In so einem Marterstuhl ist man ja einzig und allein nur auf sein Maulwerk angewiesen . Wenn ich Ihnen , Herr Sekretär und Frau Sekretärin , mit meinem andern noch übrigen Fuhrwerk beim Auszuge zu Diensten sein kann , soll ' s gern geschehen . Dem alten Hartleben , dem Grobian , soll man ' s nicht nachsagen aus der Stadt , daß er nicht doch alles in allem ein guter Vogelsänger Nachbar gewesen sei . Mit dem freundschaftlichen Verkehr später , aus der Stadt heraus und hinein , wird ' s wohl ein bißchen hapern . Na , ich denke immer noch ein paar Jährchen es zu machen , daß Sie mich hier auf den Rädern finden , wenn Sie aus dem neuen Leben heraus das alte hier am Ort mal wieder aufsuchen wollen . Recht schönen guten Abend , liebe Herrschaften ! Schieb den Krüppel um ein Haus weiter , Lümmel da hinter mir : die Frau Doktern hat mir versprochen , mir noch ein weniges mehr aus ihrem Velten seinem letzten Brief vorzulesen , und der Satansjunge hat das immer so an sich gehabt , daß er einem mit seinen Schnurren , Abenteuern , Meinungen und Ansichten wie mit einem Schnaps aufwartet . Ich meine immer , einmal mußt du den auch noch wiedersehen , Hartleben , und wenn er auch noch so lange seine Mutter und den Vogelsang auf sich warten läßt ! « - Vier Wochen später mußten wir ihn begraben , den Nachbar Hartleben , und zu Ostern des folgenden Jahres verließen auch wir , die Familie Krumhardt , Vater , Mutter und Sohn , den Vogelsang . Meine Eltern fügten sich den höheren Ansprüchen , die ihrer Meinung nach meinetwegen das Leben an sie machte , und ich fügte mich meinen treubesorgten Eltern . Wer wehrt sich gegen die Liebe seines Vaters und seiner Mutter , und wenn sie auch noch so sehr mit Sorglichkeiten , die man nicht mehr kennt , mit Torheiten , über die man hinaus ist , und mit mancherlei anderem , was einem im Grunde lächerlich , ja ärgerlich vorkommt , verquickt ist ? Und wenn mir etwas ferne sein muß , so ist das Überhebung über die subalterneren Gefühle und Stimmungen des Menschen in seinem Dasein auf Erden grade an dieser Stelle ! In den Akten habe ich es nicht , aber tief in meinem innersten Bewußtsein , daß ich die teure , altgewohnte Heimatstelle mit allem , was mir heute mit schaudernd-wehmütigen Heimwehgefühlen in dieser kalten Winternacht nahetritt , damals leichter , viel leichter und freier atmend aufgab als die zwei armen Alten . Auf der Bühne des Lebens hört man eben nicht vor jedem Szenenwechsel die Klingel des Regisseurs . Man findet sich zwischen den gewechselten Kulissen und vor dem veränderten Hintergrund und verwundert sich gar nicht . Ob man sie gut oder schlecht spielt , seine Rolle ist jedem auf den Leib gewachsen und das jedesmalige Kostüm gleichfalls . Nur in seltenen stillen Augenblicken gelangt wohl ein und der andere dazu , sich vor die Stirn zu schlagen : » Ja , wie ist denn das eigentlich ? War das sonst nicht anders um dich her und in dir ? Wie kommst du zu allem diesem , und gehörst du wirklich hierher , und ist das nun Ernst oder Spaß , was du jetzt hier treibst oder treiben mußt ? Und wem zuliebe und zum Nutzen ? « Das sind dann freilich sehr kuriose Gedankenstimmungen . Wie aus einem unbekannten schauerlichen Draußen haucht das vor den Theaterlichtern einen fremd und kalt an , meistens , wenn die Bühne einmal um einen her leer geworden ist ; aber dann und wann bei gefüllter Szene im Gewühl der Edlen , Ritter , Bürger , Damen des Hofes , der Mönche , Herren und Frauen , Herolde , Beamten , Soldaten , kurz des ganzen zu dem ewig wechselnden und ewig gleichen Schauspiel gehörigen Volksspiels . Und so rasch als möglich fort damit ! Dergleichen Nachdenken stört sehr bei der Durchführung der zugeteilten Rolle , bringt nur Stockungen hervor und ein verehrliches Publikum , von der Hofloge bis zu den höchsten Galerien , zu einem ironischen Lächeln , bedauernden Achselzucken , wiehernden Hohnlachen , Pfeifen und Zischen . Und mit vollem Recht ! Es ist ein schweres Eintrittsgeld , das man für die Tragikomödie des Daseins zu erlegen hat . » Paß auf dein Stichwort , du da , König oder Narr da auf den Brettern , und störe uns das Behagen nicht , von Vergnügen kann ja so schon wenig die Rede sein ! « Leider recht bald wurde um mich her die Buhne , wenigstens für einen Augenblick , sehr leer und gab ungestörten Raum zu jeglichem Monolog über Sein und Nichtsein , und ob es besser sei und so weiter und so weiter . Nämlich meinen Eltern bekam die veränderte Umgebung durchaus nicht ; und hier beuge ich die Stirn tief über dieses Blatt : hätte ich nicht doch mehr dazu tun müssen und sollen , daß sie in ihren Greisentagen ihr An- und Einfügungsvermögen in das Ungewohnte mir zuliebe nicht zu sehr überschätzten ? Und die Braut , die ich ihnen dann in das Haus , nein , nicht in das Haus , sondern die Mietwohnung inmitten der Stadt , wenn auch der » besten Gegend « der Stadt , brachte , die wußte nichts von dem Vogelsang und brachte ihren Sonnenschein nur für mich mit in die Archivstraße . Die Blumenzucht in der Fensterbank konnte meinem Vater seinen Vorstadtgarten nicht ersetzen und noch viel weniger die vornehme Stadtgegend meiner armen Mutter den Verkehr über die lebendige Hecke und die von einem blühenden Apfelbaum zum andern auf eigenem , sicherm Grund und Boden ausgespannte Waschleine , und was sich an behaglichem Verdruß und verdrießlichem Wohlbehagen daran knüpfte . Wenn ich mir jetzt , mit dem Kopfe in der Hand , überlege , was ich dagegen tun konnte , daß sie ihren Willen ,