behaupteten , die Kirchenluft sonst nicht vertragen zu können , ihm gestanden , daß seine gütige Art , die ethischen Lehren der Bibel zu erklären , sie wirklich fessele , ja ergreife . Der kleine , stille Mann lächelte dazu , im Leben durfte er sonst nicht viel sagen , hatte auch keine Neigung dafür ; aber auf der Kanzel konnte seine Frau nicht dreinreden - da konnte sie seine Milde nicht mit apokalyptischen Dunkelheiten aufmischen . Die Pastorin verdoppelte in dieser Zeit ihre ohnehin zähe Arbeitskraft , da Severina überhaupt nur morgens und abends noch in der Pfarre gesehen wurde , sonst aber auf Fannys Befehl im Schloß blieb ; sie arbeitete der Magd alles noch einmal nach , was diese schon mit besten Kräften gethan , sie nähte und strickte und flickte Kleider und Sachen , die alle hätten bis zum Herbst liegen können , da niemand ihrer benötigte ; aber es war ihr Bedürfnis , ja , ihre Wollust , mittags abgearbeitet , außer Atem , über die Lasten ihres Daseins klagen zu können ; doch in der tiefsten Arbeitsraserei fand sie immer noch eine Minute , hinaufzuschleichen und bei Magnus einzutreten . Dieser fuhr dann unwillig und in seiner besten Arbeitsstimmung gestört , mit dem Kopf in die Höhe und fragte barsch , was es gäbe . Sie wolle nur nachsehen , ob er auch ein Gläschen Wein oder ein Brötchen wolle , ob er auch nicht zu viel arbeite , ob er die Rouleaux herabgelassen , damit ihm die Sonne nicht auf das Papier scheine , was seinen kurzsichtigen Augen nicht zuträglich . Magnus seufzte tief , zwang sich zur Geduld mit dieser quälenden Mutterliebe und dankte mit den liebevollsten Worten , die er finden konnte , für ihre Bemühung . Aber auch am Nachmittag , in Fannys Kreis , verfolgte ihn die Aufsicht der Mutter , eine Aufsicht , die ebenso sehr Eifersucht wie Sorge war . An kühlen Abenden machte es Magnus wütend , die Mahnung zu hören - vor so viel jungen Damen - er solle den Rockkragen hoch schlagen . An heißen Nachmittagen rief die Mutter ihn aus dem Sonnenschein hinweg , in dem er auf dem Rasen mit den Damen Crocket oder dergleichen spielte ; bei Tisch ließ sie ihn , der immer möglichst weit von ihr weg saß , durch den Diener bitten , keinen Gurkensalat zu essen . Ging er mit einer der Damen allein , konnte er sicher sein , daß seine Mutter ihm nachkam , zumal , wenn diese Dame etwa die lustige Frau von Dören oder Adrienne war ; der erstern traute sie zu , daß sie ihr Magnus verführen möchte , die zweite war ihr ganz und gar unsympathisch . Eine Frau , die in der Abwesenheit ihres Mannes tanzt , anstatt in Werken des Kirchendienstes den Panzer zu suchen gegen die Anfechtungen der Welt - entsetzlich ! Aber das sah Fanny ähnlich , dergleichen zu dulden . Nie , selbst gegen ihren Gatten nicht , wagte die Pastorin ein Wort über Fanny , aber in ihrem Herzen , ganz heimlich gestand sie sich , daß Fanny keineswegs so vollkommen sei , als jedermann sie pries ; es war unleugbar ihre , der Pastorin , Pflicht als Mutter , Magnus gegen diese weltlichen Einflüsse zu schützen . Wenn Fanny diese kleinen Scenen beobachtete , in denen die ungemäßigte Mutterliebe den jungen Gelehrten quälte , wechselte sie wohl mit dem seufzenden Magnus einen Blick . » Ja , « sagte Magnus einmal , » leicht ist die Buße nicht , die ich für meinen Leichtsinn trage . « » Sie wird auch nicht ewig dauern , « tröstete Fanny , » das sehe ich wohl ein , blieben Sie lange beisammen , verlören Sie die kindliche Geduld mit den Schwächen Ihrer Mutter . « » Es ist ein bißchen zu viel Liebe , die sie mir schenkt , « klagte Magnus . » Euch Männern ist der Grad einer Frauenliebe nie recht , er ist euch immer zu niedrig oder zu hoch , « scherzte Fanny . Fräulein von Grävenitz kam zu diesem Gespräch , das Thema , welches Fanny mit ihrer Aeußerung anschlug , war zu interessant für das Fräulein , als daß sie es nicht hätte noch mit Magnus fortspinnen sollen , nachdem Fanny von der eben im Saal erscheinenden Gräfin angerufen worden war . Fräulein von Grävenitz , die heute eine gelbe Bluse und einen weißen Rock trug , lehnte in malerischer Pose am Flügel , faltete ihre weißen Hände auf der glänzenden Ebenholzplatte desselben und neigte ihr Haupt mit der Goldspange . » Ach , « sagte sie , » wie klingt es absonderlich in Fannys Mund , das hohe , das eine Wort ; in ihrem Herzen , dem vielbegehrten , haben die Männer gewiß immer nur den geringsten Grad von Liebe gefunden , sie ist nicht geschaffen , einem Glück zu geben , sie geht in der Allgemeinheit auf - vor lauter Humanität kann sie keinen Mann lieben , wenn ich dagegen das tiefinnerliche Duldergemüt meiner Adrienne ansehe ! Welch ein Schatz von Empfindungen ! Wie viel Feuer verbirgt diese sanfte Melancholie ! « » Warum mir das ? « dachte Magnus , etwas beunruhigt , denn er war sich wohl bewußt , Adrienne ein wenig » sondirt « zu haben , das heißt , in allerlei Gesprächen über philosophische Sentenzen und poetische Konflikte erforscht zu haben , ob sie in ihrer Ehe unglücklich und auf der Suche nach jemand sei , der sie dafür entschädigen solle . » Und zu denken , « fuhr das Fräulein schwärmerisch fort , » daß diese zarte Frauenblume am Rande eines Gletschers vegetiren muß ! « Die Pastorin zeigte sich in der Thür . » Still , « flüsterte Lucy sich selbst zu , denn nur sie hatte gesprochen , » Ihre Mutter ! Aber in Ihren Augen lese ich , daß Sie noch gern mehr gehört hätten , suchen Sie heute