Satzung des Cölibats die Verklärung der Weiblichkeit , sie , die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen Kupferstichmappe verherrlichten , diese Bilder , die Bonaventura , Lucinden gegenüber , selbst einst so begeistert gedeutet hatte ! Verunreinigt wird der Priester vom Weibe ? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern vergangener Jahrhunderte macht ihn geschlechtslos ? » Die Eunuchen des himmlischen Hofstaates sind wir ! « sagte ihm oft schon der Onkel Dechant . » Trügen wir eine reine Liebe zu einem Weibe im Herzen , unsere Hand würde ja unrein , den Kelch zu berühren ! Unrein , um die Oblate zu segnen ! Die Nähe des Weibes zerstört die Kraft des Opfers ! Und wenn wir auch gestern beichteten , daß wir die thierische Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften in gemeiner Berührung austobten : diese Sünde ist uns heute vergeben . Nur keine reine , nur keine dauernde , offene Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten ! Gatte , Vater - wie kann eine solche Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen ! Frauenwürde , so denkt - Rom über dich ! « ... Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwärtigte Bonaventura den Abschied von Lucinden ... Paula hatte schon öfters nach ihrer frühern Gesellschafterin gefragt , Bonaventura hatte einsilbige Antwort gegeben ... Benno , Thiebold und Terschka rühmten sie ... Jetzt glich ihr eine der von den Künstlern meist so willkürlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies auch ... Bonaventura blieb die Antwort schuldig ... Paula fuhr fort : Denken Sie sich , wie ich damals nach Westerhof zurückkehrte und von Lucinden sprach , kannte sie ja hier jedermann ! Ja ich selbst hatte sie schon als Kind gesehen , wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne ruderte ! ... Als die Leute lachten , flüchtete sie in einen Taubenschlag ! ... Sie wußte , daß ich aus dieser Gegend war , und nie verrieth sie ihre Bekanntschaft mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem Mönche Sebastus , dem jungen Doctor Klingsohr , der um ihretwillen , sagt man , die Religion wechselte und ins Kloster ging ... Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und - Sie sehen sie oft ? Ich lebe nur für dich , Paula ! ... In Bonaventura ' s Herzen riefen das tausend Stimmen ... Die Lippen sagten nur : Zuweilen seh ' ich sie ! Arglos fuhr Paula fort : Auch sie war damals erst katholisch geworden ! Alles das wußte niemand ! Aber hatt ' ich Furcht und Angst vor ihr ! Wissen Sie noch , als ich Italienisch mit ihr lernte , da konnte sie Latein - ! Du aber sprichst in Zungen der Engel ! riefen wieder die Stimmen ; Bonaventura nickte nur still bejahend ... In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule , wo Jesus im Hause des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Füße wäscht ... Dies kleine Bild , voll Wahrheit und Lieblichkeit , ließ beide eine Weile verstummen ... Beim Umschlagen der Blätter ruhte ihre Hand dicht , dicht an der seinen ... Er fühlte die elektrischen Tropfen , von denen Paula im Schlafe behauptete , sie glitten ihr aus den Fingern und verlöschten auf dem Boden . Ihm verlöschten sie im Blut seines Herzens . Warum ergriff er nicht die sanfte , weiche Hand ? Warum stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals , auf dem sie würdiger ruderte , als Lucinde ! In ein » Taubenhaus « hatte diese sich geflüchtet ! Paula sagte : Wissen Sie wol , daß ich oft Sehnsucht habe , Lucinden wiederzusehen ? Ihr Geist war oft hart und grausam , aber stark . Sie konnte Muth einflößen , wie ein Mann . Auch unterbrach sie mein Leiden und ließ mich dann sein wie andere sind ... Aber mit den größten Schmerzen ! schaltete Bonaventura ein ... Ich litt dabei , das ist wahr ! sagte Paula . Die Aerzte meinten : Sie hob die Nervenströmung auf . Ich hatte tödliche Schmerzen in ihrer Nähe ! Alles that mir wehe - jedes Wort , jede Bewegung von ihr ! Aber ich sehne mich doch - ach ! - so heraus aus diesem - Doppelleben ! In das Eine , Eine Doppelleben der Liebe ! ... Die Stimmen wieder sprachen auch das ... Die Arme thaten sich auf , um Paula zu umfangen , sie an sich zu ziehen ... Und doch sprach Bonaventura nur schüchtern : Was bekümmert Sie jetzt daran ? Sonst schon war es Paula ' s Klage : Der Hochmuth ! Die Selbstüberschätzung ! Auch jetzt wiederholte sie diese » Furcht vor sich selbst « ... Bonaventura sprach : Stolz sein auf das , was uns die Vorstellung einer größern Vollkommenheit unserer selbst gibt , das ist keine Sünde . Jesus nannte sich - den Sohn Gottes ! Aber - auch Trübsale werden Sie haben ! Wissen Sie , daß Ihre heutige Vision Anstoß erregte ? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zurückkehrte , war man befremdet , wie Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten , wo Sie einen Gottesdienst sahen , bei dem der Kelch - von Allen getrunken wurde ! ... Was sah ich denn ? fragte Paula träumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt ... Herr von Terschka behauptete , einen Eremiten , der in der Nähe des Schlosses Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt , der dort wahrscheinlich unter dem Schutz der Gutsherrin , der Gräfin Erdmuthe , wirklich gehalten wird ... Ich verweile oft bei jenem Schlosse ! sagte Paula ... Man hat mich schon gefragt , ob ich nicht in Salem , nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken könnte , die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird ... Benno erzählte davon ; auch Terschka , obgleich dieser es nur mit leicht erklärlicher Zurückhaltung