willensstärkeren Ulrich von Hülleshoven , nächster Tage nach Witoborn zu kommen , auf Westerhof ein kurzes und bündiges Wort zu sprechen und sein Töchterlein Armgart an sich zu nehmen . Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter und wird , wie sie mir schreibt , nicht verfehlen , das zu beanspruchen , was ihr gehöre . Da könnten denn also diese zwei Menschen sich gegenübertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen , daß sich zwei Leute gerade deshalb nicht verstehen , weil sie aus einem und demselben Stoff geschaffen und gerade füreinander bestimmt sind . Denn in der ersten Liebeszeit sucht man sein Gleichartiges - Du kennst das nicht - in der zweiten Liebeszeit sucht man sein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zurück und will nur das , was unserer Natur gleichartig ist . So ging es diesen zwei Menschen . Ein Zufall verband sie und sie gehörten sich einander . Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an ihren harten Köpfen . Jetzt scheinen sie vollkommen reif , sich gerade so zu lieben , wie man sich eben noch liebt , wenn man Kinder hat , die schon selbst wieder von Liebe sprechen . Auch das trifft zu : Jede Liebe , die sich in spätern Jahren noch bewähren soll , muß eine andere Nahrung haben , als die der erste Jugendlenz schon allein in seinem schönen Blütenduft findet . Ein Drittes muß sie haben , um dessentwillen sie da ist , um dessentwillen sie sich bewährt , nicht blos die übliche » Brücke « der Liebe zu den Kindern , sondern eine Idee und wäre es die Erziehung dieser Kinder , eine Erziehung höherer Art , eine mit Bewußtsein und Gedanken . Immer hab ' ich gefunden , daß zuletzt doch in den gleichen Ideen eine unendliche Bindkraft liegt . Zwei Feinde , die sich auch nur Einmal in einer gleichen Idee begegnen , können sich versöhnen . Bis zu Mariä Verkündigung bleibst Du wol noch in der dortigen Gegend ; zur Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen . Ich werde bald meine dreijährige » schwere Arbeit « antreten und auch meine » Visitation « an der Donau halten . Frau von Gülpen zittert schon wieder , mich Windhack allein überlassen zu sollen , sich zu denken , daß ich bei meinen alten Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere , ein à tout in der Linken , ein » ich passe « auf den Lippen ... So ging ich am liebsten heim ! ... Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht , ich weiß es ; ich habe die Ahnung , daß ich noch viel böse Ungewitterwolken sich entladen sehen soll . Der Oberprocurator Nück bot mir eine Commission an , die ich ablehnte . Cardinal Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau . Ihm und dem großen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürsten und die Zukunft Deutschlands ans Herz legen . Don Tiburzio Ceccone zu sehen wäre mir von Werth ; aber von seinem Munde dann auch hören zu müssen , was geschehen soll , um in das Vaterland Leibnizens und Kant ' s die Luft hinüberzuleiten , die man in den Hörsälen des Collegio Romano athmet - das könnte mein à tout beschleunigen . Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom . Auch Dir dürfte sie nahen , wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte - ich lese soeben , während ich dies schreibe - der Kronsyndikus ist gestorben ! ... Ruhe seiner Asche ! - - - Sorge , daß bei allem , was jetzt etwa zur Sprache kommen könnte , nur Priester zugegen sind ; denn darin hatte Benno Recht : Der Beichtstuhl - - - Genug für heute ! Grüße ihn von mir - meinen armen - Zigeunerknaben ! Wer weiß , ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden muß , wenn er mir , so wie Du im letzten Sommer , aus Gräbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen - unserer Sünden bringt - ! Hast Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen ? ... Grützmacher und Schulzendorf sind recht verdrießlich - über verfehlte » Prämie « ... Spät Abend ist ' s geworden - - Musik hör ' ich schon seit lange nicht mehr - Die Tante correspondirt mit ihrer » Familie « und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten » Nichte « überraschen . Diese letzte ... kam , hör ' ich , um - Deinetwillen ! ... Bona , Bona , ich hätte die nicht von mir gestoßen ... Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift ... Selbst den Tod des Lolo ( von dem Du wol noch nichts weißt ) schreibt die Tante auf Fräulein Schwarzens Rechnung ... Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsräthe lasen - und belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe ... Um so stolzer erhebt sie ihr Haupt ... Ich höre , sie beherrscht das ganze Kattendyk ' sche Haus und niemand mehr , als - den Oberprocurator ... Deine Liebe muß also - goldene Locken tragen ? Muß - im Mondlicht wandeln ? ... Seltsam ! Seltsam ! Zerreiß diesen Brief nicht , sondern - verbrenne ihn ! Man hat Fälle , daß zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen können , falls man auf den Gedanken käme , nach unserm Tode uns heilig zu sprechen ... Ich glaube , Petronella setzt alles , was sie hat und doch noch zu erben hofft , daran , mir nach meinem Tode diese unverdiente Ehre zuzuwenden ... Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben ... Der Tod des Kronsyndikus versetzt mich - in wehmüthige Aufregung ... Lebe wohl , Bona , und denke nur immer , auch wenn Du