Zeit an einer zehrenden Krankheit ; der Arzt , den man herbeirief , war nur selten gekommen , hatte achselzuckend erklärt , daß da nicht viel mehr zu helfen sei , und schließlich die Besuche in der Familie aufgegeben , die in ärmlichen Verhältnissen lebte und nicht bezahlen konnte . Max war sofort bereit , der Aufforderung nachzukommen , und betrat schon am nächsten Tage das bezeichnete Häuschen , das in der Vorstadt dicht am Fuße des Schloßberges lag . Ein kleines Mädchen von etwa zehn Jahren öffnete dem jungen Arzte die Thür der ziemlich dürftig eingerichteten Wohnung , wo zwei jüngere Kinder den fremden Herrn mit großen Augen anstarrten , während die Mutter , von Kissen und Decken umhüllt , in einem alten Lehnstuhle saß . Max war in Begriff , näher zu treten , hielt aber überrascht inne , denn neben der Kranken bemerkte er ein junges Mädchen in nonnenhaft dunkler Kleidung , mit sehr blassem Gesicht und schlichtgescheiteltem Haar , das aus einem Buche vorlas , welches der Goldschnitt und das Kreuz auf dem Deckel unzweifelhaft als Gebetbuch kennzeichneten . Es war die Tochter des Hofraths Moser , die ihre Vorlesung abbrach und sich sehr verlegen erhob , als sie den Eintretenden erkannte . „ Guten Tag , mein Fräulein ! “ sagte Max ruhig . „ Verzeihen Sie , daß ich störe , aber ich komme als Arzt zu einer Kranken und bin diesmal wirklich der Erwartete , ohne jedes Mißverständniß . “ Das junge Mädcheu wurde blutroth und zog sich einige Schritte zurück . Sie erwiderte nichts . Doctor Brunnow nannte sich jetzt der Kranken , die bereits auf sein Kommen vorbereitet war und ihn erwartete . Er begann sofort , ohne viele Umstände , seine Fragen zu stellen und den Krankheitszustand zu prüfen . Er that es nicht besonders verbindlich oder rücksichtsvoll ; er ließ sich auf Tröstungen gar nicht ein , gab nicht einmal bestimmte Hoffnungen , aber die kurze , klare Entschiedenheit all seiner Bemerkungen und Anordnungen hatte etwas ungemein Beruhigendes . Agnes Moser war inzwischen im Hintergrunde geblieben und hatte sich mit den Kindern beschäftigt . Sie schien nicht recht zu wissen , ob sie bleiben oder gehen sollte , entschied sich aber endlich für das Letztere . Sie setzte ihren Hut auf und verabschiedete sich von der Kranken , die sich in lebhaften Dankesäußerungen über die Güte des Fräuleins erging . Wenn Agnes aber glaubte , dadurch einem längeren Zusammensein mit dem Doctor Brunnow zu entgehen , so irrte sie sich ; dieser empfahl nur noch in kurzen Worten die genaue Befolgung seiner Verordnungen , verhieß am nächsten Tage wiederzukommen und schloß sich dann mit der allergrößte Unbefangenheit dem jungen Mädchen an . „ Ich darf Sie also nicht mehr als meine Patientin betrachten , mein Fräulein , “ eröffnete er das Gespräch , als sie draußen im Freien waren . „ Ihr Herr Vater scheint mir die Schuld an einem Mißverständniß beizumessen , zu dem ich doch wahrlich nicht den Anlaß gegeben habe . Er ließ mir in der unzweideutigsten Weise eröffnen , daß meine ferneren Besuche ihm nicht erwünscht seien . “ Agnes senkte in peinlicher Verlegenheit die Augen . „ Ich bitte um Verzeihung , Herr Doctor , “ entgegnete sie . „ Es war meine Schuld allein – ich hätte nach Ihrem Namen fragen sollen . Seien Sie überzeugt , daß es nicht Mißtrauen in Ihre ärztliche Kunst ist , die meinen Vater bestimmt , auf Ihren Rath zu verzichten ! Gründe anderer Art – “ „ Ich weiß , politische Gründe ! “ fiel Max mit unverhehlter Ironie ein . „ Der Herr Hofrath verabscheut den revolutionären Namen , den ich trage , und beharrt darauf , in mir einen staatsgefährlichen Demagogen zu sehen . Ich bin weit entfernt , ihm oder Ihnen meinen Rath aufzudringen , möchte mich aber doch [ 292 ] nach dem Schicksal meines Receptes erkundigen . Sie haben es jedenfalls nicht benutzt ? “ „ Doch ! “ erwiderte Agnes leise . „ Ich habe die Arzenei genommen . “ „ Mit irgend einem Erfolge ? “ „ Ja , ich befinde mich weit besser seitdem . “ „ Das freut mich . Ist denn aber mein Herr College , der Sie jetzt behandelt , damit einverstanden , daß Sie den Verordnungen eines Anderen folgen ? “ „ Mich behandelt augenblicklich Niemand , “ gestand das junge Mädchen . „ Herr Doctor Helm , der ursprünglich gerufen war , hat das Mißverständnis sehr übel genommen . Ich mag ihn wohl etwas verlegen und zweifelnd empfangen haben , denn er entfernte sich sofort , als er bereits ein Recept vorfand , und nahm auch die nachträgliche Entschuldigung meines Vaters sehr kühl auf . Da ich mich nun schon am nächsten Tage besser befand – – so meinte ich – nun , so bin ich vorläufig bei Ihren Verordnungen geblieben . “ Bleiben Sie nur dabei ! sagte Max trocken . „ An der Arzneiflasche wenigstens haftet nichts Staatsgefährliches ; das wird wohl auch der Herr Hofrath einsehen . “ Sie hatten jetzt den Schloßberg erreicht , und Agnes blieb stehen in der sicheren Voraussetzung , daß ihr Begleiter sich nun entfernen werde , er bemerkte aber nur : „ Sie gehen wahrscheinlich durch die Anlagen des Schloßberges – das ist auch mein Weg , “ und blieb an ihrer Seite mit einer Miene , als sei dies die einfachste und natürlichste Sache von der Welt . Das junge Mädchen sah ihn scheu und ängstlich an . Ihre Schüchternheit erlaubte ihr nicht , die Begleitung abzuschlagen ; so ergab sie sich denn in das Unvermeidliche , und sie schritten zusammen vorwärts . „ Was meine gegenwärtige Patientin betrifft , “ nahm der Arzt wieder das Wort , „ so ist ihr Zustand allerdings sehr bedenklich , aber nicht durchaus hoffnungslos . Vielleicht ist es mir möglich , sie ihrer Familie zu erhalten . Ich entnahm aus den Dankesworten der Frau , daß