heute zum heiligen Zeno schicken . « » Franzikopus , manchmal redest du wie ein Verbrecher , manchmal siehst du aus wie ein nützlicher Mensch . Zu welcher Gattung gehörst du ? « Der Kaplan schmunzelte . » Viellieber Herr ! Am schwersten unterscheidet man die Menschen auf der schmalen Kippe zwischen einem Verdammten und einem Heiligen . « » Verdammte kenn ich zur Genüge . Jetzt hab ich Sehnsucht , nur ein einziges Mal einem Heiligen zu begegnen , der noch auf Erden wandelt . « » Warum willst du das ? « » Um zu erforschen , wie ein Heiliger bei lebendigem Leibe riecht . « Die grauen Augen des Kaplans wurden rund . » Ich verstehe meinen geliebten Herrn nicht . « » Dann will ich es dir erklären . Menschen , die eine das reinliche Maß übersteigende Liebe zu Tieren besitzen , riechen bitter und schlecht . Tiere , die eine tiefe Neigung zu Menschen fassen , bekommen in des geliebten Menschen Nähe einen köstlich duftenden Atem . Wie schön und rein muß jeder Hauch eines Menschen werden , wenn er zu lieben beginnt , was wertvoller ist und höher steht als seine eigne Erbärmlichkeit . Du , Franzikopus , säuerst ! Ich fürchte , es wird mit dir ein böses Ende nehmen . « Heiter lachte der Kaplan . Doch plötzlich spähte er über die Straße voraus und sprach : » Das ist heut ein Tag der Dinge , die vielfältig sind und doch immer ein gleiches bleiben . Wir haben den Tod auf den Schultern des Lebens gesehen und den Tod im Staub der Straße . Jetzt kommt der Tod im Sattel . Wir wollen abseits reiten , lieber Herr . Jedes dritte Omen macht mich abergläubisch . « Sie ritten von der Straße gegen die Wiesen hinaus , und weil sie sich vom Ufer der Ache entfernten , deren Rauschen stiller wurde , hörten sie wieder deutlich den Stimmenlärm der Ramsauer . Die lieferten einander von Nase zu Nase ein erbittertes Wortgefecht , bei dem schon bald die brüderlichen Fäuste zur Mitwirkung bereit erschienen . Der Haufe , der vor dem Hof des Leuthauses durcheinander wühlte , hatte sich durch Zulauf noch vergrößert . Und immer neue Menschen kamen von allen Seiten über die Wiesenhügel heruntergerannt . Von den Kindern standen die einen in Neugier oder mit erschrockenen Gesichtern herum , andre pritschelten heiter in der Ache , warfen Steine nach den Forellen oder trieben sonstwie ihre gewohnten Spiele . Die Ordnung der Gnotschaft war völlig in Fransen gegangen . Nicht nur die Spruchbaren redeten . Alle schrien durcheinander , Männer und Weiber , Erbrechter und hörige Schupfgütler . Nur ein einziger schwieg : Malimmes . Während ihm das blonde Mädel wieder und wieder , verstört und zitternd , ein paar Worte zuflüsterte , stand er an der Ecke des Leuthauses auf die Kreuzstange seines Bidenhänders gelehnt und blickte aufmerksam in den tobenden Schwärm hinein . Immer waren seine Augen beim Runotter , der sich in dem drängenden Haufen umherschob , bald den einen , bald den andern am Kittel faßte und ernst auf ihn einredete . Aber da fruchtete keine verständige Mahnung mehr . In den ratlos furchtsam Gewordenen hatte die Staatsklugheit des Franzikopus Weiß drei vernunftfressende Worte zurückgelassen : das Wort von den Schätzen , mit denen ein gütiger Fürst die Truhen seiner Holden füllt , das Wort von den Exekutierern und den vielen Ochsen , Kühen , Schafen und Ziegen , das Wort von den hohen Ulmen mit den festen Ästen . Je tiefer diese drei Worte sich einbohrten , um so mehr verlor für die Ramsauer der heilige Peter von Berchtesgaden an vertrauenswürdigen Eigenschaften . In gleichem Maße gewann der heilige Zeno von Reichenhall an schutzbietender Kraft . Schon mehrmals hatte der Ältestmann umsonst versucht , von diesen schreienden Menschen gehört zu werden . Nun stieg er auf einen Zaunpfosten des Leuthauses . Und weil seine Stimme in dem tobenden Lärm versank , hob er zwischen seinen zitternden Händen den Hängmooser Weidbrief in die Höhe , dieses grau und rot gefleckte Heiligtum des Seppi Ruechsam . Mit gekrümmtem Rücken und eingeknickten Knien stand der greise Mann da droben und wartete geduldig , bis halbe Stille entstand . Dann sprach er : Es wäre mit allen Stimmen der Spruchbaren wider die einzige Stimme des Runotter ein Fürschlag ausgeredet , den alle hören und gutheißen müßten , die zur Ramsau und zum Schwarzeck , zum Tauben- und Hintersee gehören ; man soll die vier Toten dem Pfarrherrn vor das Widum legen zu christlichem Begräbnis ; man soll vor Nacht alles Vieh von den Ahnen holen und beim Taubensee zusammentreiben ; neuer Albmeister ist der Hinterseer Fischbauer , der soll die gesiegelten Rechtsbriefe mit der Truhe des Seppi Ruechsam in Verwahr nehmen und haften dafür mit Leib und Leben , mit Gut und Seligkeit ; für jeden Schwerkranken und vor Alter Müden soll man einen halbwüchsigen Buben daheim lassen zu Treuung und Pfleg , bei jedem eine Milchgeiß und das Geflügel , das sich vor Nacht nimmer fangen läßt , einen versteckten Sparpfennig , ausreichendes Brot , dazu noch Mehl und Schmalz und Salz ; was sonst in der Ramsau und auf dem Schwarzeck , am Tauben- und Hintersee ein Lebendiges ist , Mannsleut , Weiber und Kinder , mit allem nutzbaren Vieh , mit Geld und beweglichem Gut , mit Wehr und Eisen , mit Sack und Karren , soll bis Mitternacht Zulauf suchen beim Taubensee . » Auf daß wir zur Wahrung von Hab und Leib einen andächtigen Bittgang tun zum heiligen Zeno , der uns ein mächtiger Fürsprech sein wird beim gütigen Herrn im Himmel , bei Jesuchrist und seiner barmherzigen Mutter . Wer dawider ist , daß man den Bittgang macht , der tu seine Faust in die Höh ! « Eine einzige Faust erhob sich , die des Runotter . Dann streckten sich noch zwei Arme . Von den drei Knechten des Runotter stimmten zwei wie ihr