schafft und segnet , und wo er voll frischer Morgengedanken die ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht , tragen einen ewigen Glanz und stehen ewig vor dem sehnenden Herzen , das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen über die Morgengestirne reicht , nur veraltete Wahrheiten und verjüngte Lügen ! - O damals wurd ' er von der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getränkt und großgezogen , später wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert ! - Aber du kannst freilich nicht wiederkommen , herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die Wahrheit , und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wärmer geben ; und kehrst du wieder , so geschieht es gewiß nicht hier im tiefen niedrigen Grubenbaue des Lebens , wo unsere Morgenröte in den Goldflämmlein auf dem Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht - nein , sondern dann kann es geschehen , wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den tiefen blaßgelben Arbeitern wegreißet , und wir nun wieder , wie erste Menschen , in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermeßlichen Himmel ! In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit Rousseau und Shakespeare ; wovon ihn jener über das Jahrhundert erhob und dieser über das Leben . Ich will es hier nicht sagen , wie Shakespeare in seinem Herzen gebietend regierte - nicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere , sondern - durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche . Wenn man nachts den Kopf unter das Wasser taucht : so ist eine fürchterliche Stille um uns her ; in eine ähnliche überirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare . Was viele Schullehrer an Dian tadeln können , ist , daß er dem Jünglinge alle Bücher untereinander gab , ohne genaue Ordnung der Lektüre . Aber Alban fragte in spätern Jahren : » Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit ? - Ist sie möglich ? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bücher oder Systeme oder Lehrer oder die äußern Begebenheiten oder die Gespräche je so paragraphenmäßig , daß man weiter nichts brauchte , als die Gegenwart abzuschreiben ins Gedächtnis , um die Ordnung obendrein zu haben ? - Braucht und macht nicht jeder Kopf seine eigne ? - Und kommt es mehr auf die Rangfolge der Speisen oder auf ihre Verdauung an ? « 26. Zykel Während Dian einen schönern Tempel in die Höhe steigen ließ als den steinichten im Dorfe : verstarb die Fürstin , deren castrum doloris dieser werden sollte ; sie mußte man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche beisetzen . Das änderte ein paar tausend Sachen . Der Hohenfließer Kronprinz Luigi sollte und mußte nun aus Welschland zum Fürstenstuhle zurück , worauf der alte , von den Jahren zusammengewickelte Fürst winzig und sprachlos mehr lag als saß - wiewohl der hinter der Fürstenstuhl-Lehne stehende Minister dessen Figur und Stimme munter genug nachspielte - ; Don Gaspard , der alle bisherige Briefe Albanos nicht erhöret hatte , fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die Adern durchbrausende Ordre zu : » Auf meinem Rückwege aus Italien sehen wir uns in deinem Geburtsorte Isola bella . Man wird dich abholen . « - Auch Leser , die noch keine Woche lang Briefe eines Gesandten-Personale zugeschnitten und zugesiegelt haben , merken leicht , daß der Vlies-Ritter gedenkt , seinen Sohn mit dem jungen Fürsten und ihre ersten Pestitzer Verhältnisse zu verknüpfen und zu mischen . Ich bitte aber die Welt , nun das Paradies eines Menschen auszumessen , der nach so langer Seefahrt endlich die langen Ufer der neuen Welt im Meere hinliegen sieht . War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgetan ? - Lorbeerkränze - Efeukränze - Blumenkränze - Myrtenkränze - Ährenkränze - - alle diese Girlanden überhingen das Pestitzer Haupttor und seine Haustüre . Du Bruder , du Schwester ( ich meine Roquairol und Liane ) , welcher volle schmachtende Mensch zog euch entgegen ! - Und welcher träumende und unschuldige ! Homer und Sophokles und die alte Geschichte und Dian und Rousseau - dieser Magus der Jünglinge - und Shakespeare und die britischen Wochenschriften ( worin eine höhere humanere Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten ) , alle diese hatten im glücklichen Jünglinge ein ewiges Licht , eine Reinheit ohnegleichen , Flügel für jeden Tabors-Berg und die schönsten , aber schwierigsten Wünsche zurückgelassen . Er glich nicht den bürgerlichen Franzosen , die wie Teiche die Farbe des nächsten Ufers , sondern den höhern Menschen , die wie Meere die Farbe des unendlichen Himmels tragen . - Überhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt für seine Veränderung . Durch Dian und durch dessen Reisen war sogar sein äußerer Mensch schöner entwickelt in Gastzimmern . Die Menschen gehen wie Schießkugeln weiter , wenn sie abgeglättet sind ; bei Zesara blieben ohnehin genug Demant-Spitzen stehen , woran sich das Mittelgut stößet und sticht ; und selber ungewöhnlicher Wert ist ungewöhnlicher Fehler - wie hohe Türme eben darum übergebogen scheinen . Zesara lernte eben außerhalb des ländlichen Junkerzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte ein , die ihm sonst nur im Enthusiasmus zu Gebote stand ; denn der Witz , sonst ein Feind des letztern , war bei ihm bloß ein Diener und Kind davon . Er kokettierte nicht , wie witzige Säuglinge , mit allen Ideen , sondern er wurde von ihnen entweder angepackt oder gar nicht angestreift ; daher kam jenes stumme , langsame , unscheinbare Reifen seiner Kraft , er glich langsam-aufsteigenden Gebirgen , die stets mehr Ausbeute abwerfen als schnell-aufstehende . Bei großen Bäumen ist der Same kleiner und im Frühlinge die Blüte später als bei dem kleinen Gesträuche . Die Zeit , eh ' Gaspards abholender Bote kam , wurde dem aufgehaltenen Jünglinge eine Ewigkeit und das Dorf ein Kerker , es schrumpfte zu den Wirtschaftsgebäuden eines Klosters ein .