: » Das ist deine Großmutter , Kind ! « Mit angstvollen Augen starrte die alte Frau auf das zierliche Geschöpf , dann richtete sie sich auf in ihrem Stuhl und rief wie jammernd : » Zu spät ! Zu spät ! « Es waren ihre letzten Worte – Leontes-Krischan konnte seine alte Mutter nur noch begraben . Er kam vor seiner Abreise zu uns und brachte mir im Auftrage der Verewigten ein abgegriffenes Büchelchen . Es war » Die bezauberte Rose « . 172 Das sind Gestalten aus der Zeit , da die Acht neben der Eins stand : kleine unscheinbare Tröpflein in der Flutwelle des Jahrhunderts . Nun ist die Neun neben die Eins getreten und nimmt uns auf in ihre heranrauschende Flut , in der wir vergehen werden . Noch aber leben wir und sehen staunend , was Menschengeist ersonnen und erreicht hat , und harren ehrfurchtsvoll erschauernd noch größerer Offenbarungen , die uns das neue Jahrhundert bringen wird . Eines aber bringt es nicht , solche eigenartig harmlose Menschen wie die , die ich eben geschildert habe , die es verstanden , auf ihre Art da zu sein . Die Originale , die sterben aus . 173 Maiblumen . Heute früh bin ich ausgegangen , das herrliche Frühlingswetter verlockte mich dazu . Nach diesem Winter , der uns so viel Schnee und Eis brachte , war der laue Wind , der blaue Himmel , der goldene Sonnenschein ein wahrer Hochgenuß , der geradezu berauschend wirkte auf das Gemüt . Die Trottoire in den Straßen des freundlichen Elb-Florenz sind trocken und belebt , auf dem Bismarckplatz trippeln die Kinder durcheinander , schwatzen laut und lachend die Wärterinnen , und der Bäckerjunge , der , eine riesige Tortenschachtel tragend , sich durch das Gedränge schiebt , pfeift was er kann : » Ist denn kein Stuhl da , Stuhl da , für meine Hulda , Hulda ! « Die Engländerinnen tragen zu ihren Pelzkragen bereits Waschblusen unter den Jaketten und vorjährige Strohhüte . Die Taxameter haben das Verdeck ihrer Wagen geöffnet , und vor dem Bahnhofportale werden große Koffer reisender Leute abgeladen . Glückliche Menschen ! Die Reiselust , die mich plötzlich übermannt ! Eine Sehnsucht , so tief und mächtig , nach dem Lande jenseit der Alpen , nach blühenden Mandeln und Mimosen , nach roten und weißen Kamelienblüten , nach dunkelblauen Seen und silberblinkenden 176 Bergspitzen , nach menschendurchfluteten Städten und weißen , in Palmen und Lorbeergestrüpp versteckten Villen . In diesen Gedanken bin ich die Pragerstraße hinaufgeschritten , ganz mechanisch , ohne zu sehen und zu hören : mitten durch die eiligen geschäftigen Menschen , an den prächtigen Schaufenstern vorüber , immer weiter , bis ich auf dem Markt stehe , vor dem Tischchen der alten Blumenfrau , bei der ich stets zu kaufen pflege . Und da sind sie alle , die lieben Bekannten aus dem Süden . Die goldgelben Mimosenzweige , die ihr leuchtendes Banner so üppig wehen lassen auf der Isola madre ; die Narzissen und Anemonen , die man am Monte Rosso pflückt , die gelben Marguerites , und dann der Maiblumenduft , ach , der Maiblumenduft ! Da steht mir wieder zaubergleich die kleine Station zwischen Laveno und Mailand vor Augen , wo barfüßige italienische Kinder Maiblumensträuße verkaufen , so groß , daß man sie kaum zu fassen vermag , und so duftend ! Aller Staub , alle Hitze scheinen gewichen aus dem dumpfen Coupé , sobald diese holden Blumen 177 ihren Einzug halten . Und wie ich das letzte Mal dort reiste , brachten mir diese Maiblumen ein Erkennen , da war ich , ohne es zu wissen , mit Lene v. Brandenfeldt in demselben Coupé gefahren . Erst an dem sehnsüchtigen Ausdruck , mit dem ihre Augen an meinem Strauß hingen , erkannte ich sie , und da – doch davon später ! – – – – Ich kaufe der Alten so viel Blumen ab , wie ich zu tragen vermag , und wandere heim , noch immer mit der großen brennenden Reisesehnsucht im Herzen . Es liegt so etwas Festliches heute über allem Treiben , die Leute sehen gesund und lächelnd aus , selbst die Droschkenpferde haben ordentlich einen vergnügten Gesichtsausdruck , und ebenso die armen geplagten Zughunde und die kleinen geduldigen Esel vor den Milchkarren . » Ja , nun kommt gute Zeit , nun wird es warm und lustig in der Welt ! « scheint alles zu sprechen . Zu Hause angelangt , verteile ich die Blumen in die Zimmer : der Maiblumenstrauß findet seinen Platz auf meinem Schreibtisch , dicht neben dem Heft , auf dessen leeren Seiten leider noch keine Zeile geschrieben steht . Aber jetzt weiß ich , was ich schreiben soll , die Maiblumen haben es mir gesagt . Und sie duften und duften und zaubern alte , längst vergessene Bilder herauf , anknüpfend an jenes Wiedererkennen im schwülen Coupé , über ihre weißen Glöckchen hinweg . Von Lene v. Brandenfeldt will ich erzählen , von den Tagen , wo wir beide noch weiße und rosa Kleidchen trugen und an eine wundervolle Zukunft glaubten , von den Tagen der Jugend . » In die Maiblumen gehen « nannten wir es in Steinhagen , wenn wir in den Stadtwald zogen , ein ganzer Trupp junger Frauen , Mädchen und Offiziere ; die Mütter folgten uns im Krümperwagen mit der » Fourage « , denn im Försterhause war höchstens heißes Wasser zum Kaffeekochen und frische Milch zu haben . An irgend einer schattigen Stelle wurden Decken ausgebreitet , und man lagerte sich in zwanglosen Gruppen , irgend eine hübsche Frau füllte die goldgeränderten Kaffeetassen der Frau Försterin , die jungen Mädchen präsentierten den 178 Kuchen , und hinter dem nächsten grünen Gebüsch spielte die Regimentsmusik das » Echo im Walde « . Blauer , leichter Zigarettenduft verscheuchte die Mücken , und in das Lachen und Plaudern hinein rief unermüdlich aus der Ferne der Kuckuck . Und über allem der blaue Maihimmel mit seinen