Kehle ... Ach , von tiefer her stieg es auf , aus einer glückseligen Betäubung rang es sich heraus , aus dem dumpfen Lustgefühl der jähen Ausgespanntheit , aus dem gedankenlosen Genuß des Lebendigwerdens , des Gerettetseins kam der kurze weh nachklingende Jubelruf : » Oh ! ... oh ! ... oh ! ... « Das erfaßte sie nicht . Für sie war es ein Jammerruf , sie stand dort und horchte wie mit gebundenen Händen und Füßen . Warum seufzt und jammert er , anstatt zu lachen und zu springen - was soll ich jetzt noch tun ? fragte sie sich geängstigt , und sie fürchtete sich , daß ihn vielleicht seine Krankheit wieder angepackt hat , seine Schwäche . » Lepold ! « Er rührte sich , richtete sich auf und streckte ihr die Hand entgegen . » Komm her , du ! ... du ! - - - Meiner Seel , Mädel ! ... Du brauchst nur zwei weiße Flügel noch ... « Er legte seinen Arm um ihren Nacken , drückte sie fest an seine Brust und küßte sie genau auf den blankweißen Strich , der ihre dunklen Haare teilte , dann ließ er sie los und lief in der Stube auf und nieder . » Jetzt erzähl mir ... erzähl mir alles ! « sagte er nach einer Weile . Und sie erzählte den ganzen Hergang . Hatte sie so viel vergessen in dem Stundenraum ? Hatte sie so wenig gehört , gedacht , empfunden ? - Das Bild , welches sie dem Manne darstellte , war dasselbe und doch ein anderes ; alle scharfen Töne , alle grellen Farben fehlten , ihr eigenes , weißes , gepeinigtes Gesicht war verwischt und verschwommen , und das der Lene trat leuchtend , schön und gütig hervor . - Nur Mitleid , Gekränktheit , Irrtum schien zwischen Mann und Frau gelegen zu sein , und jetzt , so sagte die Hanne , » hat sie halt in ihrer strengen Art verziehen « . In solchem Lichte sah der Leopold nun die Lene und die Zukunft , er horchte , nickte und lächelte , sprang auf , klopfte der Hanne dankbar auf die Schulter und setzte sich wieder ihr gegenüber . Das Mädchen hatte sich ganz frei geredet , die Beklommenheit war fort , ihre Wangen hatten sich wieder leicht gerötet , sanft und geduldig , mit dem verklärten Ausdruck eines Wesens , das mit schwachen Kräften in der entscheidenden Stunde Schweres vollbringen konnte , saß sie da und schilderte die Lene , wie sie träumte , daß sie sein sollte , vielleicht noch werden würde - eigentlich aber wie sie , die Hanne , unbewußt es selbst war . » In aller Früh morgen pack ich meinen Buben auf und geh zu ihr , gelt ? Damit ich sie noch daheim finde , ehe sie in den Salon geht . « » Ja freilich « , sagte die Hanne ebenso eifrig , » ich richte dir dein ' Koffer und dem Kind « - sie schrak zusammen , blickte nach dem Kleinen , richtete sich aber wieder auf und plauderte weiter , » dem Polderl seine Sach auch dazu , und das soll euch der Hausmeister nachbringen - dann wissen wenigstens gleich alle Leut im Haus , daß du wieder bei deinem Weibe bist . « » Das ist ein gescheiter Gedanke « , meinte der Leopold beistimmend . » Und eure Einrichtung , die ... « » Die behaltest du und wirtschaftest weiter bis ... « , unterbrach sie der Mann . » Ah , beileib nicht ! Was dir einfallt ? Den Tisch da und dein kleines Kasterl , wo du als Bub deine Schulsachen drinnen gehabt hast und später deinen Soldatenrock und die Medaille , den schenk mir , der Kasten ist gar so ein liebes Ding , deine Frau Mutter hat mir erzählt , daß du als Bub ... « » Sonst willst du gar nichts ? « redete der Mann kleinlaut in ihr hastiges Geplauder . » Gar nichts . Oder wenn du willst , so verkauf mir alles , mir ist ' s ein liebes Andenken an deine alten Leut « , flüsterte sie zaghaft . - » Denn in dein neues Zimmer brauchst nichts , deine Frau hat alles viel schöner . « » Hast recht , es wäre doch schad um das alte Gerümpel da ... Aber man lernt leichter vergessen , wenn man nichts mehr sieht von dem alten . « » Ja « , seufzte die Hanne leise und begann , Wäsche und Kleider aus den Kasten zu räumen und in Stöße auf die Stühle zu ordnen . Dann machte sie sich auf , richtete dem Leopold das Abendbrot zurecht , sie hätte fast darauf vergessen , und holte , obgleich das Haustor schon geschlossen war , noch einen Schluck aus dem Wirtshaus für den Mann . Als sie mit der gefüllten Flasche zurückkam , frug der Hausmeister : » Na , ist heut Kirchtag bei euch , Hannerl ? « » Das nicht , aber - Abschied . Morgen müßt Ihr so gut sein und dem Lepold sein Koffer und Kisten zu der Lene führen , er geht wieder zu seinem Weibe « , erwiderte die Hanne ernsthaft . » Was du nicht sagst ! Und sie nimmt ihn ? « fragte er zweifelnd . » Sie hat ihm ja selber geschrieben , daß er kommen soll . « » So ? - Und das Kind nimmt er mit ? Und dich ? « schrie der Mann und lachte roh . » Das Kind nimmt er mit , und ich bleib da , wo ich war « , sagte sie einfach und ließ den Hausmeister mit offenem Munde stehen . Der Leopold aß und trank und half der Hanne die Bündel zurechtrichten , er durchstöberte alle Winkel , nahm jedes Stücklein , welches seinem Weibe gehörte , liebkosend in die Hand , sprach fort und fort