Bären aufbinden wollen ? « Ein Strom von harmlosem Wohlwollen flutete ihm entgegen , so daß er sich der schlecht verdienten Gewogenheit ordentlich schämte . Und jählings quollen aus seiner Beschämung Rührung und Dank , die nun wieder aus seinem Herzen dem gutartigen Volke zurückfluteten und endlich im dritten Rückprall ihn selber mit einem gänzlich neuartigen , nie vorher verspürten Glück erfüllten , dem Glück des Gemeingefühls . Er , der eingefleischte Sonderling , lernte heute durch die allgemeine Gunst den Segen der Genossenschaft werten . O spöttle nur , Frau Steinbach , mit deinen gescheiten Augen ! Leuchter der Weltgeschichte sind sie ja nicht , zugegeben ; allein gute , liebe Menschen sinds , und das ist die Hauptsache . Friede innen , Friede außen , versöhnt mit sich selber und aller Welt , er wußte gar nicht , wie ihm geschah und wie er die tausendstimmige Harmonie aushalte . Und als er nun gar am nächsten Morgen ein Brieflein - ists möglich ? von ihr ! ! - erhielt , das erste seines Lebens , tat ihm der Überschwang der Seligkeit ordentlich weh . Zwar eigentlich enthielt das Brieflein soviel wie nichts , wenigstens nichts fürs Gemüt ; sie ersuchte ihn einfach um die Gefälligkeit , im Museum nachzufragen , ob man nicht ihren Fächer aufgefunden habe . Allein es waren doch Zeilen von ihrer Hand ; und darüber hatte sie gesetzt : Hochgeehrter Herr und darunter Ihre Theuda Wyß . Ob er sich schon vorsagte , das sind leere Formeln , so erhob und berauschte es ihn trotzdem , daß sie ihn einen hochgeehrten Herrn zu betiteln nicht für unwert erachtete . Mit der Unterschrift aber unternahm er ein listiges Kunststücklein : er schnitt mit der Nagelschere von den drei Worten Ihre Theuda Wyß kreisum die zwei ersten säuberlich aus , das dritte unterschlagend . Siehst du jetzt : sie unterschreibt sich Ihre Theuda . Das heißt meine Theuda ; sie bekennt sich demnach als mir gehörig . Und versorgte das gefälschte Bekenntnis in die Kapsel seiner Uhrenkette . » Nun hab ich sie sozusagen in meinem Besitz « , jubelte sein Herz . Jetzt überlief ihm die Seligkeit in die Nerven , daß er vor Ausgelassenheit irgend etwas recht Närrisches hätte beginnen mögen , er wußte nur nicht , was . Einstweilen stellte er sich vor den Spiegel und schnitt Grimassen , oder er ahmte Tierstimmen und menschliche Dialekte nach , was bei ihm den Gipfel der Fröhlichkeit bedeutete . Nein wirklich , im Ernst , er wußte nicht mehr , ob es ihm eigentlich wohl oder weh tue , so unausstehlich glücklich war er . Herzeleid Eines Tages jedoch wußte ers , ob es ihm wohl oder weh tat . Er hatte sie eines Vormittags , als er Frau Doktor Richard besuchte , dort vorgetroffen , munter gestimmt und zu harmlosen Scherzen aufgelegt wie er selber ; kurz , sie verstanden sich heute . So war man denn in traulichem Geplauder sitzen geblieben , länger verweilend , als beabsichtigt gewesen , wie an die Stelle gebannt durch den freundlichen Geist der Stunde . Vom Nachhall der Übereinstimmung betört , entschlüpfte ihm unten auf der Straße , wie sie ihm zum Abschied mit gutem Blick die Hand reichte , eine kindische Frage : » Und Sie kommen also jetzt nicht mit mir ? « » Natürlich nicht « , antwortete sie belustigt , » hoffentlich nicht . « » Wohin denn sonst ? « » Diese Frage ! Heim zu meinem Mann und meinem Buben , die hungrig aufs Mittagessen warten . « » Und ich ? ich bin also ausgeschlossen ? « » Ei , durchaus nicht . Kommen Sie nur mit ; mein Mann wird sich freuen . « Sie war nicht sein ! Und wie eine Katze , die einen Schuß bekommen hat , floh er nach Hause . Sie war nicht sein ! Und er , der gemeint hatte , seine Liebe wäre wunschlos ! Als ob es menschenmöglich wäre , jemand zu lieben , ohne allermindestens seine bleibende Gegenwart zu begehren . Sie war nicht sein ! Schlimmer noch : sie gehörte einem anderen , einem Fremden ! Gewußt hatte er ja das freilich längst ; allein heute zum ersten Male spürte er es auch , da sie ihn verließ , um zu einem andern zu ziehen . Und das nannte sie heimgehen ! Die Katze , wenn sie den Schuß hat , verkriecht sich ; doch das Schrot nimmt sie mit , und die Wunde , die anfänglich mehr schreckte als schmerzte , beginnt im stillen Winkel und arbeitet . Welch ein unerhörtes Vorrecht ! was für eine empörende Ungleichheit ! Tag für Tag , Jahr um Jahr bis ans Ende der Ende soll der andere mit ihr wohnen dürfen , er nie . Nicht einen Sommer , nicht einen Monat , nicht einmal ausnahmsweise einen Tag . Jenem alles , ihm nichts . Und nicht bloß mit ihr wohnen , sondern - hinweg , Gedanken ! Denn weil der dort ohnehin zuviel hat , schenkt sie ihm zu ihrer Gegenwart noch Liebe und Freundschaft obendrein . Ist jener traurig , so tröstet sie ihn ; ist er krank , sie härmt sich um ihn ; stirbt er , ihre Sehnsucht folgt ihm übers Grab ; gibt es eine Auferstehung , ihr erwachender Blick sucht jenen . Was hat denn der Anmaßliche für einen einzigartigen Wert voraus , daß ihm solch ein schwindelhafter Preis zuteil wird ? Ist er etwa nicht auch ein Mensch ? oder besitzt er für sich allein mehr Vorzüge und Verdienste als die übrige Menschheit zusammen ? Und keine Hoffnung ! Nichts zu ändern ! weder zu erklügeln noch zu ertrotzen ; rundum nirgends eine Möglichkeit . Im Gegenteil : jede vorüberziehende Stunde , so bei Tag als Nacht , so bei Regen wie Sonnenschein , welches auch sonst ihr Inhalt sei , eines tut ihrer jede sicherlich , die eine wie die andere : sie