hauchte die Kleine tief aufatmend . „ Ich glaube , ich könnte schon um ­ herlaufen , wenn ich dürfte . “ „ Das könntest Du noch nicht , auch wenn Du dürftest , “ sagte Heim und prüfte nicht ohne Besorgnis das geisterhaft verklärte Aussehen und den kaum fühl ­ baren Puls des Kindes . „ Ihr Gemüt hat ihre Leiden schneller verwun ­ den , als der Körper , “ sagte er , ein wenig zurückbleibend , zu Leuthold . „ Solch ein Kindesherz ist ein gutes Ding , es hält unendlich viel aus , aber körper ­ lich ist ein Kind gar bald zerstört . Ich kann den Ausdruck schwerer Leiden auf einem so jungen Gesicht nie ohne das tiefste Mitleid sehen . Wann sollen wir denn fröhlich und glücklich im Leben sein , wenn wir es als Kind nicht sind ? “ „ Sie haben Recht , “ sagte Leuthold . „ Dieser bitter verzogene Mund , der sich jetzt so sichtlich gegen seine Gewohnheit zu lächeln bemüht , und das glän ­ zende Auge , das noch von Tränenfurchen umrändert ist , machen auch auf mich einen überwältigenden Eindruck . “ Heim streifte den gerührten Sprecher mit einem forschenden Blick . „ Ach , die hübsche , neue Bank ! “ sagte Ernestine mit schwacher Stimme , als sie unter dem Apfelbaum ankam . „ Und die prächtigen Zweige , da sitzt man wie in einer Laube . “ Sie ließ ihr Auge überall umher schweifen , und die Wäsche auf der Leine gefiel ihr , die weißen Schmetterlinge mit schwarzen Punkten , die über die Gemüse ­ beete hinflogen , entzückten sie , die weite kahle Ebene bis zum Waldessaum dünkte sie herrlich , Alles war so neu , als sähe sie es jetzt zum ersten Mal , und sie bewunderte Alles mit inniger Freude . Die langen Reihen verwilderter Bohnenstauden erschienen ihr als lockende , geheimnisvolle Irrgänge , selbst das hoch ge ­ schossene Spargelkraut und die Kohlköpfe , in deren krausen Blättern sich der Morgentau zu großen Per ­ len gesammelt hatte , waren für sie Meisterwerke der Schöpfung . „ Ach , wie schön ist es doch in der Welt ! “ sagte sie zu den beiden Herren . „ Und Niemand schlägt mich mehr ! Ihr seid so gut gegen mich , Sie , Herr Geheimerat , und Du , Onkel Leuthold , und auch Du , Rieke , Du bist auch gut — ach — ich danke Euch ! “ Und sie faßte die Hände der Umstehenden und küßte sie , während Träne um Träne aus ihren Augen quoll . „ Seltsames Kind , warum weinst Du jetzt ? “ fragte Leuthold . „ Ach , ich weiß es nicht — ich bin so glücklich ! “ schluchzte Ernestine . „ Wenn ich nur jetzt einen Vater oder eine Mutter hätte ! “ „ Wenn aber Dein Vater noch lebte , dann bekämst Du wieder Schläge , “ meinte Rieke , deren praktischer Sinn gleich das Rechte traf . „ Sei froh , daß er tot ist , sonst wärst Du ja nicht so glücklich ! “ Ernestine senkte das Haupt . „ Ach , es ist auch eigentlich nicht mein toter Vater , nach dem ich mich sehne — ich wünsche mir nur einen , der mich lieb hätte . “ „ Du hast ja einen Onkel , der Dich herzlich liebt , mein Kind , “ sagte Leuthold . „ Onkel “ — begann Ernestine plötzlich nach kur ­ zem Sinnen : „ Wie sind denn nur die ersten Menschen entstanden ? Jeder Mensch hat Eltern , aber die ersten Menschen hatten doch keine ! Wie kamen denn die zur Welt ? “ Leuthold und Heim sahen sich mit unverhehltem Staunen an . „ Nun , Du gehst den Dingen auf den Grund und willst gleich das höchste Geheimnis der Schöpfung erforschen ! “ lächelte der Oheim . „ Dieses Kind hat das Zeug zu einer Gelehrten , “ sagte Heim , „ das muß entwickelt werden . “ „ Ja wahrhaftig ! “ rief Leuthold mit ungewohnter Lebhaftigkeit , „ daraus läßt sich etwas machen . In zwei Jahren liest sie den Darwin ! “ — Er versank in ein tiefes Brüten . Heim brach ein Paar Stiefmütterchen , die im Unkraut hervorsproßten , und reichte sie Ernestinen . „ Streng ’ Dein Köpfchen jetzt nicht mit solchen Ge ­ danken an . Wenn Du groß bist , wirst Du das Alles erfahren . — Blumen habt Ihr hier aber wenige , Du kannst Dir nicht einmal einen Strauß binden ! “ sagte er und versuchte zu lachen . „ Das tut nichts , Herr Heim , “ meinte Ernestine wieder heiter . „ Wenn wir auch keine Blumen haben , mir gefällt es hier doch so gut — wie im Garten des Paradieses ! “ „ Die Kleine hat Phantasie , “ bemerkte Heim zu Leuthold , „ ein verwilderter Küchengarten wird für sie zum Paradies . Poesie darin , Poesie ! “ er deutete auf Kopf und Herz . Leuthold trat zu Ernestinen : „ Wenn Du Blumen wünschest , mein Herzchen , so sollst Du sie haben , Du bist jetzt “ — sein Mund verzog sich krampfhaft — „ so reich , daß Du Dir keinen Wunsch zu ver ­ sagen brauchst . “ „ Ich bin reich ! “ wiederholte Ernestine , als könne sie es immer noch nicht fassen . „ Gehört denn auch der Stuhl mir , in dem ich sitze ? “ „ Gewiß ! “ „ Und der Garten und die Felder ? “ „ Alles , so weit Du siehst ! “ „ Ach , wie prächtig ! Aber , Onkel — habe ich denn auch so viel Geld , daß ich mir ein Fernrohr , wie Deines , kaufen kann ? “ Leuthold stutzte über diese Frage . „ Ist das der Höhepunkt Deiner Wünsche