wartete . Eva Nestors Bild stand plötzlich vor ihrem inneren Auge . Erika fuhr indessen fort , von den Prüfungen zu erzählen , die ihr auferlegt seien . Der Geliebte - - er wäre ihr scheinbar nie näher getreten als ein gewöhnlicher Bekannter - - tat , als kümmerte er sich nicht um sie , aber sie wußte - oh , sie wußte ! ... In harter Mühsal verdiente sie sich , seit sie ihren Mann verlassen , als Kontoristin ihr Brot ; aber davon wolle sie Olga ein andermal erzählen . - Und wenn er ihre Liebe noch hundertmal stärker auf die Probe stellte , - ihr sollte es nur recht sein . Oh , daß sie leiden durfte , um ihrer Liebe willen , - - das war ihres Daseins » bittersüße Wonne « . Wortlos folgte Olga den exstatischen Ausbrüchen dieser modernen Griseldis . Sie waren nun an der Friedrich-Wilhelm-Straße angelangt , die von der Tiergartenstraße zum Lützowplatz hinaufführt . Olga blieb einen Augenblick stehen , um auszuruhen . Sie sah die nächtlichen Portale der Villen , die Gärten , deren gelbes , regennasses Blattwerk hinter den eisernen Gartengittern raschelte ; sie sah die Biegung der einsamen , regenglänzenden Straße , über welcher die hohen Bogenlampen schwebten , und das tiefe Dunkel des Tiergartens , das , wie ein schwarzer Wall , die Straße auf der anderen Seite begrenzte . In all seinen Einzelheiten drang das nächtliche Bild in ihre Seele . Schweigen war ringsum . Nur oben vom Lützowplatz drang gedämpftes Wagenrollen bis hierher . Das Gesicht der Frau Erika Bergmann war bleich , und ihre Augen irrten unstet . Das grüne Hütchen hatte sich verschoben und saß ein wenig schief auf der Seite . Schweigend gingen sie bis zum Lützowplatz . Als Olga in eine Seitenstraße einbog und bald vor dem Hause stand , in dem sie wohnte , sagte ihr Frau Erika Bergmann in ihrem hohen , scharfen Diskant » Auf Wiiiedersehen « - - und mit ihren kurzen , eiligen Schritten trabte sie , in Nacht und Regen , davon . Eines Tages erhielt Olga einen Brief aus Dresden , mit unbekannter Handschrift . Als sie den Umschlag öffnete , fielen zwei dichtbeschriebene Bogen heraus . Die Schrift , die diese Blätter bedeckte , war dick , fast ohne Haarstriche , die Buchstaben enganeinander und steil . Der Brief war von Werner Hoffmann . Stanislaus hatte ihr kürzlich erzählt , daß er in einem Sanatorium in der Nähe Dresdens sei ; eine schwere Erschöpfung hatte ihn gezwungen , um einen Urlaub einzukommen . Auf Empfehlung eines Arztes war er in der Anstalt unter Bedingungen aufgenommen worden , die ihm den Aufenthalt da ermöglichten . Der Brief trug keine Überschrift . » Ich muß sprechen und wissen , daß ich gehört werde . Darum schreibe ich . Wenn ich alles gesagt haben werde , was in dieser Stunde zu sagen ist , - dann werde ich nachdenken , ob ich auch adressiere - und ich werde es sehr schnell wissen . Auf die Gefahr hin , eine falsche Adresse gewählt zu haben , werde ich den Brief dann absenden . Das wird kein Liebesbrief , dazu ist meine eigene Verwirrung zu groß . Verwirrung im Felde der Voraussetzung , - Verwirrung im Gebiete der Objekte . So sieht die Sache erkenntnistheoretisch aus . Aber aus dem Mannigfaltigen und Hemmenden wächst das Einfältige und Eindeutige und treibt und schiebt zur Tat . Es wächst der Wunsch ; mit ihm nicht - der Mut . Natürlich wage ich nichts , - was sich nicht , im gegebenen Falle , als mißverständlicher Unsinn deuten ließe , wert , einer freundlichen Ofenflamme überliefert zu werden . Und doch ist es eine Tat . Hervorgelockt aus dem grotesken Gestrüpp der - Begier ist ein kleines , schwaches , schlechtes Wort . Aber Wunsch nach jenem Zustand , in dem Ich überwunden wird . Daß es gelänge , - daß es vernichtet würde . Ich ist ein sonderbares Ding : immer allein und doch tausendfältig gebunden . Vielleicht reizt Sie das Problem ? Ein Wort der Erwiderung erbitte ich . Denn hat je einer weniger gelogen als ich ? Man sage mir ein Wort . Und sei es nur - Sei still mein Freund - wenn man nicht sagen kann : Hier blüht das schwere Schweigen , - Hier findest du , was dich dir nimmt . Hier wallt , in rotem Purpur , Vergessenheit und blickt dich an , Zerstäubt zu Millionen Kräften , Löst sie dein Schicksal von dir ab , Trägt es dahin , von wo es kam . - - Natürlich Ihr sehr ergebener Hoffmann . Nachschrift vom Tage : Frau Baronin v. Kellenberg wird Sie aufsuchen ; sie hat ihre Gedichte unserm Verlag angeboten . Ich sende Ihnen mit gleicher Post das Manuskript . Mein Urteil : eine respektable Kraft , im Rhythmus der Nüchternheit , die letzten Wünsche der Exstase ausdrücklich zu machen . Ihre Meinung , bitte ! « Nach zwei Tagen erwiderte Olga : » Es gibt Briefe , denen man es ansieht , daß sie erst nach zehnmaligem Versuche der Abfassung entstanden sind . So verräterisch war mir der Ihre . - Was man sucht , glaube ich zu erkennen : Man sucht eine brauchbare Form . Form sein , heißt Weib sein , - zugegeben . Aber diese Form erwartet einen bestimmten Inhalt , - der das Gewebe ihrer selbst durchdringe und erfülle , ohne daß es Störung , Zerstörung bedeute ; der also vom selben Stoff sei , wie sie , nur fließender , füllender . Vergessenheit - lädt mich nicht ein . Für mich ist - Deutlichkeit . Nur was deutlich in mir ist , gibt mir Fülle . Ich will nicht taumeln , - will gehen , mit sicheren Schritten und offenen Augen ; will wissen . Verwirrung im Felde der Voraussetzung , ja der Objekte ? - - - Das ist , als trüge ein werdender