sie das , von der die alte Frau so gesprochen hatte ? Sahen die Leute sie so ? Sah sie so aus ? Widerwille und Furcht stiegen in ihr auf , es war , als klebe etwas Unreines und Häßliches ihr an , das sie verzerrte und gespenstisch machte . Agnes kam herein und brachte Tee : » Den müssen Sie jetzt trinken « , sagte sie barsch . Doralice gehorchte , Agnes stand dabei , schaute aufmerksam zu und murmelte : » Das kommt davon , Hans ist auch schuld . Ich habe es ihm gesagt , was rennt er immer fort . Man paßt doch auf , wenn man eine hat , die schon einmal einem fortgelaufen ist . Na , aber die alte Frau hat hier bei uns auch nichts zu predigen . Sie soll ihre Marjellen und Jungherrn strammer halten . Und jetzt müssen wir schlafen gehen . « Sie faßte Doralice an beide Arme , um sie aus dem Sessel zu heben , führte sie in das Schlafzimmer , kleidete sie aus , wie man ein Kind auskleidet , half ihr in das Bett hinein und deckte sie fest zu . » Jetzt schlafen « , sagte sie , » das kann nie schaden « , und löschte das Licht aus . Dreizehntes Kapitel Als Doralice erwachte , hörte sie , daß im Nebenzimmer gesprochen wurde . Hans mußte von seiner Nachtfahrt zurück sein und Agnes erzählte ihm etwas flüsternd , so daß es wie ein fortgesetztes Zischen klang . Nur selten warf Hansens tiefe Stimme Worte mit hinein . Das dauerte ziemlich lange , plötzlich brach das Gespräch ab , eine Tür ging und es wurde ganz still . Draußen war es sonnig und ein Wind schien zu gehen , denn die Netze , welche vor Doralices Fenster zum Trocknen aufgehängt waren , wiegten sich hin und her . Auf dem Zaun saßen zwei Kinder , trommelten mit den nackten Füßchen an die Bretter und sangen mit den schrillen Stimmen in den Wind hinein : » Henne , henne , helle , helle , ho , ho ! « Doralice drückte sich fest in ihre Kissen . In ihren Gedanken begann die peinvolle Arbeit , den vergangenen Tag an den beginnenden zu knüpfen . Die Ereignisse der Nacht kamen , sie meldeten sich wie Gläubiger , die ihre Rechnung präsentieren . Vor allem aber meldete sich jene unheimliche , gespenstische Doralice , von der die Leute wie von einem reißenden Tiere sprachen , die davon lebte , sich entführen zu lassen , und die junge Mädchen in den Tod trieb . Zum ersten Male in ihrem Leben empfand Doralice sich selbst als eine Qual . Agnes kam herein und brachte den Tee , Doralice sollte ihn heute im Bett trinken . Agnes stand dabei und berichtete , Hans war zurück , sie hatten viele Fische gefangen . Vom Bullenkruge war zum Strandwächter geschickt worden nach den Pferden , sie sollten das Gepäck zur Bahn bringen . Ja , und dann war der junge Herr vom Bullenkruge dagewesen , er wollte die Gnädige sprechen : » Was soll ich ihm sagen , wenn er wiederkommt ? « schloß Agnes ihren Bericht und in den trüben Augen der alten Frau entzündeten sich grünliche Funken wie in den Augen böser Hunde . Doralice errötete unter diesem Blicke und es klang gequält und zornig , als sie hervorstieß : » Ich will ihn nicht sehen . Sag ihm , er soll abreisen . Ich will ihn nicht sehen , nie . « » Werd ' es ausrichten « , brummte Agnes und ging . Eine Weile später , als Doralice gerade vor dem Spiegel saß , ihr Haar kämmte und ihr Gesicht im Spiegel aufmerksam betrachtete , als wäre es ihr neu , da wurden im Nebenzimmer Stimmen laut . Agnes sprach mit tiefer Stimme deutlich und langsam , wie sie am Sonntagmorgen sich selbst ihre Bibel vorzulesen pflegte : » Die Gnädige sagt , sie will den Herrn nicht sehen . Der Herr soll nur abreisen . Sie sagt , sie will ihn nicht sehen , nie . So sagte sie . « Hilmars ein wenig schnarrende Stimme ließ sich vernehmen und Agnes begann wieder : » Die Gnädige sagt , sie will den Herrn nicht sehen , der Herr soll nur abreisen . Sie sagt , sie will ihn nicht sehen , nie , so sagte sie . « Einen Augenblick wurde es ganz still , dann klirrten Sporen , eine Tür ward zugeschlagen . Doralice trat an das Fenster , sie sah Hilmar die Düne hinabsteigen . Er war in Uniform . Anfangs ging er langsam und zögernd , den Kopf ein wenig gebeugt . Unten am Strande jedoch kam in seinen Gang wieder das hübsche , leichtsinnige Sichwiegen . Die Sonne erweckte in den Sporen , in den Knöpfen und Schnüren der Uniform helle Funken , überstreute die ganze Gestalt mit kleinen , unruhigen Lichtern : » O nein ! « dachte Doralice , » es ergreift mich nicht , das zu sehen . « Allein eine ferne Kindererinnerung kam , Doralice konnte nichts dafür , die Erinnerung kam , wie Träume ohne unser Zutun kommen und uns rühren . Ein Frühlingsabend im alten Garten zu Hause , die kleine Doralice steht einsam auf dem breiten Kieswege und sieht trübselig in den gelben Abendhimmel hinein . Da kommt eine Schar wandernder Musikanten , Männer mit blanken Hörnern und Trompeten . Sie stellen sich vor der Treppe auf und beginnen zu blasen , und sofort erfüllt sich der ganze stille Garten mit so köstlich lustiger Ausgelassenheit , daß Doralice mitsingen möchte und auf dem Kieswege zu tanzen beginnt . Da erscheint Miß Plummers auf der Treppe und winkt den Musikanten ab , sie sollen nicht spielen , die gnädige Frau hat Migräne . Es wird still , die Männer packen ihre Hörner und Trompeten ein und ziehen ab , ziehen die Landstraße hinunter dem schwefelgelben