Ich weiß , woran er sterben wird , an der Lüge . Denn wir sind alle krank an der Lüge . « Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die Deutschen . » Ich habe uns durchforscht « , erwiderte der andre , » und ich glaube , wir lügen nicht . Aber wir sind feige . Das ist das Verzehrende . « Nun begannen die beiden einen Streit und erniedrigten jeder sich selbst und einer den andern , und ein sonderbarer Haß war in ihnen , und ihre Augen leuchteten voll Feindseligkeit . Auf Hansen nahmen sie gar keine Rücksicht , als sei er nicht vorhanden , und begannen russische Sätze zu sprechen , und plötzlich , inmitten einer großen Erbitterung , sprang die Frau vom Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn mit heftigen Liebkosungen an ; da strömten aus seinen Augen die Tränen , und sie beklagte ihn , wollte ihn begütigen und war glücklich und froh . Indessen kam unter dem Sofa ein Kätzchen hervor , das dehnte sich , sprang auf das Polster und machte einen krummen Rücken , da eilte Natascha zu ihm und liebkoste es stürmisch . In übler Verfassung verließ Hans das Haus der Russen , und mochte es gegen drei Uhr in der Nacht sein , wie er durch die verödeten Straßen fröstelnd ging . Straßenreiniger mit einer sonderbaren Maschinerie begegneten ihm . An der Ecke stand ein Mann , der in einem blankgeputzten Kessel warme Würstchen zum Verkauf bot , dessen Kundschaft bestand vornehmlich aus Studenten , die in später Nachtstunde nach Hause gingen , und von diesen sowie in Erinnerung an vorige Tage , die besser waren , hatte er sich ein eignes Wesen angewöhnt . Hans blieb vor der jammervollen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht zerstreut stehen . » Dic , cur hic ? « redete ihn der Mann an , dann holte er mit der Gabel ein Würstchen hervor und begann mit Berliner Redensarten seine Anpreisung . Hans nahm und bezahlte , und wie der Mann sein Gesicht sah , fuhr er mit Erzählungen und Ruhmredigkeit fort und sagte , Hans habe wohl keinen Sinn für das studentische Leben , und ein jeder müsse der Gottheit folgen , die ihn antreibt ; so habe er für seine Person immer eine besondere Neigung zur Germanistik gehabt , und wenn er nicht durch den Trunk so heruntergekommen wäre , so könnte er jetzt wohl auf einem Lehrstuhl sitzen mit mehr Recht wie mancher andre , der weniger wisse wie er . Aber auch so , wie er jetzt nachts an der Straßenecke stehe , sei noch ein Drang zum Höheren in ihm , wie in jedem Menschen , denn er sei Volksanwalt und setze für das Volk Klageschriften und Gesuche auf , und wenn er freie Stunden habe , so lese er ; so habe er Claurens sämtliche Schriften durchstudiert , weil der Mann heute unterschätzt werde , denn keiner von den gelehrten Herren gebe sich die Mühe , ihn durchzulesen . Über diesem Geschwätz befiel Hansen ein heftiger Widerwille und zugleich eine sonderbare Angst , daß er sich von dem Manne losmachte und weiterging ; und es war nun das erstemal , daß ihn die Angst befiel , die ihn von dieser Zeit an immer begleiten sollte . Sie war ganz unbestimmt und richtete sich auf nichts nach vorwärts noch nach rückwärts , aber ihm war , als begehe er ein großes Verbrechen . Jetzt schien ihm das Gefühl noch sonderbar , und er suchte nach Gründen oder Ursachen ; und wie er in seinem Verstande nichts fand zur Erklärung , so wurde sie immer heftiger , daß er am Ende Furcht hatte vor dem Alleinsein und nicht nach Hause gehen mochte . In solcher Verfassung traf er einen jungen Dichter namens Krechting , den er vorher in der Gesellschaft gesehen ; den begrüßte er und folgte ihm in ein Café . Krechting war ein kleiner und verwachsener Mensch , der schweigend mit langen und dünnen Beinen rüstig ausschritt , bis sie an ihren Ort kamen . Da setzten sie sich , und Krechting blickte finster vor sich hin ; ganz unvermittelt fragte er dann Hansen , ob er bei den Russen gewesen sei , und wie der bejahte , pfiff er leise und trommelte mit den Fingern auf dem Marmortischchen . In dem hellen Raum saßen viele verlorene Mädchen , die sich geschminkt und geputzt hatten und deren Augen glänzten ; einige suchten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen , viele aber waren müde und ausdruckslos . Hans hatte den Drang , von sich zu erzählen , und hätte mögen über seine Angst klagen , wenn der andre ihn nicht so kalt und zerstreut angesehen hätte , daß er nicht sprechen konnte . Auf der Schule hatte er den Namen Krechtings gelesen und eine undeutliche Kunde von ihm war zu seinen Ohren gedrungen , daß er eine große Achtung vor ihm gehabt ; aber dieser Mensch hier entsprach gar nicht seiner Vorstellung . So stieg seine Angst und Unruhe , bis er aus Verlegenheit eine gleichgültige Erzählung begann , der Krechting eben mit so viel Aufmerksamkeit zuhörte , indem er flüchtig eine Zeitung überflog , daß Hans nicht verstummte ; einmal machte er eine bissige Bemerkung über einen Schriftsteller , dessen Namen in dem Blatt erwähnt war , dann legte er es weg und sah trübsinnig vor sich hin . Endlich begann auch er zu reden und sprach abgerissen und fast für sich selbst , daß er nun zehn Jahre so lebe , indem er die Nächte durch irgendwelches Geschwätz anhöre , dann an solch ekelhaften Ort gehe wie hier , und in der Frühe komme er nach Hause ; den Tag verbringe er mit sinnlosem Tun , und er wisse gar nicht , wozu das alles sei . Unterdessen seien alle seine Freunde zu Ruhm und Reichtum gestiegen , um ihn aber bekümmere sich kein Mensch . Deshalb habe er