und gar mit seiner kaufmännischen Vergangenheit brechen . Damit fallen auch die fatalen Rücksichten für die sogenannten Geschäftsfreunde weg ; denkt nur zurück , wie oft wir ungehobelte Gäste beim Diner gehabt haben , die besser am Domestikentische gesessen hätten ! Mein Gott , waren das peinliche , verlegene Momente ! Ach ja , man hat sich so manchmal stillschweigend überwinden müssen . “ Käthe stand währenddem am Fenster . Von dieser Stelle aus konnte man das große Fabrikgebäude inmitten seiner unvollendeten , neuen Anlagen liegen sehen . Der weite Kiesplatz vor dem Hause wimmelte von Menschen , von Männern , Weibern , Kindern , die aufgeregt durcheinanderfuhren und gestikulierten . Die Maschinen standen verlassen ; es mochte kein einziger Arbeiter in den Sälen verblieben sein . Das junge Mädchen am Fenster deutete betroffen hinüber . „ Weiß schon , “ sagte die Präsidentin lächelnd ; sie erhob sich und trat an das Fenster . „ Der Kutscher hat mir eben im Korridore Meldung gemacht , es solle sehr laut da drüben zugehen . Man ist außer sich , daß die Spinnerei an eine Actiengesellschaft verkauft worden ist , deren Directorium hauptsächlich aus Juden zusammengesetzt sein soll . Ja , ja , so geht ’ s , die guten Leute ernten nun , was sie gesäet haben . Moritz hätte auf keinen Fall so überraschend schnell tabula rasa gemacht ; sein Herz hing ja in für mich unbegreiflicher Weise an der Spinnerei , aber die letzten Vorgänge haben ihm den Besitz gründlich verleidet , er will mit der Sache nichts mehr zu tun haben . “ „ Das sieht genau aus , als habe er sich gefürchtet , der gute Moritz , “ meinte Flora mit verächtlich sich wölbenden Lippen . „ Ich für meinen Theil hätte gerade in diesem Momente die Fabrik nicht für Millionen hingegeben ; erst mußten die Kläffer sich überzeugen , daß ihr Lärmen umsonst gewesen sei , daß man ihre Schreckschüsse verlache . Der Grimm schnürt mir den Hals zu , wenn ich mir denke , es könnte nun heißen , die Drohbriefe an mich hätten uns eingeschüchtert . “ „ Sei ruhig , Flora ! Das glaubt Niemand von Dir ; man sieht Dir die Soldatencourage und Zuversicht auf hundert Schritte an , “ spottete Henriette . Die schöne Schwester rauschte schweigend nach der Thür ; sie ignorierte ja derartige Bemerkungen der Kranken stets mit einem kalten Lächeln , und auch die Großmama erhob sich , um Toilette zum Diner zu machen . „ Bruck hat Dir für heute einen kleinen Spaziergang erlaubt , Henriette ? “ fragte die alte Dame , sich an der Thür noch einmal zurückwendend . „ Ich soll mich ein wenig im Stadtforste ergehen , um Tannenharzluft zu atmen . “ „ Dann werde ich mich anschließen , “ sagte Flora . „ Ich brauche auch Luft , Luft , um nicht zu ersticken unter der Last von Widerwärtigkeiten , die mir das Schicksal aufbürdet . “ Sie reichte der Präsidentin den Arm , um sie die Treppe hinabzuführen . Henriette stampfte zornig mit dem Fuße ; sie hätte weinen mögen vor Aerger , aber verhindern konnte sie es doch nicht , daß die schöne Schwester nach Tische im weißen Filzhütchen , den Palmblattfächer in der Hand , erschien , um sie auf dem Waldspaziergange zu begleiten . Es war ein herrlicher Apriltag mit wolkenlos blauem Himmel , mit glitzerndem Sonnengolde auf Weg und Steg und dem Dufte der ersten Veilchen in seinen sammetweichen Lüften . Noch war es hell in dem Streifen Laubwald , der den schwarzgrünen Mantel des Tannenforstes gleichsam verbrämte , so hell , als sei die Kuppel von diesen sonst so wonnig dunkelnden Säulengängen genommen ; noch lag das machtvolle Grün , das die knorrigsten Aeste bewältigt und sie geschmeidig jung aussehen macht , zu Milliarden weicher Flöckchen zusammengedrückt , im engen , braunen Schrein der Knospen ; nur das feinzweigige Unterholz umschleierte ein bläßlich grüner Hauch , und aus den feuchten Moospolstern reckten sich langstielige weiße Glöckchen . Diesen kleinen hellen Blumen ging Käthe pflückend nach , während Flora und Henriette auf dem schmalen Wege blieben , der nach dem Tannengrunde führte . Still war es heute nicht im Walde – es war der Tag , an welchem sich die Armen der Stadt das dürre Holz holen durften . Man hörte das Einknicken verdorrter Aeste , das gegenseitige Zurufen von Menschenstimmen , und tief im Gestrüpp stand Käthe plötzlich vor einem braunen Weibe , das eben einen abgesägten armstarken Buchenast zu Boden riß . War es , weil sie grünes statt des erlaubten dürren Holzes in den Händen hielt , oder machte ihr die unerwartet hervortretende Erscheinung selbst einen zornerregenden Eindruck – sie warf unter dem lilafarbenen Tuch hervor , das sie um den Kopf gebunden hatte , einen wilden Blick auf das junge Mädchen ; in der Art und Weise aber , wie sie , kerzengerade aufgerichtet , mit dem Ast gleichsam spielend über den Boden hin- und herfegte , lag eine freche Herausforderung . Käthe fürchtete sich nicht im Geringsten ; sie bückte sich , um eine ganze Familie Anemonen unter dem nächsten Strauche zu pflücken ; in diesem Augenblick drang vom Wege her ein vereinzelter Ruf , ein schwacher Laut , dem ein Tumult von geflissentlich gedämpften Stimmen folgte . Das Weib horchte auf , schleuderte den Ast fort und schlug sich in der Richtung des Lärms quer durch das Untergesträuch . Und jetzt zitterte der Aufschrei wieder herüber – es war Henriettens krankhaft verschleierte , dünne Stimme . Käthe folgte der Frau auf den Fersen ; die Dornen rissen ihr Fetzen vom Kleide , und die Büsche , die das Weib mit kräftigen Armen theilte , schlugen zurückschnellend und klatschend in ihr Gesicht , aber sie kam rasch heraus auf den Weg . Zuerst sah sie nur einen Knäuel von Weibern und zerlumpten Jungen , der sich um den Stamm einer Kiefer drängte ; bei den heftigen Bewegungen der Versammelten