so ansehnlich , daß sie ihm sogar erlaubt haben , vorher eine Rekognoszierung durch den Orient vorzunehmen . Als mir seine Tochter das schrieb , war ich auch schon hier im Morgenlande . Später teilte sie mir ihre Abreise mit , und wir bestimmten ein Rendezvous in Cambay , wo wir uns auch glücklich trafen . Sie ist in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten , mit der ich , der Nachbar und entfernt Verwandte , sie erzogen und unterrichtet habe , und ich hoffe für ihn gute Wirkung davon , daß er sie mitgenommen hat . Uebrigens scheint er in neuerer Zeit einen Anstoß erhalten zu haben , seine Lehrsätze nicht so , wie früher , für absolut unfehlbar zu halten . Mary sprach aus Rücksicht auf den Vater nicht davon , und so unterließ ich es , mich zu erkundigen ; aber sie unterhielten sich oft von einem Deutschen , mit dem sie in Kairo zusammengetroffen sind . Mit ihm und zwei Chinesen haben sie wiederholt Ausflüge gemacht , und ich glaube , aus ihren Bemerkungen schließen zu dürfen , daß es diesem Germanen gelungen ist , wahrscheinlich aber ohne daß er es beabsichtigt hat , den Vater zu vermögen , über seine religiöse Starrheit nachzudenken . Er kann zwar grad noch so aufbrausend und absprechend wie früher sein und genau noch so gegen heidnische Tempel und Säulen wettern , aber plötzlich wird er still , sinnt nach , und dann kommt eine weiche , friedliche , menschenfreundliche Bemerkung , die aus diesem Munde früher eine Unmöglichkeit gewesen wäre . Ich habe mein Möglichstes getan , diese Augenblicke zu benützen , ihn für solche gute Stimmungen empfänglicher zu machen , glaube aber nicht , viel gewirkt zu haben , da wir uns so bald wieder trennen mußten . « » Sind sie dann direkt nach China ? « hörte ich den Zweiten fragen . » O nein . Er ist ja Herr seiner selbst und Missionar aus eigener Machtvollkommenheit . Darum kann er reisen , wann , wie und wohin er will . Sein nächster Zweck war , Indien kennen zu lernen und quer durch das Land nach Kalkutta zu gehen . Dort angekommen , hat er mir geschrieben . Der Brief wurde mir nachgeschickt ; ich habe ihn heut erhalten . Er wird noch einige Touren an der Ostküste unternehmen und bittet mich , ihm meine Antwort nach Penang zu senden . Ich hatte heut nicht Zeit , zu schreiben , muß es aber dann nach dem Diner gleich tun , denn ich habe Mary ihr Notizbuch zu schicken , welches - - ach , ja , ich habe es nicht hier in diesem vertrackten Salonanzuge , sondern dort in der Brusttasche des Jacketts . Als sie mich zum letzten Male besuchte , notierte sie sich Etwas und vergaß dann , es mitzunehmen ; ich fand es zwar später , doch waren sie schon abgereist . Horch ! Klang da nicht das Gong ? « » Ja . Man giebt das Zeichen zum Essen . « » Wir können noch warten ! « Sie verweilten sich noch einige Zeit , doch kam das durch den Tamtam unterbrochene Gespräch nicht wieder auf denselben Gegenstand . Und das war mir sehr lieb , denn wenn Mary Waller wieder erwähnt wurde und dieser Professor abermals an das Notizbuch dachte , so konnte er auf den Gedanken kommen , es aus dem Jakett zu nehmen , in welchem es ja nicht mehr steckte . Es war ein ganz eigentümliches Zusammentreffen von Umständen , welche sich so miteinander verbanden , als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt hätte und nicht anders hätte lenken wollen . Man pflegt das Zufall zu nennen ; für mich aber ist diese Verlegenheitserklärung nicht vorhanden . Der Mensch glaubt , zu schieben , und er wird geschoben . Tritt ihm ein Ereignis nahe , welches er nicht selbstgefällig auf seine eigene Rechnung setzen kann , obwohl sich später zeigt , daß es von großem Einfluß auf sein Leben ist , so geniert es ihn , einzugestehen , daß hoch über ihm eine weise , mächtige Führung waltet , welche ihn nicht um die Erlaubnis fragt , mit ihm tun zu dürfen , was sie für richtig hält , und so hat er das vollständig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden , mit welchem er zwar seine Ohnmacht eingesteht , weil er nicht anders kann , aber auch keine ihn beherrschende und bewußt handelnde Potenz anerkennt . Mein Leben ist sehr reich an solchen sogenannten Zufällen , welche sich später als für mich außerordentlich wichtig erwiesen , und wenn ich dann auf sie zurückblickte , so entdeckte ich , daß sie mit einer logischen Folgerichtigkeit an mich herangetreten waren , die mich als denkenden Menschen zwang , sie nicht einem willenlosen , blinden Ungefähr , sondern einer außerhalb mir und jenseits dieser Tatsachen existierenden , unendlichen Güte zuzuschreiben . Darum war auch das Ineinandergreifen der gegenwärtigen Umstände kein Zufall für mich , sondern ich nahm diese Tatsachen mit der Ueberzeugung hin , daß sie sich ganz gewiß als jetzige Ursachen späterer Folgen erweisen würden . Das , was der Professor über Waller gesagt hatte , erklärte mir Alles , was mir an dem Letzteren bisher unverständlich gewesen war . Der Missionar besaß nicht das wahre , echte , allgemeine , sondern ein ganz besonderes persönliches Christentum , welchem gerade deshalb , weil es ein individuelles , durch scharfe , psychologische Konturen eng begrenztes war , die Hauptsache , nämlich die Nächstenliebe fehlte , ohne die es ja gerade das nicht geben kann , was das Christentum der Menschheit bringen soll , nämlich die Erlösung . Waller hatte die Vokation zum Glaubensboten sich selbst erteilt , ohne dazu berufen und geeignet zu sein , und die Lehren Christi ebenso wenig begriffen wie die Unklugheit der Forderung , daß jeder Andersdenkende weiter nichts zu sagen habe als : » Vergieb mir nur , du einzig Auserwählter , daß ich