nur wieder an , liebe Mutter , es ist ja unser Renatus ! Er kann ja nicht dafür , wenn er die arme Hildegard nicht liebt ! Wenn er nun im Kriege geblieben wäre , hätte Hildegard sich doch auch beruhigen müssen , und wir wären noch weit , ach , weit unglücklicher gewesen ! - Er lebt ja doch ! - Sie wendete sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die Hände auf seine Schultern . Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das Antlitz . Du bist sehr gut , Cäcilie ! sagte er , während er ihre Hände ergriff und küßte . Du auch ! entgegnete sie , indem sie ihn umarmte und ihm ihren Mund darbot . Liebe , liebe Cäcilie ! wiederholte er , und sie küßten einander herzlich . Wir können ja nicht in Unfrieden von einander gehen , rief sie ; es wird ja ohnehin schwer genug sein , wenn man sich künftig nicht mehr sieht ! Ihr geht nicht fort , die Mutter bleibt noch bei mir ! versicherte der junge Freiherr . Ich muß wohl ! erwiederte die Gräfin ; aber die Antwort hatte nicht mehr den fremden , gezwungenen Ton , mit welchem sie Renatus zuerst empfangen hatte , und da eine Bewegung , wie man sie eben durchgemacht , nicht lange dauern kann , so gewann man denn jetzt auch bald wieder so viel Ruhe , daß der Freiherr die Frage thun durfte , ob Hildegard lange im Stifte zu bleiben denke und ob man schon eine Nachricht von ihr habe . Die Gräfin verneinte das Letztere und gab ihm die begehrte Auskunft . Eine Frage , eine Antwort knüpfte sich an die andere . Da Renatus sich von der Verpflichtung befreit sah , sich mit Hildegard verheirathen zu müssen , beurtheilte er sie nachsichtiger als sonst , ja , er dachte mit sorgendem Mitleid an sie . Es that ihm leid , daß es ihm nicht möglich gewesen war , sie glücklich zu machen ; alle seine Aeußerungen waren mild , er klagte nur sich selber an , forderte Nachsicht für sich , und obschon die Gräfin entschlossen gewesen war , auch zwischen sich und dem jungen Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten , die zwischen ihm und seiner Braut erfolgt war , wurde im Verlaufe des Gespräches ihr Ton doch völlig umgestimmt . Es geschah ihr unwillkürlich , daß sie Renatus , wie sie es seit seiner frühesten Kindheit gewohnt gewesen war , wieder mit Du ansprach . Sie verbesserte es sofort , aber Renatus beschwor sie , ihm diese Gunst nicht zu entziehen . Wenn über einem Hause , sagte er , lange ein Unwetter gedroht hat und der Blitz , den man gefürchtet , endlich zerstörend niedergefahren , ist es dann weise , daß man in der hereingebrochenen Verwirrung blindlings aus einander läuft ? Oder ist es nicht besser , daß man sich verbindet , um den Folgen des geschehenen Unglücks so weit nur immer möglich ihre Macht zu rauben ? Er erinnerte die Gräfin daran , daß sie ihm einst , lange ehe er sich mit Hildegard versprochen , einmal zugesagt hatte , er solle die Stütze ihres Alters , der Freund und Bruder ihrer Töchter sein . Er nahm dies auch jetzt noch als sein Recht in Anspruch . Er bestand darauf , daß die Gräfin Richten nicht jetzt gleich verlassen dürfe ; er versicherte , daß nicht er allein , sondern daß auch Vittoria darüber untröstlich sein würde , die mit Liebe an Cäcilien , mit Verehrung an der Gräfin hange und gegen welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefühl wirklich nicht immer gerecht gewesen sei . Er sprach und sagte nur , was er in der That empfand , und er erreichte damit , was die größte Berechnung vielleicht nicht errungen haben würde . Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an , und mußte viele seiner Behauptungen gelten lassen . Sie hatte ohnehin ihrem gekränkten Mutterherzen und ihrem beleidigten Ehrgefühle den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht gestatten dürfen , weil sie sich genöthigt fand , noch einige Zeit in dem Schlosse zu verweilen , wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende verlassen und den böswilligen Vermuthungen einen noch größern Spielraum vergönnen wollte , die nach jedem ähnlichen Zerwürfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschießen , daß man Mühe hat , sie zu zertreten , um ihr Wuchern nicht überhand nehmen zu lassen . Wer aber , sei es durch was es wolle , unfrei ist , nimmt an seinem Rechtsgefühle Schaden , ist gezwungen , bald hier , bald dort ein Zugeständniß zu machen , und kommt dann allmählich dahin , sich seine Unfreiheit wegläugnen zu müssen , um als freie Entschließung gelten zu lassen , was man von der Nothwendigkeit zu thun getrieben wird . Sich frei erhalten , ist daher ohne alle Frage das erste und das höchste Gebot der Sittlichkeit . Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach , weil sie es mußte , aber es kam ihr hart an . Sie ging mit ihm und mit Cäcilien zu Vittoria hinunter , sie ließ es sich gefallen , daß man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal durchsprach , sie überwand sich sogar zu einem Danke , als die Baronin ihr versicherte , wie glücklich sie sich fühlen würde , wenn die Gräfin und Cäcilie auch nach der Entfernung ihres Sohnes noch bei ihr verweilen wollten . Die Gräfin war eben eine mittellose Frau , und es war eine stillschweigende Entthronung vor sich gegangen . Sie war plötzlich wieder der Heimath beraubt , deren sie sich für ihren Lebensabend sicher geglaubt hatte , und die Sorge für ihre und ihrer Töchter Zukunft drückte sie jetzt weit schwerer , als in jenen Tagen , in welchen sie mit ihnen , ohne bessere Aussichten als die gegenwärtigen zu haben , in der Residenz gelebt hatte . Sie war eine Matrone