Lauten , ohne daß sein Blick sich nach ihr gewendet hätte . » Sennor « , redete die Bündnerin den spanischen Hauptmann mit fester Stimme an , » ich bin Lucretia , die Tochter jenes Planta , den Georg Jenatsch erschlagen hat . Ich habe seit dem Tode meines Vaters keinen liebern Gedanken gehabt als den der Rache ; aber in diesem Manne hier erkenne ich den Mörder meines Vaters nicht . « Der Spanier richtete seinen bösen Blick erst fragend und dann höhnisch auf sie , aber Lucretia beachtete ihn nicht . Schon hielt sie ihren kleinen Reisedolch in der Hand und begann ohne Zögern die Bande des Gefangenen zu durchschneiden . Was jetzt um sie vorging traf ihre Sinne kaum . Sie vernahm noch den raschen Befehl Wertmüllers an Lucas : » Pferde vor ! « gewahrte noch wie der Locotenent dem Spanier mit dem Pistol in der Hand entgegentrat und dieser den Degen aus der Scheide riß . Dann wurde sie rasch aufs Pferd gehoben , das , Musketenschüsse hinter sich hörend , in wilden Sprüngen sie von dannen trug und in jagendem Laufe an der Festung Fuentes vorüber der Straße nach Chiavenna folgte . Auf dem staubigen Heerwege sprengte sie vorwärts , mit Mühe sich auf dem erschreckten Pferde haltend und doch angstvoll zurücklauschend , ob ihr Freund oder Feind nacheile . Noch fielen , schon aus der Ferne , vereinzelte Schüsse , sonst hörte sie nichts als das Schnauben und den Hufschlag ihres eigenen Tieres . Endlich brauste Galopp hinter ihr und schon ritt an ihrer rechten Seite , zerrissen und blutig , aber in hellem Übermute Georg Jenatsch , hinter welchem , ihn mit grimmer Miene umfassend , der alte Lucas zu Rosse saß . Zu des Fräuleins Linken schnaubte einen Augenblick später ein zweites Roßhaupt und über demselben grüßte das aufgeregte Gesicht des kleinen Locotenenten , der den Rückzug gedeckt hatte und von der Rolle , die er gespielt , höchlich befriedigt schien . » In der Festung wird Alarm geschlagen « , sagte Jenatsch . » Hinter jenem Waldhügel biegen wir links ab von der Heerstraße , auf der man uns verfolgen wird , reiten durch die seichten Nebenwasser der Adda und gewinnen auf Wegen , die ich als gangbar kenne , längs des Sees und über die Berge das sichere Bellenz . « – Als die Pferde den beweglichen Kiesloden des Flußbettes betraten , sprang Lucas ab und ergriff , sich vor das Pferd seiner Herrin stellend , mit treuer Hand dessen Zügel . » Im Grunde habt Ihr recht « , sagte der Alte und blickte zu Lucretias glücklichem Angesichte auf , » es war heute nicht der passende Anlaß und nicht der richtige Ort . – Euch zuliebe würd ich mit dem leidigen Satan selbander reiten , aber – wahr bleibt ' s – einem ehrlichen Gaul und einem gut katholischen Christen wird heutzutage viel Geduld zugemutet . « – Die darauf folgenden beschwerlichen Reisetage lebten als selige Erinnerungen in dem Herzen Lucretias fort . Nach dem ermüdenden Zuge quer über die südlichen Vorberge der Alpen hatte die Gesellschaft in Bellenz gerastet und Jenatsch sich beritten gemacht . Dann zogen sie langsam durch das von Wasserstürzen rauschende Misox , das südlichste und schönste Tal des Bündnerlandes . Über dem Bergdorfe San Bernardino begann der Paß jäh zu steigen und führte zu dieser frühen Jahreszeit bald über eine blendende Schneedecke . Der Himmel war von tiefer Klarheit und noch südlicher Bläue . Lucretia fühlte sich umweht von den kräftigen Alpenlüften der Heimat und ihr war auf Augenblicke , als sei sie in die fröhlichen Reisetage der Kindheit zurückgekehrt ; denn Herr Pompejus war häufig mit ihr aus einem seiner festen Häuser ins andere über die Bergjoche des tälerreichen Bündens gezogen . Ihre Augen suchten mit Ungeduld den kleinen Bergsee , der , wie sie sich deutlich erinnerte , auf keiner der heimischen Wasserscheiden ausblieb . Da endlich nahe dem nördlichen Abhange , leuchtete er ihr entgegen , unter den heutigen scharfen Sonnenstrahlen aufgetaut . Gewiß nur eine kurze Befreiung , denn der Sommer kehrt spät ein auf diesen Höhen , trotz seiner täuschenden Vorboten , und das den Himmel spiegelnde Auge mußte sich unter eisigen Stürmen wohl bald wieder schließen . Auf der halb geschmolzenen Schneedecke kamen die Pferde nur mühsam vorwärts . Die Bündner – auch Lucretia – waren auf der Höhe abgestiegen , nur der eigensinnige Wertmüller beharrte im Sattel und blieb , wo der Berg sich zu senken begann , mit seinem bei jedem Schritte gleitenden Tiere immer mehr hinter den andern zurück . Zuletzt versank er in eine vom Schnee verräterisch bedeckte Spalte , aus welcher ihm der die übrigen Pferde am Zügel führende Lucas nur mit Zeitverlust und Mühe heraufhalf . Während dieser bei dem fluchenden Locotenenten zurückblieb , schritten Jenatsch und Lucretia rüstig und allein bergab und überließen sich der ungewohnten Lust , die Heimatluft in vollen Zügen einzuatmen . Das Fräulein dachte nicht daran , daß sie zum ersten Male auf der Reise mit Jenatsch allein sei . Waren ihr doch , wenn sie still neben Jürg einherritt , ihre beiden andern Begleiter – der Locotenent , trotz seines unausgesetzten Bestrebens sich angenehm oder unangenehm geltend zu machen , der alte Knecht , trotz seiner unverhohlenen Rachegelüste – in gleichgültige , unpersönliche Ferne getreten . Sie lebte in einem traumartigen Glücke unter dem Zauber ihrer Berge und ihrer Jugendliebe , den sie furchtsam sich hütete mit einem an die grausame Gegenwart erinnernden Worte zu zerstören . Jetzt hatten sie das erste Grün über einem schmalen baumlosen Tale erreicht und setzten sich auf ein besonntes Felsstück , um den zurückgebliebenen Locotenenten zu erwarten . Ein Wässerchen quoll daneben aus dem feuchten dunkeln Boden . Lucretia kniete nieder und bemühte sich mit der hohlen Hand einen Trunk daraus zu schöpfen . » Ich muß doch sehen « , sagte sie , » ob das bündnerische Bergwasser noch so gut schmeckt wie in meiner Jugend !