konnte es sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untröstlich weiter , denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht , die Großmutter könne ja sterben , während es so weit weg sei , und der Großvater auch noch , und wenn es dann nach langer Zeit wieder heimkomme , so sei alles still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und könne niemals mehr die sehen , die ihm lieb waren . Währenddessen war Fräulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und hatte noch Klaras Bemühungen , Heidi über seinen Irrtum aufzuklären , mitangehört . Als das Kind aber immer noch nicht aufhören konnte , zu schluchzen , trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton : » Adelheid , nun ist des grundlosen Geschreis genug ! Ich will dir eines sagen : wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbrüchen den Lauf lässest , so nehme ich das Buch aus deinen Händen und für immer ! « Das machte Eindruck . Heidi wurde ganz weiß vor Schrecken , das Buch war sein höchster Schatz . Es trocknete in größter Eile seine Tränen und schluckte und würgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter , so daß kein Tönchen mehr laut wurde . Das Mittel hatte geholfen , Heidi weinte nie mehr , was es auch lesen mochte ; aber manchmal hatte es solche Anstrengungen zu machen , um sich zu überwinden und nicht aufzuschreien , daß Klara öfter ganz erstaunt sagte : » Heidi , du machst so schreckliche Grimassen , wie ich noch nie gesehen habe . « Aber die Grimassen machten keinen Lärm und fielen der Dame Rottenmeier nicht auf , und wenn Heidi seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte , kam alles wieder ins Geleise für einige Zeit und war tonlos vorübergegangen . Aber seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich aus , daß der Sebastian fast nicht ertragen konnte , das so mit anzusehen und Zeuge sein zu müssen , wie Heidi bei Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen ließ und nichts essen wollte . Er flüsterte ihm auch öfter ermunternd zu , wenn er ihm eine Schüssel hinhielt : » Nehmen von dem , Mamsellchen , ' s ist vortrefflich . Nicht so ! Einen rechten Löffel voll , noch einen ! « und dergleichen väterlicher Räte mehr ; aber es half nichts : Heidi aß fast gar nicht mehr , und wenn es sich am Abend auf sein Kissen legte , so hatte es augenblicklich alles vor Augen , was daheim war , und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein , so daß es gar niemand hören konnte . So ging eine lange Zeit dahin . Heidi wußte gar nie , ob es Sommer oder Winter sei , denn die Mauern und Fenster , die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann erblickte , sahen immer gleich aus , und hinaus kam es nur , wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte , die aber immer sehr kurz war , denn Klara konnte nicht vertragen , lang zu fahren . So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraßen heraus , sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch große , schöne Straßen , wo Häuser und Menschen in Fülle zu sehen waren , aber nicht Gras und Blumen , keine Tannen und keine Berge , und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schönen gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr , so daß es jetzt nur den Namen eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte , so war schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe , und Heidi hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen . So waren Herbst und Winter vergangen , und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weißen Mauern am Hause gegenüber , daß Heidi ahnte , nun sei die Zeit nahe , da der Peter wieder zur Alm führe mit den Geißen , da die goldenen Cystusröschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer ständen . Heidi setzte sich in seinem einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Händen die Augen zu , daß es den Sonnenschein drüben an der Mauer nicht sehe ; und so saß es regungslos , sein brennendes Heimweh lautlos niederkämpfend , bis Klara wieder nach ihm rief . Im Hause Sesemann spukt ' s Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier meistens schweigend und in sich gekehrt im Haus herum . Wenn sie um die Zeit der Dämmerung von einem Zimmer ins andere , oder über den langen Korridor ging , schaute sie öfters um sich , gegen die Ecken hin und auch schnell einmal hinter sich , so , als denke sie , es könnte jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen . So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Räumen herum . Hatte sie auf dem oberen Boden , wo die feierlich aufgerüsteten Gastzimmer lagen , oder gar in den unteren Räumen etwas zu besorgen , wo der große geheimnisvolle Saal war , in dem jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten Ratsherren mit den großen , weißen Kragen so ernsthaft und unverwandt auf einen niederschauten , da rief sie nun regelmäßig die Tinette herbei und sagte ihr , sie habe mitzukommen , im Fall etwas von dort herauf- oder von oben herunterzutragen wäre . Tinette ihrerseits machte es pünktlich ebenso ; hatte sie oben oder unten irgendein Geschäft abzutun , so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm , er habe sie zu begleiten , es möchte etwas herbeizubringen sein , das sie nicht allein tragen könnte . Wunderbarerweise tat auch Sebastian accurat dasselbe ; wurde er in die abgelegenen Räume geschickt , so holte er den Johann herauf und