nur halb ; ihm fehlte jede Sammlung ; selbst mußte er entfliehen ... Zwei Worte noch an Paula , die ihn mit holdseligst verlegenem Lächeln , mit jener Vertraulichkeit wie für alles , was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne nur sein kann , ansah , und er war verschwunden . Hinaus stürmte er in die schon hereingebrochene Nacht ... Nichts von einem Wagen , dessen Anerbieten man ihm nachrief , hörte er ... Schon war er unten an der Hauspforte ... Wie die eisige Luft seine heiße Wange streifte ! Wie er fast die Locken , die er sonst trug , noch im Winde flattern fühlte ! ... Ein Geist des Trotzes , der Herausforderung an die Ordnung aller Dinge war über ihn gekommen ... Er hätte das Geländer der kleinen Brücke einreißen mögen , an das er sich halten mußte , als er den hartgefrorenen , glatten Weg beschritt ... So flog er dahin ... Erst allmählich wurde es in ihm ruhiger ... Jetzt hätte er Musik hören mögen , rauschende , vollgestimmte - allmählich würde ein einziger süßer , sanfter und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedrückt haben ... So kam er im Pfarrhause an . Es war tiefdunkel ; sein Zimmer nicht erwärmt ; Müllenhoff nicht anwesend . In dessen Zimmern wartete er so lange , bis oben bei ihm die erwärmende Flamme loderte ... Wie todt standen doch die Bücher da an den Wänden ! Wo er hinsah , war von Strafe , vom Kirchenbann die Rede ... Er hörte im Geist das schütternde Gelächter Müllenhoff ' s , wenn er seinen eigenen Einfällen applaudirte , und lachte selbst ... Er hörte , wie ihn sein College jetzt nennen würde : Salonschlupfer , Lavendelseele ... Er lachte ... » Lieber können sechs Straßenlaternen eingehen , als ein ewiges Licht in einer Kapelle ! « Das war heute früh ein Müllenhoff ' sches Wort gewesen , das ihm beim Schimmer der ihm jetzt vorangetragenen Lampe einfiel ... Er lachte ... Und oben , oben in seinem Zimmer fand er zu seiner glückseligsten Ueberraschung dann einen Brief - aus Kocher am Fall - vom Onkel Dechanten ... Nie noch hatte er so nach den geliebten Zügen gegriffen ... Nie noch war ihm so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht , wie heute aus dem feinen Papier , aus den zierlichen halb arabischen Buchstaben dieser Handschrift , aus dem langen , reichen Inhalt ... Wie beglückend stimmte das alles zu dem Bilde Paula ' s , das nicht von seiner Seite wich ... Die Magd brachte den Thee ... Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer ( Lampe , Service , Sofa , alles kam von Schlössern und Höfen der Umgegend und war von ausgesuchter Gediegenheit ) ... Paula saß neben ihm im Geiste und sprach mit ihm im Geiste und ihr Schatten huschte an den Wänden geschäftig sorgend hin und her ; er hatte eine Geisterehe geschlossen ... Als er allein war , sprach er leise mit seinem Weibe , redete es an und sagte : Paula ! Meine süße , süße Paula ! ... Dann schlug er sich an die Stirn , aber so sündigte er fort und fort - er hörte nicht auf an sie zu denken , ihrem Athem zu lauschen , ihre Hand zu streifen , hinaus in die Luft , ins Leere Küsse zu geben - was sollte ihn denn erschrecken , jetzt , wo er die Dechanei um sich hatte , des Onkels Devise hörte : » Ich mach ' s doch so leicht ! « Die grünseidenen Decken und Gehänge in dem Arbeitszimmer der Dechanei sah er ; die sanften Rollenthüren gingen , wie wenn Frau von Gülpen eintrat oder Windhack einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete ... Er las - las , wie wenn eine neue » Nichte « ihm und dem Onkel Klavier spielte ... Lieber Alter ! schrieb der Onkel . So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner ersten Jugend angekommen und grübelst vielleicht , ob in den alten Kirchenvätern das Schlittschuhlaufen verboten ist ! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und unserm alten Friesenursprung durch graziöse Zickzacks Ehre machen sehen - Nun siehst Du , die Apostel wußten nichts von zwanzig Grad Kälte , wie konnten sie vorschreiben , ob ein junger Domherr Schlittschuhlaufen darf u.s.w. u.s.w. Sage nur : Wie platt , wie rationalistisch oberflächlich ist das wieder ! Gut ! ... Ich beneide Dich zuvörderst um diese Triumphe , die deine Rechtgläubigkeit feiern wird , vorzüglich unter denen Weibsen ! ... Fühlst Du ' s denn endlich , wie schön diese Veranstaltung Gottes ist , daß es Wesen gibt , die an der ganzen Weltgeschichte unbetheiligt bleiben und Alexander , Julius Cäsar und Innocenz III. nur auffassen unter dem Gesichtspunkt , ob solche Leute den Kaffee theurer machen , die Verlobungskarten seltener , die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen ? Bewundere diese Geistesgegenwart , mit der mitten in unsern Schmerz hinein und während die Männer noch ohne jede Sammlung stehen , die Frauen schon wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben ! Sieh , so haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt , die zwar von ihrer leiblichen - lies nicht etwa : lieblichen - Schwester nichts geerbt hat , aber dennoch » Schanden halber « bereits in das zweite Stadium des äußern Schmerzes , in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist ! Studire Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz ! Zwanzig weibliche Wesen , die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden : Mulier est hominis confusio ! Ich sehe Dich aber auch , lieber Sohn , wie Du Dich endlich aus Blumen und gestickten Tragbändern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen feurigen Wagen des Elias besteigst , zunächst die Stufen des Altars und der Kanzel zu Sanct-Libori ,