschaft manches zu denken gab . » Sie sehen , « sprach er nach einem kurzen Eingang , in welchem er seine Zudringlichkeit zu rechtfertigen wußte , » Sie sehen , daß dem Geringsten wie dem Höchsten daran gelegen ist , den Ort zu bezeichnen , der die Seinigen aufbewahrt . Dem ärmsten Landmann , der ein Kind begräbt , ist es eine Art von Trost , ein schwaches hölzernes Kreuz auf das Grab zu stellen , es mit einem Kranze zu zieren , um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten , als der Schmerz währt , wenn auch ein solches Merkzeichen , wie die Trauer selbst , durch die Zeit aufgehoben wird . Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne , befestigen und schützen sie auf mancherlei Weise , und hier ist schon Dauer für mehrere Jahre . Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden , so haben Begüterte nichts Angelegeneres , als einen Stein aufzurichten , der für mehrere Generationen zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann . Aber dieser Stein ist es nicht , der uns anzieht , sondern das darunter Enthaltene , das daneben der Erde Vertraute . Es ist nicht sowohl vom Andenken die Rede als von der Person selbst , nicht von der Erinnerung , sondern von der Gegenwart . Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhügel als im Denkmal , denn dieses ist für sich eigentlich nur wenig ; aber um dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten , Verwandte , Freunde selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln , und der Lebende soll das Recht behalten , Fremde und Mißwollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden abzuweisen und zu entfernen . Ich halte deswegen dafür , daß mein Prinzipal völlig recht habe , die Stiftung zurückzunehmen ; und dies ist noch billig genug , denn die Glieder der Familie sind auf eine Weise verletzt , wofür gar kein Ersatz zu denken ist . Sie sollen das schmerzlich süße Gefühl entbehren , ihren Geliebten ein Totenopfer zu bringen , die tröstliche Hoffnung , dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen . « » Die Sache ist nicht von der Bedeutung , « versetzte Charlotte , » daß man sich deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte . Meine Anstalt reut mich so wenig , daß ich die Kirche gern wegen dessen , was ihr entgeht , entschädigen will . Nur muß ich Ihnen aufrichtig gestehen : Ihre Argumente haben mich nicht überzeugt . Das reine Gefühl einer endlichen allgemeinen Gleichheit , wenigstens nach dem Tode , scheint mir beruhigender als dieses eigensinnige , starre Fortsetzen unserer Persönlichkeiten , Anhänglichkeiten und Lebensverhältnisse . - Und was sagen Sie hierzu ? « richtete sie ihre Frage an den Architekten . » Ich möchte « , versetzte dieser , » in einer solchen Sache weder streiten noch den Ausschlag geben . Lassen Sie