daß die anfängliche Ursache unserer Feindschaft , die Geschichte des Schuldbuches , für ihn an sich selbst unvergeßlich sein mußte . Er war unterdessen in ein Comptoir getreten , hatte seine eigentümlichen Fähigkeiten fort und fort ausgebildet , erwies sich als sehr brauchbar , klug und vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines Vorgesetzten , eines schlauen und gewandten Geschäftsmannes ; kurz , er fühlte sich glücklich und sah voll Hoffnung auf sein zukünftiges Selbstwirken . So kann ich mir gar wohl denken , daß die arge Enttäuschung , welche sein erster jugendlicher Versuch , ein Geschäft zu machen , erfuhr , für ihn ebenso nachhaltig schmerzlich sein mußte als einer kindlichen Dichter- oder Künstlernatur der erste verneinende Hohn , welcher ihren naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird . Wir waren schon konfirmiert , er etwa achtzehn , ich sechszehn Jahre alt ; wir begannen uns selbständiger zu bewegen und lernten nun Verhältnisse und Menschen kennen . Wenn wir an öffentlichen Orten zusammentrafen , so vermieden wir , uns anzusehen , aber jeder weihte seine Freunde in seinen Haß ein , welcher manchmal um so gefährlicher zu wirken und auszubrechen drohte , als nun ein jeder mit solchen jungen Leuten umging , die seiner Beschäftigung und seinem Wesen entsprachen und also einen empfänglichen Boden für eine weiterzündende Feindschaft bildeten . Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das denn nun das ganze Leben hindurch in der so engen Stadt gehen sollte ? Allein diese Sorge war unnütz , indem ein trauriger Fall ein frühes Ende herbeiführte . Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebäude gekauft , welches früher eine städtische Ritterwohnung gewesen und mit einem starken Turme versehen war . Dies Gebäude wurde nun wohnlich eingerichtet und in allen Winkeln mit Veränderungen heimgesucht . Für den Sohn war dies eine goldene Zeit ; da nicht nur das Unternehmen überhaupt eine Spekulation vorstellte , sondern auch eine Menge Geschicklichkeiten an den Mann gebracht werden konnten . Jede Minute , die er frei hatte , steckte er unter den Bauleuten , ging ihnen an die Hand und übernahm viele Arbeiten ganz , um sie zu ersetzen und zu sparen . Mein Weg zur Arbeit führte mich alltäglich an diesem Hause vorüber , und immer sah ich ihn zwischen zwölf und ein Uhr , wenn alle Arbeiter ruhten , und am Abend wieder , mit einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gerüsten stehen . Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in seiner Emsigkeit , an den ungeheuerlichen Mauern hängend , höchst seltsam aus ; ich mußte unwillkürlich lachen und hätte fast einem freundlichern Gefühle Raum gegeben , da er in diesem Wesen doch liebenswürdig und tüchtig erschien , wenn er nicht einst die Gelegenheit wahrgenommen hätte , einen ansehnlichen Pinsel voll Kaltwasser auf mich herunterzuspritzen . Eines Tages , als ich des Hauses bereits ansichtig war , führte mich mein milder Stern durch eine Seitenstraße einen andern Weg ; als ich einige Minuten später wieder in die Hauptstraße einbog , sah ich viele erschreckte Leute aus der Gegend jenes Hauses herkommen , welche eifrig sprachen und lamentierten . Um die Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen , hatten die Bauleute erklärt , ein erhebliches Gerüste anbringen zu müssen . Der Unglückliche , der sich alles zutraute , wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde die Fahne in aller Stille abnehmen , hatte sich auf das steile hohe Dach hinausbegeben , stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot auf dem Pflaster . Es durchfuhr mich , als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges weiterging , wohl ein Grauen , verursacht durch den Fall , wie er war ; aber ich mag mich durchwühlen , wie ich will , ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder Reue entsinnen , die mich durchzuckt hätte . Meine Gedanken waren und blieben ernst und dunkel ; aber das innerste Herz , das sich nicht gebieten läßt , lachte auf und war froh . Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut , so glaube ich zuversichtlich , daß mich Mitleid und Reue ergriffen hätten ; doch das unsichtbare Wort , mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr , gab mir nur Versöhnung , aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes , der Rache und nicht der Liebe . Ich konstruierte zwar , als ich mich besonnen , rasch ein künstliches und verworrenes Gebet , worin ich Gott um Verzeihung , um Mitleid , um Vergessenheit bat ; mein Inneres lächelte dazu , und noch heute , nachdem wieder Jahre vorübergegangen , fürchte ich , daß meine nachträgliche Teilnahme an jenem Unglücke mehr eine Blüte des Verstandes als des Herzens sei , so tief hatte der Haß gewurzelt ! Sechzehntes Kapitel Ungeschickte Lehrer , schlimme Schüler Um wieder zu jener Schulzeit zurückzukehren , so kann ich nicht bekennen , daß dieselbe hell und glücklich gewesen sei . Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich nun erweitert , die Ansprüche waren ernster geworden , ich hatte ein dunkles Gefühl , daß es sich um Wichtiges und Schönes handle , und auch einen gewissen Drang , diesem Gefühle zu genügen . Aber die Übergänge von einer Stufe zur anderen waren mir nie klar und gingen mir öfter verloren . Das Übel lag aber hauptsächlich in den Übergangszuständen der Schule selbst , da die Lehrerschaft noch aus alten Teilen , nämlich unbeschäftigten Theologen der Landeskirche , die aus Liebhaberei oder Bedürfnis alle möglichen Lehrfächer zu übernehmen gewöhnt waren , und aus neuen durchgebildeten Fachlehrern bestand und daher keine gleichmäßige und ineinandergreifende Lehrweise hervorbrachte . Jene Theologen verfuhren nach alten Gewohnheiten und persönlichen Launen , sprangen von den Gegenständen ab , wenn es ihnen beliebte , und behandelten alles mehr als Dilettanten , während die weltlichen Berufslehrer wiederum ganz verschiedene Manieren und Methoden handhabten , die ihrerseits auch noch nicht erprobt waren .