geworden , Hildegard war nicht mehr jung , beide Töchter hatten sich an eine Menge von Bedürfnissen gewöhnt , die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten , und beide waren also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirath angewiesen . Für Hildegard war auf eine solche vernünftiger Weise jetzt nicht mehr zu rechnen , und wo würde sich für Cäcilie eine solche bieten ? Man saß schweigsam und verstimmt beisammen . Es hatte fast den ganzen Tag geregnet , nun am Abende ließ der Regen nach , aber das Erdreich war naß und dampfte im Sonnenuntergange ; von den Bäumen tropfte es langsam hernieder . Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül , Vittoria hatte sich an das Klavier begeben . Sie sang mit Selbstgenuß italienische Stanzen , zu welchen sie die Melodieen während des Singens erfand . Weder die Gräfin noch die beiden Andern hörten ihr zu . Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach , in welcher Weise sie das Geschehene ihren Freunden darstellen , wie sie vor ihnen ihr gegenwärtiges Verweilen in dem Schlosse rechtfertigen solle . Dazwischen beschäftigte sie der Wunsch , für ihre älteste Tochter in einer der fürstlichen Hofhaltungen eine Aufnahme , eine Anstellung zu finden , und so dem nicht mehr jungen Mädchen einen Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu verschaffen , was durch die Gnade , welche die Prinzessin für sie hegte , nicht unmöglich schien , sobald sich nur eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand . Renatus und Cäcilie standen an dem Fenster und sahen in den Garten hinaus . Er fragte , ob man während seiner Abwesenheit Besuche im Schlosse gehabt habe , ob sie mit Valerio ausgeritten sei . Die Fragen lagen ihm aber offenbar nicht sehr am Herzen . Cäcilie , die ihre Schnellkraft bei der Begegnung zwischen ihrer Mutter und dem jungen Freiherrn erschöpft hatte , gab kurze Antworten , und das Gespräch war allmählich ganz in ' s Stocken gerathen , als mit Einem Male die untergehende Sonne plötzlich aus den Wolken hervorbrach , mit ihrem glühenden Roth die ganze Gegend überstrahlend . Grade den Fenstern von Vittoria ' s Zimmer gegenüber stand in einer gewissen Entfernung ganz einsam die schönste Edeltanne des Gartens , ein Baum , der in der ganzen Gegend eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmäßigen Wuchs und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berühmt war . Wie nun die Sonne sich tief und tiefer neigte , daß sie hinter der Tanne zu stehen kam , brachen sich ihre Strahlen in den Tropfen , die an jeder Nadel hingen , und schnell , wie durch einen Zauber angefacht , schimmerte und funkelte der Baum von seinem breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem vielfarbigen Glanze von Myriaden Lichtern . Es war ein wundervoller Anblick , eines jener Zauberfeste , in welchen die Natur vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht , das sie in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu wiederholen braucht , weil Niemand , der es gesehen hat , es je vergißt . Entzückt von dieser Herrlichkeit und gleichsam fürchtend , die Schönheit , wie das im Märchen und im Traume geschieht , mit dem Aussprechen eines Wortes zu zerstören , hatte Renatus schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen , und selbst von dem Lichte des scheidenden Tages übergossen , rief Cäcilie : Ach , ein Weihnachtsbaum - und am Johannistage ! Das muß Glück bedeuten ! setzte sie hinzu . Indeß ihr fröhlicher Ausruf schien wirklich den Zauber aufzuheben , denn der Lichtglanz verminderte sich , die Farben wurden blasser , die einzelnen Flammen erloschen ; schnell , wie die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht war , entschwand sie auch wieder , und eine graue matte Dämmerung hüllte die ganze Gegend ein , noch ehe Cäcilie ihre Erwartung , daß dies sicherlich ein Glück verkünde , zum zweiten Male völlig ausgesprochen hatte . Glück ? wiederholte ihr Gefährte , und schwermüthig geworden , fügte er hinzu : Wir könnten es brauchen ! So standen sie noch eine kleine Weile neben einander , aber länger hielt es Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus . Komm in ' s Freie , sagte er ; es liegt mir wie ein Reifen um das Haupt , wie ein Reifen um das Herz ! Komm hinaus - ich denke , draußen muß mir besser werden ! Er trat in den Garten hinaus , Cäcilie folgte ihm . Sie gingen neben einander in den breiten Wegen zwischen den Beeten hin . Indeß , obschon sie die Alleen und die buschigen Gänge mieden , kam keine Erfrischung über sie . Die Luft war voller Elektricität , sie lastete schwer auf ihnen , selbst sprechen konnte Renatus nicht . Er wußte nicht , was ihm war , er war aufgeregt und abgespannt zu gleicher Zeit . Nun er mit Cäcilie im Garten war , meinte er , es sei vorher im Zimmer besser gewesen ; aber auch das mochte er ihr nicht sagen , und dazwischen fiel es ihm ein , daß es schon dunkle und daß er mit ihr allein sei . Er war freilich oft genug mit ihr Abends einsam umhergegangen , ohne daran besonders zu denken ; indeß damals war sie auch seine Schwägerin gewesen . Jetzt war sie das nicht mehr . Es that ihm leid , daß er dieses Anrecht an sie verloren hatte . Er stellte sich vor , wie es sein werde , wenn die Gräfin und Cäcilie von Richten fortgegangen sein würden , wie sie in der Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort vortheilhaft verheirathen werde , denn sie war liebenswürdig und gut und hübsch , sehr hübsch . Sie ging auf dem schmaler gewordenen Pfade , ihre Kleider mit beiden Händen in die Höhe hebend , um sie vor der Nässe des Weges zu bewahren , schweigend vor ihm her . Obschon es dunkelte , konnte er doch noch sehen , wie fein