daß er mit seiner Erklärung gegen Cäcilie , mit seiner Werbung nicht gewartet habe , bis die Gräfin das Schloß verlassen hatte , und nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Maßnahmen gehindert war . Trotz der würdigen und festen Haltung , mit welcher sie ihm entgegentrat , war sie aber innerlich in einen Kampf mit sich verwickelt , der ihr schwerer fiel , als sie verrieth . Ihr Zutrauen zu Renatus hatte wirklich einen Stoß erlitten , sie mißtraute seinem Herzen , sie klagte ihn der härtesten Selbstsucht , der Schwäche an , und wäre sie reich , wäre sie auch nur wohlhabend gewesen , so hätte sie nicht angestanden , dem jungen Freiherrn die Hand ihrer zweiten Tochter , nach der Beleidigung , welche er der ältesten Tochter zugefügt hatte , unbedenklich zu verweigern . Sie sah voraus , in welcher Weise man es beurtheilen werde und müsse , wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie willige ; sie fürchtete sich vor dem Zwiespalt , in welchen diese Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese mit Cäcilie und Renatus bringen müsse . Sie sagte sich , daß die geringste Bürgersfrau sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten Bewerbung ihre Zustimmung versagen würde ; aber sie war eben keines schlichten Bürgers Frau , sie war die Gräfin Rhoden , sie hatte sich und zwei Töchter zu versorgen , und sie war noch mittelloser , als sie es vor dem Kriege gewesen war . Eine Bürgersfrau konnte daran denken , mit ihren Töchtern gemeinsam sich des Lebens Nothdurft zu erwerben . Eine Bürgersfrau brauchte vielleicht in solcher Lage und in solchem Augenblicke auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz und auf die Empfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen , denn Bürgermädchen , wenn sie kein Vermögen besitzen , werden von Jugend an darauf hingewiesen , sich selbst zu helfen , sie können arbeiten , um ihrem Ehrgefühle zu entsprechen , arbeiten , um ihren Kummer zu übertäuben , arbeiten , um sich eine getäuschte Liebeshoffnung aus dem Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Cäcilie , die Gräfinnen Rhoden , konnten das doch nicht . Sie hatten eine gute , standesmäßige Erziehung erhalten , d.h. sie besaßen , wie die wohlhabenden Frauen überhaupt , von einer Menge von Dingen , von Kunst , von Literatur und Wissenschaft genau so viel Kenntnisse , als unerläßlich waren , über die ernsthaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburtheilen zu können ; aber sie hatten nichts so gründlich erlernt , daß es sie irgendwie befähigte , darauf eine Zukunft zu bauen , und sie hatten vor allen Dingen nicht arbeiten , das Leben nicht als eine ernste , fortdauernde Arbeitszeit betrachten lernen . Die Leistungen , welche Hildegard während des Krieges über sich genommen hatte , waren von der Begeisterung des Augenblickes erzeugt und getragen worden . Sie hatte dieselben mit vielen Andern getheilt , sie waren eine anerkannte , eine bewunderte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare Thätigkeit für Andere gewesen . Mit der Arbeit um die eigene Existenz , um das tägliche Brod war es nicht dasselbe . Das Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen , Niemand bewundert , kaum irgend Jemand theilt oder versteht sie in den gesellschaftlichen Kreisen , denen die Gräfinnen angehörten . Wenn sich in ihnen auch Männer fanden , welche ihr Einkommen durch die Dienste erwarben , die sie dem Fürsten oder dem Staate leisteten , so trat doch das Arbeitenmüssen der Ehre der Frauen , nach den Begriffen ihrer Standesgenossen , offenbar zu nahe ; und dienen konnten Frauen ihres Ranges nach denselben Anschauungen eben nur den Fürsten , welche über ihnen standen . Es war nicht anders , die Gräfin mochte es ansehen , wie sie wollte , sie mußte ihr beleidigtes Herz , sie mußte ihr Ehrgefühl überwinden , weil der Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit für entehrend erachtete , und Hildegard mußte sich darein ergeben , ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer Schwester werden zu sehen . Die Mutter durfte es nicht hindern , daß Cäcilie sich mit einem Manne verheirathete , zu dessen Charakter ihr das rechte Vertrauen fehlte . Ihre Armuth zwang sie , um der Standesehre willen zu thun und geschehen zu lassen , was allen ihren Gefühlen , was ihrer Ueberzeugung widersprach . Es kam ihr deßhalb sehr gelegen , als Vittoria sich zur Vermittlerin zwischen den Wünschen ihres Stiefsohnes und den Bedenken von Cäciliens Mutter machte . Obschon es ihr weh that , hörte die Gräfin es gern an , wenn die Baronin ihr aus einander setzte , wie übel die Gräfin jetzt daran sei . Im Tone der Anklage gegen Renatus stellte Vittoria es ihr vor , daß Hildegard durch den langen , nicht öffentlich erklärten Brautstand mit Renatus vorzeitig gealtert habe , daß die Mutter und die Töchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines unverheiratheten Mannes , wenn dieses nicht seine Heirath mit einer der Töchter zur Entschuldigung habe , in einem bedenklichen Lichte erscheinen müßten . Sie erinnerte daran , daß man , falls sich selbst am Hofe der Prinzessin eine freie Hofdamen-Stelle finden sollte , diese doch meist nur mit jungen und hübschen , vor Allem aber mit recht gesunden Mädchen zu besetzen pflege , damit die Herrinnen ohne jede Rücksicht über ihre dienenden Damen verfügen könnten ; und schließlich gab sie der Mutter zu bedenken , wie das Zerwürfniß zwischen ihren Töchtern ja bereits ein altes , wie es eben jetzt nur völlig zum Aussprechen gekommen sei , und daß es doch in jedem Falle weiser und rathsamer erscheine , die geliebte Cäcilie auf Kosten der älteren Schwester glücklich werden zu lassen , als beide mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe für einander in bedrängter Lebenslage dauernd neben sich zu behalten . Einen Menschen von der Nothwendigkeit dessen zu überzeugen , was zu thun er innerlich entschlossen ist , hält nicht schwer , und Cäciliens unter Thränen lächelnde Augen , vereint mit den Vorstellungen der