die Gräfin versetzte trüb : » Ich kann es nicht mehr , nachdem die schreckliche Erinnerung an meines Vaters Tod heraufbeschworen ist . So wird es denn am besten sein , wir löschen das Licht und fahren mit leiser Stimme in unserm Gespräche fort . Stelle dem Jüngling Wein hin . Er mag neben meinem Bette im Sessel Platz nehmen , derweilen ich mich hinstrecke . « Nun lauschte ich im Dunkeln dem Raunen der holden Jungfer . Es war eine Nacht voll wundersamer Gefühle . Zu unserer Furcht vor Entdeckung gesellete sich das Gaukelspiel der Hoffnung , zu den Seufzern , die unsere traurigen Berichte erpreßten , das heimliche Glück einer schnell geknüpften Freundschaft . » Mein teurer Vater « - sagte die Gräfin . » Ich sehe ihn noch , wie sein gebräunt Antlitz strahlete und keck sein Auge blitzete zur Zeit , da uns das Glück noch lächelte . Was dann der Gram aus ihm machte , mag ein Bildnis zeigen , das der Verurteilte mir überbringen ließ . Gleichwohl war sein letzter Gang aufrecht , daß er der Sieger schien , während seine Gegner scheu zur Seite blickten . Ich war damals noch ein Kind ; aber deutlich steht in meiner Erinnerung das grausige Schauspiel , das ich nebst meiner älteren Schwester Elisabeth und meiner treuen Marianka vom Fenster eines Hauses auf dem Altstädter Ring mit ansah . Kopf an Kopf wogte drunten die Menge , während Soldaten mit geladenen Musketen und vorgestreckten Picken das Blutgerüst umgaben . An den Fenstern des Rathauses zeigten sich der Altstädter Rat , die Königsrichter und andere Würdenträger in Prunkgewändern . Unten am Blutgerüst harrete eine Schar von Männern mit bleichen , finsteren Gesichtern , Ketten an Händen und Füßen , darunter mein Vater , schwarz gekleidet . Es waren die verurteilten Rebellen , denen das Haupt , zum Teil auch noch die Schwurhand abgeschlagen werden sollte . Ein Böllerschuß zeigte an , daß die Exekution beginne . Wie der Oberrichter den Stab zerbrochen hatte , traten unter Fanfarengetön drei rotgekleidete Scharfrichter auf das Blutgerüst , und einer entblößete sein breites Schwert . Mit Namen aufgerufen , kam mein Vater zuerst an die Reihe , und ihm wurden die Ketten abgenommen . Stark und hoch gewachsen wie er war , sprang er mit zween gewaltigen Schritten die Treppenstufen hinan , wechselte etliche Worte mit dem Scharfrichter und entblößete rasch den Nacken . Da trat neben ihn ein Jesuiter und hielt meinem Vater unter Beschwörung den Kruzifixum vors Angesicht . Einen Triumphschrei fand ich inmitten meiner Angst , wie auf einmal mein Vater den Jesuiter mit einem Tritt vom Blutgerüst in die johlende Menge warf . Gleich darauf riß mich Marianka vom Fenster zurück und umschlang mich weinend , während draußen ein dumpfer Schlag erscholl , worauf die Menge hohl wie stöhnender Wald murmelte . Ich durfte nicht mehr zum Fenster , und es weinten lange die Frauen , so um mich waren . Marianka reichte mir zum Trost meines Vaters Bildnis , in eine silberne Kapsel gemalt . Ich will es Ihm , Herr Johannes , weisen . Mach für ein Weilchen Licht , Marianka ! « Beim Kerzenschein nahm ich die dargereichte Kapsel und betrachtete das Bildnis . Graf Schlick hatte ein bärtig Antlitz , wachsbleich von der Gefangenschaft , umrahmt von braunen Locken , mit blauen Augen , deren trutzige Kühnheit und Hoheit kein Kummer bewältigt hatte , obwohl Spuren davon den Mund umzogen . Auffällig war die Art , wie die Hände auf der Brust lagen . Die Linke streckte Daumen und Zeigefinger rechtwinklig voneinander . Darunter lag die Rechte mit gleichfalls gespreiztem Daumen , der den Zeigefinger der andern Hand berührte . So war angedeutet der lateinische Buchstabe : Die Jungfer erläuterte das Zeichen folgendermaßen : » Mein Vater , dem es während seiner Gefangenschaft bis zum letzten Stündlein verwehrt blieb , seinen Kindern von Angesicht zu Angesicht oder auch nur brieflich zu begegnen , hat uns eine Mahnung geben wollen , die er nur bildlich auszudrücken vermochte . Seinen Maler , der zu ihm ins Gefängnis gekommen war , wies er an , diese symbolische Geberde zu malen , vermutlich weil das Z als letzter Buchstabe ans Ende des Lebens und an die letzten Dinge erinnert . « Ich stutzte , bedenkend , daß ja auch am Schmelzofen ein Z angebracht war , und zwar am hintern Teil des Behemot , während auf dem Maule ein A stund . Als ich der Jungfer davon Mitteilung machte , wechselte sie mit ihrer Kammerfrau einen Blick der Überraschung : » Das ist allerdings seltsam und bringt auf die Vermutung , daß der Buchstabe Z doch eine andere Bedeutung haben kann , als ich bisher annahm . « Als nach diesem Gespräch das Licht wieder ausgelöscht worden , grübelten wir alle drei eine Weile über das Rätsel . Dann meinte ich : » Die gnädige Jungfer hat etwas gesagt , was mir noch unverständlich : daß nämlich das Z auf dem Schmelzofen von ihrem Vater herrühre . Wie denn ? Hat er sich einmal hier aufgehalten ? « - » Gewiß doch ! « entgegnete das Fräulein . » Habe ich das noch nicht erwähnt ? Die Burg , auf der wir uns befinden , ist meiner Familie Eigentum , gern hat mein Vater hier gehauset und hat das Laboratorium nach eigenem Plane angelegt , selber der Alchymie beflissen . « Nach all den kummervollen Gesprächen schlug unsere Stimmung in jugendlichen Übermut um . Jungfer Thekla erhub sich vom Lager , nahm die Harfe und sang dazu ein Lied von der Prinzessin zu Nirgendheim , die eine Krone aus Mondschein trage und in ihrem Wiegenbettlein gleichwie in einer Karosse durch ihre bunten Lande schaukle . Der Rundreim hieß : » Hasche dein Glück , wann es kommt geschaukelt , Weil es sonsten vorübergaukelt . « Diese holdselige Gräfin war mir die Prinzessin von Nirgendheim und war wohl auch mein Glück . Der Mond schien durchs vergitterte Fenster und