“ Da wurde sie erst gewahr , daß hinter ihm Herr Selldorf stand , der den grünen Hut von dem lockigen Haar genommen , die Rechte in die des Vaters gelegt hatte und ihn mit einem flehenden Blick ansah . „ Bis auf heute Abend denn , lieber Selldorf , “ hörte sie den Vater sprechen , dann noch ein Händeschütteln , und der junge Mann war verschwunden , ohne sie angesehen zu haben . Der stattliche Vater begrüßte sein Töchterchen wie zerstreut und warf die Jagdtasche ab . „ Wo ist die Mutter ? Ich muß mit der Mutter reden , “ sagte er eilig . „ Aber Friedrich , die Suppe ! “ rief die Muhme aus der Küche . „ Ja so – dann nachher ! “ meinte er . Bei Tische aber da fuhr er oft mit der Hand über das Gesicht , und dann lächelte er , und plötzlich wurde er wieder ernst . Einmal sah er sein Lieschen so forschend und dabei so traurig an , daß diese die Gabel weglegte und fragte : „ Vater , was ist Dir nur passirt ? “ und „ Erving , hast Du etwas Unangenehmes gehabt ? “ fragte auch die Hausfrau . „ Ei bewahre ! “ erwiderte er lustig und zwang sich zur Unbefangenheit . Gleich nach rasch beendeter Mahlzeit folgte er seiner Frau in das Wohnzimmer . Lieschen spazierte im Garten auf und ab und schaute mitunter bange nach den Fenstern der Wohnstube ; endlich ging sie wieder in ’ s Haus , aber da schritt eben die Muhme in die Stube und winkte ihr draußen zu bleiben . Sie setzte sich voll banger Ahnungen auf die Steinbank unter dem Fenster . Drinnen wurde eifrig gesprochen , und endlich hörte sie die Stimme der Muhme : „ Nein , Friedrich , das Eine mußt Du mir versprechen , wenn sie nicht will , dann redet ihr nicht zu , denn gezwungene Eh ’ ist ein ewiges Weh ! “ „ Selbstverständlich ! “ erwiderte der Vater , „ aber man kann ihr doch alle Vortheile und Nachtheile vorstellen . “ Das junge Mädchen dort auf der alten Steinbank war plötzlich bleich geworden wie der Tod . Mit einem Schlage war ihr eine Klarheit über das gekommen , was drinnen verhandelt wurde ; hatte sie denn in einem Traume gelebt ? Ihre Eltern , ihr lieber guter Vater – könnten sie es fertig bringen , sie von sich zu geben ? Sie sollte fort müssen von der alten lieben Mühle mit einem fremden Manne ? Fort von der Mutter , der Muhme und Allem , was ihr lieb und vertraut war ? Sie sollte nicht mehr in ihrem Stübchen wohnen , nicht mehr die Thürme des alten Schlosses da drüben sehen ? Sie preßte die Hände gegen die Brust , und es war ihr , als hörte das Herz auf zu schlagen bei dieser Vorstellung . „ Lieschen , komm einmal herein ! “ tönte jetzt die Stimme ihres Vaters . Mechanisch erhob sie sich und folgte der Weisung . Da stand sie nun in der Wohnstube ; auf dem Sopha saß ihre Mutter , am Fenster die Muhme , und Beide schauten sie so besonders – so innig an , ja , es war , als ob die Mutter geweint habe . Die alte Frau am Fenster erhob sich und schritt hinaus ; sie wollte nicht stören bei dem , was jetzt die Eltern dem Kinde zu sagen hatten ; sie ging still in ihre Stube und nahm die Bibel von ihrer Kommode ; dann setzte sie sich aus den alten Lehnstuhl und faltete die Hände über dem Buche . „ Gott weiß allein was Recht ist , “ flüsterte sie ; „ er mag ihr Herz lenken , und so wird es wohl werden . “ Draußen lagen die Strahlen der Herbstsonne auf dem bunten Asternflor , und lange weiße Fäden hatten sich wie alberne Schleier um die halbentlaubten Stachelbeersträucher gehängt . „ Wenn es wieder Frühjahr wird , wie mag es dann hier im Hause stehn ? “ Sie dachte an ihren Liebling , der da drüben so plötzlich vor die wichtigste Entscheidung im Leben gestellt worden – wie wird Lieschen die Eröffnung aufnehmen ? Ob sie wirklich nicht bemerkt hatte , wie lieb sie dem jungen Manne geworden ? Und ob sie ihn nicht ein klein wenig – „ Ach nein ! “ Die alte Frau schüttelte den Kopf , sie wußte , wie es in dem jungen Herzen aussah – „ Nein , sie liebt ihn nicht , und wenn sie ihm dennoch ihr Jawort gäbe , sich zwänge , weil es die Eltern wünschten – würde sie dann glücklich werden ? Ach , gezwungene Lieb ’ und gemalte Wangen , die dauern nicht . Das arme Kind ! “ flüsterte sie vor sich hin . „ Wenn sie ihr nur nicht so zureden ! Minnachen , die thut ’ s nicht , aber der Friedrich , der Friedrich , der hat einen Narren an dem Jungen gefressen . “ Sie schlug das alte Buch auf und blickte auf die vergilbten Blätter , aber sie vermochte nicht zu lesen ; die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen , und die Hände zitterten ihr , – und nun faßte es leise auf die Thürklinke – wird jetzt das Gesicht einer fröhlichen jungen Braut hereinschauen , mit dunkler Gluth übergossen ? Die alte Frau hielt dea Athem an ; da öffnete sich langsam die Thür , und das junge Mädchen stand auf der Schwelle ; war sie denn gewachsen seit vorhin ? Sie trat ruhig herein ; auf dem bleichen Gesicht lag tiefer Ernst . „ Muhme , “ sagte sie leise , „ ich habe nein gesagt . “ Die Muhme antwortete nicht ; sie nickte nur wie zustimmend mit dem Kopfe . „ Du bist ihm nicht gut , Kind ? “ fragte sie dann . „ Sieh , es