, Gräfin - soll ich das als stummen Tadel auffassen ? « Mit festem Händedruck und einem geraden Blick in seine Augen antwortete sie : » Sie wissen das Gegenteil . « Ja , er wußte es . Ein magnetischer Rapport hatte , während des Lesens , sich zwischen Autor und Leserin hergestellt . Deutlich hatte er empfunden , daß sie auf den Flügeln seines Gesanges in die gleiche Begeisterungshöhe gehoben worden , die er in den Stunden der Arbeit erklommen hatte . Eine Kommunion auf dem Gipfel des Parnasses - ein gleichzeitiges Eintauchen der brennenden Lippen in das kühle Geriesel des kastalischen Quells ... Solche , etwas überspannte Ideen erfüllten und begleiteten ihn , als er nun , Sylvias Hand verlassend , in raschen Schritten seiner Wohnung zueilte . Er hatte die Absicht , den Drang , das Bedürfnis - heute noch , den ganzen Abend - zu schreiben . Den zweiten Akt beginnen unter dem Eindruck , den ihm die Lektüre - aus solchem Mund in solchem Ton ! - die Lektüre des ersten gemacht . Anderes noch wollte er schreiben : ein Gedicht an - sie . Seine Liebe war - im Bewußtsein erreichter Gegenliebe - zu höchster Glut angefacht , und da dies unter dem Bann der Dichtung so gekommen , so wollte , so mußte er nun in glühenden Versen seinem Gefühle Luft machen . Sie besingen - er lechzte darnach , als wäre es eine Art sie zu liebkosen , sie zu schmücken - statt mit Küssen und Perlen - mit Rhythmen und Reimen . Baronin Tilling war bei Delnitzkys zu Tisch geblieben . Bald nach dem Essen entfernten sich Toni und dessen Freunde , um in den Klub zu gehen , und Mutter und Tochter blieben allein . Sylvia war die ganze Zeit zerstreut und schweigsam gewesen . Auch jetzt , wenn Martha etwas fragte oder bemerkte , antwortete sie erst , wenn die Frage oder Bemerkung wiederholt worden war , und da nur ganz kurz und nicht recht zur Sache . » Komm , mein Kind - mach es wie in Deinen Mädchenjahren - nimm Dir einen Schemel und setz ' Dich her zu meinen Füßen ... « » Ach , Mutter , die Mädchenjahre sind entflohen - « » Und ebenso Dein Vertrauen zu mir ... ? « » Wie meinst Du - ? « » Ich meine , daß Du mir verschweigst was Dich drückt und was Dich bewegt . Das war einmal anders ... Du pflegtest mir alles zu sagen - wie Deiner besten Freundin . Jetzt freilich könnte Dein Mann mich verdrängt haben , er könnte nun Dein Vertrauter und Berater sein ... dann würde ich mich gern zurückziehen , aber das ist , leider Gottes , - nicht der Fall . « » Nein , es ist nicht der Fall , « murmelte Sylvia bitter . » Siehst Du - und das sagst Du mir erst heute - « » Da Du es durchschaut hast - « » Ich durchschaue noch mehr ... Sylvia , komm , tu ' mir den Gefallen , setze Dich ... da und lege Deinen Kopf auf meinen Schoß und sei aufrichtig , ganz aufrichtig - ich bitte , bitte Dich ! « Etwas widerwillig , aber doch unwiderstehlich angezogen , gehorchte die junge Frau . » Hier bin ich also ... das alte Plätzchen ... Erinnerst Du Dich - zum letzten Male saß ich so - am Tage , da ich mich heimlich verlobt hatte ... « » Ja , ich erinnere mich - Du legtest mir damals eine Art Beichte ab . « » Ja , Beichte . Meine Liebe war nicht sündenfrei - « » Das ist sie auch heute nicht , Sylvia - « » Ich liebe ihn ja nicht mehr , dem Himmel sei ' s geklagt . Nun weißt Du es - ich dachte , Du müßtest es schon längst wissen , doch Dir und mir habe ich das Peinliche ersparen wollen , das in solcher Aussprache liegt . « » Ich hatte Dich damals gewarnt - Du wolltest nicht auf mich hören - warst leidenschaftsbetört , eine verliebte Natur nennt man das - une grande amoureuse - wie ' s in den französischen Romanen heißt . Aber ich wiederhole es , Deine Liebe ist nicht sündenfrei - « » Und ich wiederhole : sie ist ja erloschen . « » Für Toni ja - und das verstehe ich . Doch - « Sylvia zuckte lebhaft zusammen unter der Hand , die auf ihrem Scheitel lag . » Also auch das hast Du erraten ? « sagte sie bebend . » Auch das ... Ich beschwöre Dich , mein Kind , empfange diesen jungen Mann nicht mehr ... Du bist Friedrichs Tochter ... nicht anders als in Reinheit darfst Du durchs Leben gehen . « Eine leise Revolte stieg im Innern des jungen Weibes auf : war sie nicht vor allem sie selbst - und erst in zweiter Linie die Tochter von diesem oder jenem ? Aber auch sie selbst ... wenn sie gleich in Bewunderung zu dem jungen Dichter erglühte - hatte sie denn je daran gedacht , ihrer Reinheit etwas zu vergeben ? Bresser zum Geliebten - ? Der Gedanke stieg ihr da zum ersten Male auf , als etwas heiß Verwirrendes , Beschämendes , - etwas das zu verjagen war , das man nicht ausdenken durfte - - Martha sprach weiter : » Dein Vater ist tot - aber sein Werk lebt fort : wir drei : Rudolf , Du und ich sind dessen Erben und Hüter . Kein Schatten darf auf die Ehre unseres Namens fallen , denn solcher Schatten würde auch unsere Sache verdunkeln . Aber nicht der Sache - auch Deiner selbst willen , Sylvia , beschwöre ich Dich : geh in Reinheit durchs Leben ! « » Das will ich ja , « antwortete Sylvia mit erhobenem Haupt . XVI Martha an Graf Kolnos . » Brunnhof , Mitte