Laß , Petöfy , du zwingst mich sonst , dir einen Kursus über vornehme Welt zu halten ! Ich will dir erzählen , wie ' s kommt . Eines Tages sind wir in Pest , und ein Erzherzog oder vielleicht die Kaiserin selbst ladet uns in ihre Zirkel . Andrassy reicht mir den Arm , und Prinzessin Gisela gebt eine Viertelstunde lang in irgendeinem Poetensteig oder noch besser auf einer freien Parkwiese , wo wir hundert Zuschauer haben , mit mir spazieren . Sieh , ich biete jede Wette , den andern Vormittag weiß ich mich vor Besuch , auch vor Damenbesuch , nicht mehr zu retten . « Es war eines Morgens im September , als dies Gespräch geführt wurde . Franziska zog sich gleich darnach in ihre Zimmer zurück und klingelte nach Josephinen . Diese war meistens guter Laune , hatte Neuigkeiten und erhielt jeden Tag einen langen und zärtlichen Brief von ihrem Wiener Bräutigam , was sie freilich nicht hinderte , sich von dem halben Schloß Arpa den Hof machen zu lassen . Dieses beständige Kokettieren , und noch dazu nach allen Seiten hin , berührte Franziska wenig angenehm , aber der Wiener Brief und die Lust und Ungeniertheit , womit seitens der Empfängerin der Inhalt desselben jedesmal zum besten gegeben wurde , ließen sie doch über manches hinwegsehen und brachten es zuwege , daß die Toilettestunde keineswegs zu den schlimmsten des Tages zählte . » Nun , Josephine , was schreibt er heute ? « » Kein Brief gekommen . « » Aber die Zeitungen sind doch schon da . Vielleicht ist er dir untreu geworden . « » O nicht doch , gnädigste Gräfin , das kann nicht sein . Ich hab einen Charme von klein auf , und wer den Charme hat , von dem kann keiner wieder los . « » Er könnt aber doch gehört haben , daß du hier herumkokettierst und sogar mit dem Andras dein Wesen treibst . « » Mag er . Da wird er bloß eifersüchtig , und mit der Eifersucht wächst der Charme . Das weiß ich . Übrigens brauchen wir heute keine Briefe , gnädigste Gräfin , denn wir haben genug mit uns selber zu tun . Ist ja seit gestern abend , als wäre der Böse los im Gebirg und auf dem See . « » Was gibt es denn ? « » Ein Wildschwein hat dem Försterssohn von Szent-Görgey die Seit aufgerissen ; liegt auf den Tod . Und auf dem See gestern abend , als die Fähre von Nagy-Förös nach Mihalifalva hinüber wollt , ist das Boot umgekippt , und ihrer elf sind ertrunken . Und der elfte war der Kaplan , das heißt ein junger Kaplan , hübsch und blaß , der einem Kranken die Sterbesakramente bringen wollt . Und hat das Allerheiligste hoch in der Hand gehalten , immer über dem Wasser . Aber es hat ihn auch nicht retten gekonnt . « » Ich begreife nicht , daß mir der Graf nicht davon gesprochen hat . « » Es kommt eben erst aufs Schloß , und der Herr Graf wissen es noch keine Viertelstund . Es ist das Neueste . « Einundzwanzigstes Kapitel Die Nachricht von dem Unglück auf dem See hatte Franziska wirklich erschüttert , aber Josephinen , als sie nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verließ , war es nichtsdestoweniger gelungen , das Gleichgewicht in ihrer Herrin Seele wenigstens so weit wiederherzustellen , daß alle vorerzählten Ereignisse nur noch nachwirkten , als ob sie sich im vorigen Jahrhundert oder weit weg in einem überseeischen Lande zugetragen hätten . In keinem Falle nahm Franziska Veranlassung , ihre Tagesordnung dadurch stören zu lassen , die für heut einfach lautete : Brief an Gräfin Judith . Unmittelbar nach ihrer Ankunft hatte sie bereits an diese geschrieben , aber doch nur wenige Zeilen , Zeilen , auf die weder eine Antwort erwartet noch eingetroffen war . So lag denn eine wirkliche Schreibepflicht vor . » Schon seit einigen Tagen , meine gnädigste Gräfin , war ich willens , meiner ersten Benachrichtigung von hier einen längeren Brief folgen zu lassen , sah mich aber immer wieder an der Ausführung meines Vorhabens verhindert . Auch der heutige Tag schien mich durch ein schweres Unglück auf unserem See , das dem Geistlichen von Nagy-Förös das Leben kostete - selbst das Allerheiligste versank in die Tiefe - , meinem Vorhaben abermals untreu machen zu wollen . Ich entreiße mich aber der dadurch hervorgerufenen Stimmung und schreibe . Vierzig Tage sind es heute , daß ich auf Schloß Arpa bin , und die lange kurze Zeit liegt hinter mir wie ein Traum . Die Güte des Grafen gegen mich ist grenzenlos , seine Nachsicht rührend , seine Meinung von mir beschämend . Er findet , daß mir nicht ausreichend gehuldigt wird , und zürnt darüber mit der Nachbarschaft , die sich seiner Ansicht nach mehr als statthaft zurückhält ; es gelingt mir aber immer wieder , einen Ausbruch seiner Empfindlichkeit zu hindern und ihm den gegenwärtigen Zustand als einen erklärlichen , entschuldbaren und sehr wahrscheinlich auch vorübergehenden darzustellen . Ich habe mich nun hier völlig eingelebt , und so mag es mir gestattet sein , Ihnen , meine gnädigste Gräfin , ein Bild dieses Lebens zu geben . Den Morgen verbring ich mit Petöfy ; dann folgen viele Stunden , in denen ich mir allein gehöre . Das Zimmer , das ich bewohne - das zweifensterige neben dem großen Eßsaal - , gönnt mir einen Blick über den See , dessen Schönheit mich immer wieder entzückt . Anfänglich jeden Tag und jetzt jeden zweiten Tag kommt der Herr Curatus von Szegenihaza herauf und gibt mir eine Sprachstunde ( magyarisch ) , die sehr oft eine Doppelstunde wird . Gescheit und fromm , dabei persönlich ohne jedweden Anspruch , gehört er ganz jenen selbstsuchtlosen und aller Eitelkeit entkleideten Geistlichen zu , denen man in Ihrer Kirche häufiger begegnet als in der unsrigen . Ich disputiere mit ihm