das Haus zu verlassen . Er fragte , wer es verboten habe , da wurde ihm geantwortet , Frau Behold habe es verboten , und als er sich an Frau Behold wandte , sagte sie , der Magistratsrat habe es verboten , und als er sich an den Magistratsrat wandte , sagte der , der Präsident habe es verboten . Dermaßen war alles verzwickt und versteckt in diesem Haus . Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen ; sie fand es versperrt , er hatte von innen zugeriegelt . » Was sperrst du dich denn ein am hellichten Tag ? « fragte sie und schnüffelte auf dem Tisch herum , wo seine Bücher und Schularbeiten lagen . » Fürchtest du dich vielleicht ? « fuhr sie zungengeläufig fort . » Bei mir brauchst du dich nicht zu fürchten , bei mir gibt es keine vermummten Spitzbuben . « Er gab zu , daß er sich fürchte , und das schmeichelte Frau Behold , sie nahm eine grimmige Beschützermiene an und lächelte herausfordernd . Jeden Vormittag , wenn er von der Schule kam , er besuchte jetzt zwei Stunden täglich die dritte Klasse des Gymnasiums , erkundigte sich Frau Behold , wie es ihm gegangen sei . » Schlecht ists gegangen « , entgegnete er dann trübselig , und in der Tat , er hatte wenig Freude davon . Die Lehrer klagten , daß seine Gegenwart die andern Schüler der Aufmerksamkeit beraube ; der Umstand , daß auf der Gasse stets ein Polizeidiener hinter ihm herging und daß die Polizei Tag und Nacht das Haus bewachte , in dem er wohnte , dünkte die Knaben aufregend sonderbar , und sie belästigten ihn mit den albernsten Fragen . Seine Schweigsamkeit wurde natürlich ganz falsch gedeutet , und wenn er von selbst unbefangen das Wort an sie richtete , wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten ihn , denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein großer dummer Teufel , der , fast doppelt so alt als sie , noch in den Anfangsgründen der Wissenschaft steckte . Es kam häufig vor , daß er während des Unterrichts aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte ; da brach dann die ganze Klasse in Gelächter aus , und der Lehrer lachte mit . Einmal , während eines gewaltigen Sturmwinds , der draußen heulte , verließ er seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke ; da kannte das Vergnügen der andern keine Grenze , und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den Bänken schob , begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik . Am eigentümlichsten war es aber anzusehen , wenn er auf dem Nachhauseweg mitten unter der Knabenschar ging , still , verschlossen und sorgenvoll unter den Lärmenden und Unbekümmerten , männlich unter den Halbwüchslingen , und ihm zur Seite beständig der Wächter des Gesetzes . Sehr häufig sprach Daumer vor , um bei den Kollegen Auskunft über Caspar einzuholen . » Ach , « hieß es da , » er hat freilich den besten Willen , aber leider nur einen mittelmäßigen Kopf . Er erweist sich anstellig , aber es bleibt nicht viel haften . Wir können ihn nicht tadeln , aber zu loben ist auch nichts . « Daumer war gekränkt . Ihr könnt nicht tadeln , ihr Herren , ei , und tadelt doch , dachte er ; Tadel ist leicht , besonders wenn er den Tadler lobt , wie es sein Merkmal ist . Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte ihm eine Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten , aber Herr Behold war kein Freund von offenen Meinungen , Er war ein einschichtig lebender Mensch , der seine Tage in einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte , und wer von ihm etwas haben wollte , erhielt gewöhnlich die Antwort : » Da müssen Sie sich an meine Frau wenden . « Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin , wie er jetzt achtsam und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte , wobei er aber gern vermied , Caspar zu sehen und zu sprechen . Mit großem Mißtrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold , und er zerbrach sich den Kopf darüber , weshalb diese so gierig getrachtet hatte , den Jüngling in ihre Nähe zu bekommen . » Was willst du , « meinte Anna , die ebensoviel gesunden Menschenverstand besaß wie ihr Bruder phantastischen Pessimismus , » es ist ja ganz klar , sie braucht eine Spielpuppe , eine Unterhaltung für ihren Salon . « » Eine Spielpuppe ? Sie hat doch ein Kind , und sie vernachlässigt sogar dieses Kind , wie man hört . « » Freilich ; aber daran ist nichts Merkwürdiges , ein Kind zu haben wie alle andern Leute ; es muß etwas sein , wovon man redet , was Interessantes muß es sein ; man kann dabei die große Dame spielen und liest hie und da den eignen Namen in . der Zeitung . Auch gilt man nebenher für eine Wohltäterin , der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen , und was die Hauptsache ist , man vertreibt sich die Langeweile . Die Person kenn ich , als ob ichs selber wäre . Der Caspar tut mir leid . « Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause , wenn sie Gäste hatte . Sie mußte immer Menschen sehen , sie liebte wohlgekleidete , gutgelaunte Menschen , Männer mit Titeln und Frauen von Rang , liebte Feste , Schmuck und prächtige Gewänder . Man hätte sie eine joviale Natur nennen dürfen , wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte ; sie wäre bisweilen behäbig , ja gemütlich erschienen ohne eine gewisse ziellose Neugierde , von der sie bis ins Innerste , bis in den Schlaf der Nächte behaftet war . Sie hatte eine Unmasse französischer Romane verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden , und das gute Teil Phlegma , das ihrem Temperament beigemischt war ,