, aber im Hause des Juden als Gesellschafterin der Recha . « Sender lachte laut auf . » Gesellschafterin - ausgezeichnet ! Weißt du nicht , was für Juden in Jerusalem wohnen ? ! Die sind ja so fromm und so dumm , daß unsere Barnower Chassidim im Vergleich zu ihnen aufgeklärte Leut ' sind ! Und so ein koscheres Betmännchen wird eine Christin ins Haus nehmen ? ! Höchstens jede Woche einmal als Schabbesgoje ( christliche Magd , die am Sabbat im Hause des strenggläubigen Juden bedient , die Kerzen anzündet und löscht u.s.w. ) . Aber für immer und als Gesellschafterin für seine Tochter ? Verrückt wär ' er , wenn er ' s tät ' , denn die anderen würden ihn ja steinigen ! « Auch die nächste Zeile mehrte ihm noch das Gefühl der Überlegenheit über den » lieben Menschen « . Ein junger Tempelherr - das war so viel wie ein » Deutsch « , das heißt ein aufgeklärter , modern gekleideter Jude . Und warum ? Sender hatte seine Mitbürger oft genug jene » Gottlosen « und » Abtrünnigen « verwünschen hören , die nicht in Synagogen hebräische , sondern in » Tempeln « unter Orgelbegleitung deutsche Gebete verrichteten und gleichwohl so vermessen waren , sich noch als Juden zu fühlen ; so ein Mann war offenbar gemeint . » Ich weiß schon « , dachte er , » er wird gewiß der Rachel den Hof machen .... Und so einen Deutsch sollt ' es in Jerusalem geben - es ist zum Lachen ! « Was aber war ein » Derwisch « , was ein » Patriarch « und ein » Emir « mit » Memelucken « ? ! An diesen Wörtern scheiterte all seine Findigkeit ; nur der » Klosterbruder « war ihm vertraut . » Vielleicht erkenn ' ich ' s aus dem Spiel « , dachte er und begann zu lesen . Mit allen Sinnen versenkte er sich in die Dichtung und las langsam , jedes Wort laut vor sich hinsprechend , jede Zeile wiederholend . Ob er wollte oder nicht , er mußte an die Vorstellung denken , der er in Czernowitz beigewohnt , er konnte Daja und Nathan nicht mit derselben Stimme lesen und drückte auch die wechselnden Empfindungen des Mannes durch den Tonfall aus , so gut er konnte . Es geschah unwillkürlich , der angeborene dunkle Trieb regte sich in ihm . Bei den Reden des Nathan näselte er und agierte dazu lebhaft mit den Händen ; die Worte der Daja sprach er möglichst hochdeutsch , mit einer spitzen Altweiberstimme und stemmte die Arme in die Hüften , wie es die Mägde in Barnow zu tun pflegten . Es war ein saures Stück Arbeit , schon weil ihm manche Worte unverständlich waren ; die » Phantasie , die immer malet « , die » fromme Kreatur « verwirrten ihn . Vollends aber trieben ihm die vielen Sätze , wo er zwar jedes Wort verstand , ohne doch den Sinn des Ganzen erfassen zu können , den Angstschweiß auf die Stirne . Ganze Reden und Gegenreden mußte er so durchirren . Er legte das Buch vor sich hin . » Also , was geht da vor ? « begann er und brachte seinen Körper dabei unwillkürlich in jene wiegende Bewegung , wie in der Knabenzeit , wenn er über einer schwierigen Thorastelle gebrütet . » Nathan , reich , Kaufmann . An den Reichtum glaub ' ich nicht recht . Erstens : Jerusalem . Zweitens : womit er handelt , ist nicht gesagt - mit Kamelen ? - - mit Goldsachen ? Drittens : ein großer Kaufmann fährt nicht viele Wochen herum , Schulden einzukassieren , sondern schickt seinen Kommis . So macht es zum Beispiel unser Reb Mosche Freudenthal , der freilich bare dreißigtausend Gulden im Vermögen hat - und wie kann auch ein Kaufmann so lange vom Geschäft wegbleiben ? Aber meinetwegen ! Sonst ist Nathan ein guter Mensch , schenkt auch gern , nur etwas scheint er doch einmal angestellt zu haben , und Daja weiß es - er muß ihr mit Goldsachen den Mund stopfen - , das kann bös werden ! Das Haus ist verbrannt , während er weg war , daran liegt nichts - natürlich , er war versichert ! So was kann sogar , sagt man , manchmal ein gutes Geschäft sein . Recha ist gerettet durch einen Tempelherrn ! Das ist aber kein Deutsch , wie ich sehe , sondern ein Sellner ( Soldat ) ; er ist gefangen , Saladin , der Sultan , hat ihm das Leben geschenkt , Nathan sagt , das ist ein Wunder ! Begreif ' ich ! So ein Sultan - mit Weibern ist er freundlich , Männer läßt er totschlagen , der Bösewicht ! Aber ein großer Herr muß dieser Saladin doch sein , vielleicht ein Fürst ! ... Recha glaubt , daß der Tempelherr ein Engel war , Nathan will es ihr ausreden . Recht hat er ! Erstens ist es die Wahrheit und dann - einem Menschen kann man dankbar sein , einem Engel nicht ! Gut , weiter ! Jetzt kommt Recha ! « Er erhob sich , versuchte Miene und Haltung eines jungen , züchtigen Mädchens anzunehmen und las mit gespitztem Mund und möglichst zarter Stimme : » So seid Ihr es doch ganz und gar , mein Vater ? Ich glaubt ' , Ihr hättet Eure Stimme nur Vorausgeschickt - « Hier stutzte er wieder . » Mein lieb Kind « , sagte er wohlwollend , » mir scheint der Schrecken hat dich so benommen , daß du noch nicht recht weißt , was du redest ! Hat man schon je gehört , daß jemand seine Stimme vorausschickt - vielleicht in einem Briefele mit der Post ? ! « Das übrige aber gefiel ihm gar wohl , auch mit Rechas Glauben an einen Engel befreundete er sich nun , weil sie ihn in so » feinen Wörtern «