fuhr mir mit der Hand über die Augen . - - - - Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid , daß ich meine Mutter verloren hatte , wie ausgetilgt in mir . Nicht eine Träne konnte ich vergießen , als sie begraben wurde ; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich , warum die Menschen weinten . Mein Vater ging hinter dem Sarge her , neben mir , und wenn ich aufblickte , lächelte er jedesmal leise und ich fühlte , wie das Entsetzen durch die Menge fuhr , als sie es sahen . « » Und sind Sie glücklich , Mirjam ? Ganz glücklich ? Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken , ein Wesen zum Vater zu haben , das hinausgewachsen ist über alles Menschentum ? « , fragte ich leise . Mirjam schüttelte freudig den Kopf : » Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin . - Als Sie mich vorhin fragten , Herr Pernath , ob ich nicht Sorgen hätte und warum wir hier wohnten , mußte ich fast lachen . Ist denn die Natur schön ? Nun ja , die Bäume sind grün und der Himmel ist blau , aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen , wenn ich die Augen schließe . Muß ich denn , um sie zu sehen , auf einer Wiese sitzen ? - Und das bißchen Not und - und - und Hunger ? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten . « » Das Warten ? « fragte ich erstaunt . » Das Warten auf ein Wunder . Kennen Sie das nicht ? Nein ? Da sind Sie aber ein ganz , ganz armer Mensch . - Daß das so wenige kennen ? ! Sehen Sie , das ist auch der Grund , weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre . Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen - Jüdinnen natürlich , wie ich - , aber wir redeten immer aneinander vorbei ; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht . Wenn ich von Wundern sprach , glaubten sie anfangs , ich mache Spaß , und als sie merkten , wie ernst es mir war und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand , was die Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen : das gesetzmäßige Wachsen des Grases und dergleichen , sondern eher das Gegenteil , - hätten sie mich am liebsten für verrückt gehalten , aber dagegen stand ihnen wieder im Wege , daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken , hebräisch und aramäisch gelernt habe , die Targumim und Midraschim lesen kann , und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind . Schließlich fanden sie ein Wort , das überhaupt nichts mehr ausdrückt : sie nannten mich überspannt . Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte , daß das Bedeutsame - das Wesentliche - für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das Wunder und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Ethik , die nur versteckte Wege sein können , um zum Wunder zu gelangen , - so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern , denn sie scheuten sich , offen einzugestehen , daß sie aus den Religionsschriften nur das glaubten , was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte . Wenn sie das Wort Wunder nur hörten , wurde ihnen schon unbehaglich . Sie verlören den Boden unter den Füßen , sagten sie . Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte , als den Boden unter den Füßen zu verlieren ! Die Welt ist dazu da , um von uns kaputt gedacht zu werden , hörte ich einmal meinen Vater sagen , - dann , dann erst fängt das Leben an . - Ich weiß nicht , was er mit dem Leben meinte , aber ich fühle zuweilen , daß ich eines Tages so wie : erwachen werde . Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann , in welchen Zustand hinein . Und Wunder müssen dem vorhergehen , denke ich mir immer . Hast du denn schon welche erlebt , daß du fortwährend darauf wartest ? fragten mich oft meine Freundinnen , und wenn ich verneinte , wurden sie plötzlich froh und siegesgewiß . Sagen Sie , Herr Pernath , können Sie solche Herzen verstehen ? Daß ich doch Wunder erlebt habe , wenn auch nur kleine , - winzig kleine - , « - Mirjams Augen glänzten , - » wollte ich ihnen nicht verraten , - - - - - - « Ich hörte , wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten . » - aber Sie werden mich verstehen : oft , Wochen , ja Monate , « - Mirjam wurde ganz leise - » haben wir nur von Wundern gelebt . Wenn gar kein Brot mehr im Hause war , aber auch nicht ein Bissen mehr , dann wußte ich : jetzt ist die Stunde da ! - Und dann saß ich hier und wartete und wartete , bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte . Und - und dann , wenn ' s mich plötzlich zog , lief ich hinunter und kreuz und quer durch die Straßen , so rasch ich konnte , um rechtzeitig wieder im Hause zu sein , ehe mein Vater heimkam . Und - und jedesmal fand ich Geld . Einmal mehr , einmal weniger , aber immer soviel , daß ich das Nötigste einkaufen konnte . Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße ; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute traten darauf , rutschten aus darüber , aber keiner bemerkte ihn . - Das machte mich zuweilen so übermütig , daß ich gar nicht erst ausging , sondern nebenan in der Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind , ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei . « - Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf , und ich mußte aus Freude darüber lächeln .