unsere gemeinschaftlichen Leseabende zu wahren Festen des Geistes - während unsere übrige Existenz eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war . Täglich gewannen wir uns lieber ; was die Leidenschaft an Feuer einbüßte , das gewann die Zuneigung an Innigkeit , die Achtung an Festigkeit . Das Verhältnis zwischen Friedrich und Rudolf war der Gegenstand meines Entzückens . Die beiden waren die besten Kameraden der Welt , und sie miteinander spielen zu sehen , war köstlich . Friedrich war dabei von den zweien beinah der kindischere . Natürlich mischte ich mich sofort auch in die Partie , und was da für Dummheiten getrieben und geredet wurden , das mögen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen , deren Werke wir lasen - wenn Rudolf zu Bett gebracht war . Zwar behauptete Friedrich , daß er von Hause aus kein besonderer Kinderfreund sei ; aber einmal war der Kleine seiner Martha Sohn , und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem Stiefvater gar so zärtlich an . Wir machten häufig Pläne über die Zukunft des Knaben . Soldat ? ... Nein . Dazu würde er nicht taugen , denn in unserem Erziehungsplan würde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden . Diplomat ! Vielleicht . Am wahrscheinlichsten aber Landwirt . Als künftiger Erbe des Dotzkyschen Majorats , welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjährigen Onkel Arnos einst zufallen mußte , würde es ihm Berufs genug sein , seine Besitzungen rationell zu verwalten . Dann sollte er seine kleine Braut Beatrix heimführen und ein glücklicher Mensch werden . Wir waren selber so glücklich , daß wir gern für die ganze Mitwelt , und für die künftigen Geschlechter obendrein , Schätze von Lebensfreude hätten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloß sich unsere Einsicht dem Elend nicht , unter welchem der größte Teil der Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen müssen : Armut , Unwissenheit , Unfreiheit - so vielen Gefahren und Übeln ausgesetzt - unter diesen Übeln das fürchterlichste : der Krieg . » Ach , wenn man beitragen könnte , es abzuwälzen ! « Dieser seufzende Wunsch entrang sich oft unseren Herzen , aber die Betrachtung der herrschenden Zustände und Ansichten stellte solchen Wünschen ein entmutigendes » Unmöglich « entgegen . Leider - der schöne Traum , daß es allen » wohlergehe , und alle lange leben mögen auf Erden « , läßt sich nicht erfüllen - wenigstens nicht in der Gegenwart . Aber die pessimistische Lehre , daß das Leben ein Übel sei , daß es allen besser wäre , sie wären nie geboren - die war uns durch unser eigenes Dasein gründlich widerlegt . Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien , um die Festtage im Kreise meiner Familie zuzubringen . Mein Vater war nunmehr mit Friedrich völlig ausgesöhnt . Die Thatsache , daß letzterer den Militärdienst nicht verlassen , hatte die anfänglichen Zweifel und Verdächtigungen verscheucht . Daß ich eine » schlechte Partie « gemacht , das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch Tante Mariens Überzeugung ; andererseits mußten sie aber auch die Thatsache anerkennen , daß mich mein Mann sehr glücklich machte , und das rechneten sie ihm doch zu gute . Rosa und Lilli that es leid , daß sie im kommenden Fasching nicht unter meiner , sondern unter der weit strengeren Aussicht der Tante in » die Welt « gehen sollten . Konrad Althaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses , und es wollte mir scheinen , als hätte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte gemacht . Der heilige Abend fiel sehr heiter aus . Es ward ein großer Christbaum angezündet und von einem zum andern wurden allerlei Geschenke getauscht . Der König des Festes und der Meistbeschenkte war natürlich mein Sohn Rudolf ; aber auch alle übrigen wurden bedacht . So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand , bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrücken konnte . Es war ein silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches . Derselbe hielt einen Zettel im Schnabel , auf welchem von meiner Schrift die Worte standen : Im Sommer 1864 bringe ich etwas . Friedrich umarmte mich stürmisch . Wären die andern nicht dabei gewesen , er hätte sicherlich einen Rundtanz mit mir aufgeführt . Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater zum Diner . Von Fremden war nur Excellenz » Allerdings « und Doktor Bresser anwesend . Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische saßen , mußte ich lebhaft jenes Abends gedenken , wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich ins Bewußtsein getreten . Doktor Bresser hatte denselben Gedanken : » Erinnern Sie sich noch der Piketpartie , die ich mit Ihrem Herrn Vater spielte , während Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten ? « fragte er mich . » Ich sah aus , nicht wahr , als wäre ich ganz in mein Spiel vertieft , aber dennoch hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hörte aus dem Klang der Stimmen - die Worte konnte ich nicht vernehmen - ein gewisses Etwas heraus , welches in mir die Überzeugung weckte : Die zwei werden ein Paar . Und wenn ich Sie jetzt mit einander beobachte , so steigt mir eine neue Überzeugung auf , nämlich : Die zwei sind und bleiben ein glückliches Paar . « » Ich bewundere Ihren Scharfsinn , Doktor . Ja , wir sind glücklich . Ob wir es bleiben ? Das hängt leider nicht von uns ab , sondern vom Schicksal ... Über jedem Glück schwebt eine Gefahr , und je inniger das erste , desto grausiger die letzte . « » Was können Sie fürchten ? « » Den Tod . « » Ah so . Der war mir gar nicht eingefallen . Ich habe zwar als Arzt öfters Gelegenheit , dem Gesellen zu begegnen - aber ich denke nicht daran . Der liegt ja bei gesunden und jungen Leuten , wie das in Rede stehende glückliche Paar ,