Stunde segnen , die uns - für immer - scheidet ? Ach Junia , ich vermag es nicht ! Jetzt , in dem Augenblicke wo der Himmel das Gebet erhört , das ich in der Angst meines Herzens oft zu ihm sandte , wo der Zweifel an meines Freundes Offenheit , an seiner ausschließenden Liebe mir die Trennung erleichtern sollte , jetzt fühle ich alle Kräfte schwinden , und ich zittere vor dem Gedanken , ihn nicht mehr zusehen , vor dem Gedanken , daß er mich nicht so ausschließend liebt , als ich glaubte . Was wirst du von mir denken , wenn du dich der vielen Stellen erinnerst , wo ich in plötzlicher Aufwallung von Selbstverläugnung betheuerte , daß ich es gelassen ansehen wollte , wenn er mich vergäße , um ruhig und glücklich zu seyn ? Wie so schwach ist das menschliche Herz , wie so ganz aus Widersprüchen zusammengesetzt ! Wie so gar nichts ist unsere Tugend , wenn die Vorsicht sie auf eine ernste Probe setzt ! Das Schicksal scheint mich bei dem raschgesprochenen Wort zu nehmen . Es ist möglich , daß er eine Andere liebt - und ich schaudere vor der Erfüllung rechtmäßiger Wünsche , die ich einst so herzlich wünschte . Ach , warum hat ein unvorgesehener Zufall , wie du mir neulich schriebst , Apelles Ankunft verzögert ? Gewiß , Junia ! ich wäre nicht so schwach , so elend , wenn der Geist dieses Mannes meine sinkende Seele aufrecht hielte . Er wird kommen , schreibst du , ach wann - und nach welchen Auftritten ! In fünf Tagen gehe ich mit meinem Gemahl nach unserm einsamen Landgute Trachene ab . In der traurigsten Jahrszeit , in ununterbrochener Einsamkeit wird dort mein Leben an der Seite eines kränklichen , und durch sein Schicksal gebeugten Greises verfließen . Könnte mich Apelles dort besuchen , so würden meine Wunden sich stiller verbluten , und vielleicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz einkehren , der jetzt vor so viel Stürmen entflohen ist , und den ich einst unter allen Leiden so sorglich bewahrt habe . Sage ihm das , meine Junia ! sage ihm , wie es mit mir ist , und wie sehr ich den Abgang eines weisen , festgesinnten Freundes fühle , dessen richtiger Sinn mein schwankendes Gemüth in den gehörigen Schranken halte . Deinen nächsten Brief sende nach Trachene . Leb ' wohl . 29. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Nov . 301 . Ich bin von Larissen getrennt ! Der Wunsch , den meine Vernunft seit jenem Zufall , der uns vereinigte , meinem Herzen aufgedrungen hat , ist erfüllt , meine Fesseln sind zerbrochen , ich bin frei . Keine verführerische Gegenwart macht die stolzen Vorsätze , die ich in einsamen Stunden faßte , zu nichte , kein mildes , herzliches Betragen fordert meine Seelenkräfte zum Kampfe auf , es ist nicht mehr die schreckliche Wahl zwischen Tod und Verrath , die vor mir liegt . Der Weg der Pflicht steht offen , ich habe ihn mir zum Theile selbst gebahnt , ich habe ihn muthig betreten , und dennoch - dennoch fühle ich mich sehr unglücklich . Daß ich nicht mehr beim Heere bin , wird dir der Anfang meines Briefs gezeigt haben . Die Kabale hat gesiegt , Demetrius ist vom Commando entfernt ; das , was auf Schleichwegen nicht zu erhalten war , ist nun durch einen Machtspruch ertrotzt worden . Die Feinde des redlichen , vielleicht nur allzu gewissenhaften Demetrius haben selbst den hellsehenden Diocletian diesmal zu überlisten verstanden . Man hat ihm die Sache aus dem falschesten Gesichtspunkt gezeigt , und er hat gethan , was sie ihn thun lassen wollten , er hat dem Feldherrn das Commando genommen , und sein Nachfolger ist auf dem Wege . Demetrius gereiztes Ehrgefühl erlaubte ihm nicht , eine Würde langer zu behalten , die nichts mehr als ein hohler Name ohne Einfluß und Wirksamkeit war . Er hat seine Entlassung auf der Stelle gefordert , erhalten , und sich mit seiner Gemahlin in die Ruhe des Privatlebens zurückgezogen . Aber noch ehe sie Nisibis verließen , war der Plan , den ich , ohne zu ahnen , was das allzugefällige Schicksal für mich thun würde , entworfen hatte , zur Reise gekommen . Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die Erlaubniß bewirkt , mich zu sich zu rufen . Ich erhielt den Brief nur um acht Tage später , als Demetrius den seinigen . Er war nun vergeblich , denn die Trennung von Larissen stand wir ohnedies bevor . Indessen , so weh es mir that , die letzten schönen Tage meines Lebens verkürzen zu müssen , so rief doch eine heilige Pflicht , die Pflicht der Menschlichkeit gegen eine Unglückliche , und die Gefahr eines Freundes , der am Rande des Abgrunds stand , mich eilig nach Nikomedien . Zwei Tage war es mir noch vergönnt , bei Larissen zuzubringen . Ich genoß sie mit eifersüchtigem Geize , ich war den ganzen Tag um sie , ich labte mich in den letzten Strahlen der scheidenden Sonne meines Glückes , ich wich nicht von Larissens Seite , ich verbannte den schmerzlichen Zwang , der mich so lange Zeit von ihr entfernt gehalten hatte , ich wollte noch einmal ganz glücklich seyn - und sie verstand die heißen Wünsche meines Herzens . Mit dem Zutrauen einer Schwester , mit der Innigkeit einer Freundin behandelte sie mich , so offen , so gütige so schonend ! O Phocion ! Was ist sie für ein Wesen ! Hingegeben mit aller Wärme einer ersten unglücklichen Leidenschaft , und doch so rein , so streng ! Die Engel , die sie glaubt , können nicht sanfter , nicht unschuldiger lieben . Was bin ich gegen sie ! Auf welcher Höhe erscheint der stille Frieden dieser Seele , die ergebene Geduld , mit der sie ihr schweres Schicksal trägt , der Reichthum ihres Herzens , das