Und wenn sie auch Klotilden das ungeheure Opfer bringen wollte - Guter Gott , rief sie , ich bin ja bereit - das heißt : ich würde es ja versuchen , obgleich bei meinem grenzenlosen Ungeschick - aber , was würde Elimar dazu sagen ? Elimar ? Der bleibt doch ganz aus dem Spiel . Aber nachher müßte ich es ihm sagen . Warum ? Ich muß Elimar alles sagen . Ich kann nicht anders . Sie hatte die Hände gefaltet und sah ihre Cousine mit flehenden Blicken an . Ja so ! sagte Klotilde gedehnt . Sie begriff sofort , daß sie das Spiel verloren geben mußte . An dieses Übermaß von Einfalt hatte sie nicht gedacht . Der kluge Elimar ! der im Nu heraus haben würde , daß man sein Gänschen düpiert und sich , mit ihrer Küchenschürze als Deckmantel , ein Rendezvous gegeben hatte ! Nun bist Du mir bös , sagte Adele traurig , als Klotilde aufstand und schweigend nach ihrem Mantel ging . Gar nicht , erwiderte Klotilde , bereits im Begriff den Mantel umzunehmen . Du hast ganz recht : Deinem Manne müßtest Du es sagen , und das geht aus vielen Gründen nicht . Ich weiß freilich nicht , ob Du ihm dann nicht auch wirst sagen müssen , was ich Dir eben - Aber Klotilde , das ist doch ganz was ander ' s ! Auf so was hat Elimar natürlich kein Recht . Das bleibt unter uns . Dann ist ja alles gut . Und ich danke Dir aufrichtig für Deinen guten Willen . Soll ich Stephanie vorläufig Deinen Glückwunsch bringen ? Wenn Du so freundlich sein wolltest ! Aber wie willst Du es denn nun machen ? Ich weiß noch nicht . Das wird sich finden . Und Du bist mir wirklich nicht bös ? Keine Spur ! Sie hatten sich umarmt und geküßt , was sie an der Flurthür noch einmal thaten . Dann war Klotilde gegangen . Langsam schritt sie die Mauerstraße hinab nach der Leipziger Straße zu . Sollte sie es aufgeben ? Es war am Ende das Vernünftige . Was konnte dabei herauskommen ? Wenn sie es recht überlegte : der Streit mit Viktor drehte sich doch darum , ob er in ihr Thun und Lassen von jetzt an solle hineinreden dürfen , oder nicht . Der Professor war nur eine Gelegenheitsursache , wie die Ärzte sagen . Eine freilich , die für sie etwas seltsam Reizendes hatte , etwas Morphiumartiges , Sinnbetäubendes . Nun ja ! sie würde schon darüber wegkommen - natürlich ! Aber einmal noch von ihm hören : traumhaft schöne Ballade , Du ! Einmal noch - Da war sie ganz nahe an dem Briefkasten , den sie , während sie die Straße heraufkam , immer im Auge gehabt hatte . Ihre Rechte glitt aus dem Muff in ihre Manteltasche nach dem Brief , den sie geschrieben für den doch möglichen Fall , daß das Rendezvous bei Adele nicht zustande kam . Es war nicht ihre Schuld , wenn Adele so unglaublich philiströs war . Adele hatte es zu verantworten . Ihr Schritt war immer langsamer geworden . Nun hatte sie doch den Kasten erreicht . Ein paar schnelle , scharfe Blicke nach rechts und links und über die Straße hinüber . Dann hatte sie den Brief aus der Tasche genommen und durch den Spalt geschoben . Die beweglichen Stifte am Spalt machten ein häßliches Geräusch , wie Zähne eines Rachens , der zusammenschnappt . Pah , sagte sie , das sind die Nerven . Man ist so lächerlich gewissenhaft . Eine Droschke erster Klasse kam im Schritt an ihr vorüber . Sie rief den Kutscher an , gab ihm die nötige Weisung und stieg ein . Der Kutscher fuhr im schlanken Trab davon . Er war ein lustiger Gesell und ließ den Braunen immer schlanken Trab laufen , wenn er eine schöne , elegante Dame fahren durfte . Neunzehntes Kapitel Die Diagnose des treuen Hausarztes hatte sich als richtig erwiesen : nicht der Würgengel Diphteritis hatte klein Helenchen mit seinem mitleidlosen Schwert berührt ; über die Schwelle der Kinderstube war nur einer seiner minderen Gesellen geschlichen , der sich den Künsten des Doktors nicht gewachsen zeigte . Böse Tage , angstvolle Stunden hatte es darum doch genug gegeben . Eine völlige Absperrung der beiden andern Kinder war in der engen Wohnung schon deshalb eine Unmöglichkeit , weil Klara , während sie die Kranke pflegte , Baby immer in ihrer Nähe haben mußte . So blieb die Gefahr der Ansteckung , auch als am dritten Tage in dem Befinden der Kranken eine entschiedene Besserung eingetreten war ; und mit der Gefahr die Sorge , die auf unhörbaren Sohlen durch die Wohnung schlich , jegliches Behagen aus ihr verscheuchend . Klara schien nichts davon zu empfinden : sie hatte mehr zu thun ; desto drückender empfand es Albrecht . In wie musterhafter Ordnung Klara auch ihre Wirtschaft hielt , es war unvermeidlich , daß in diesen Tagen nicht alles so glatt ging wie sonst . Wenn Baby schrie , konnte sie mit ihm nicht hinten bleiben , wo vielleicht gerade Helenchen eingeschlafen war ; Fritzchen mußte jetzt manche Stunde vorn in Papas Zimmer spielen , das auch sonst gelegentlich zu Zwecken herangezogen wurde , welche mit seiner wirklichen Bestimmung in grellem Kontrast standen : fand Albrecht doch einmal sogar , als er aus der Schule heimkehrte , von dem Ofen in der Ecke bis zum Fenster , quer über seinen Arbeitstisch , eine Leine gespannt , an der noch die feuchte Kinderwäsche hing . Der Gegenstand des Anstoßes wurde in wenigen Minuten entfernt ; dafür war dann das Mittagessen , das man eine halbe Stunde später in dem kleinen Berliner Zimmer einnahm , noch bedenklicher als gestern : Klara , die sonst auch die Küche zum größten Teil besorgte , mußte sie jetzt ganz Augusten überlassen , und Auguste konnte unter ihren übrigen löblichen Qualitäten die einer guten Köchin nicht zählen .