Kathi , deren Gesicht bei Tageshelle glänzte , als hätte sie es in Öl gebadet , hielt Bozenas Rechte fest in ihren fetten , mit gestrickten Handschuhen bekleideten Händen . Dabei blickte sie mit dem Ausdruck überströmender Liebe , Begeisterung und Andacht zu der Riesin empor . Schimmelreiter umkreiste die Gruppe stolz und zärtlich wie ein Schwan sein Nest und sagte alle Augenblicke zu Bozena : » Verehrte Freundin ! « Es war also ausgemacht : Bozena blieb , aber ihre Stellung im Hause erlitt eine Veränderung . Der geringste Lohn , den die Tugend für mannigfache Entbehrung ansprechen darf , ist wohl der , die Sünde erinnern zu dürfen an die Unübersteiglichkeit der Kluft , die sie voneinander trennt . Alsbald ereignete sich etwas Seltsames , man könnte es fast ein Wunder nennen Das Fräulein verlor ihrer Dienerin gegenüber die Sprache und das Augenlicht . Und wenn Bozena noch so dicht vor ihr stand und wenn sie ihr ein Glas Wasser darreichte oder einen Befehl einholen wollte , um die Antwort auf eine eingetroffene Erkundigung bat , gleichviel : das Fräulein war ihr gegenüber mit einer Blindheit geschlagen , vollständiger als die Bileams , und mit einer Stummheit , hartnäckiger als die des Zacharias . Nach einiger Zeit freilich zeigten sich die üblen Folgen dieses Ignorierungssystems . Trotz des besten Willens , die unausgesprochenen Wünsche ihrer Herrin zu erraten , gelang dies Bozena doch nicht immer , es gab so manches Mißverständnis , und Regula entschloß sich endlich , andere Saiten aufzuziehen . Zuvor jedoch wollte sie , mußte sie der Verirrten die Augen öffnen , mußte einen Funken ihrer eigenen leuchtenden Moral in die Finsternis werfen , in der die Unselige wandelte . Das Fräulein ließ Bozena in den roten Salon bescheiden , auf dessen größtem Kanapee sie Platz genommen hatte . Sie fand nach einem Blicke in den Pfeilerspiegel , daß sie sich gut ausnahm in dem stattlichen Raume , der gewöhnlich unbewohnt war und in dem es immer , niemand wußte warum , nach Äpfeln roch . » Bozena « , sprach die Dame zu der Eingetretenen nach einer Pause , in der sie sich vergeblich bemühte , dem erstaunten , aber treuherzigen Blick zu begegnen , den die Magd auf sie richtete , » Bozena , ich war lange Zeit zweifelhaft , ob ich Ihnen noch ferner gestatten soll und darf , bei mir zu bleiben . Ja - sehr zweifelhaft . « Die Rednerin wartete auf eine Einwendung , als keine erfolgte , fuhr sie fort : » Sie werden wissen warum ? ... Wissen Sie warum ? « Bozena hatte die Augen gesenkt , ihre Lippen bebten leise , und sie antwortete fast unhörbar : » Ja . « » Man hat Pflichten gegen sich selbst , Bozena « , nahm das Fräulein wieder das Wort , » begreifen Sie das ? ... Sie begreifen es vielleicht nicht - aber gleichviel . Ich hätte die meinen gegen mich nicht außer acht lassen sollen ... und dennoch habe ich es getan , um eine Seele zu retten - die Ihre - begreifen Sie das ? « Das Fräulein hatte sich allmählich in eine giftige und erbitterte Stimmung hineingeredet , die durch Bozenas scheinbare Ruhe , vor allem aber durch ihr Schweigen bedeutend erhöht wurde . Sie murmelte etwas , das wie » Klotz ! « klang , und sagte dann laut mit beklommener Stimme , als wäre der Hals ihr zusammengeschnürt : » Wenn ich soviel tue , werden Sie sich wohl bequemen , etwas zu tun , hoff ich , Sie werden - hoffe ich , mein Vertrauen nicht mißbrauchen ... Was ? « unterbrach sie sich plötzlich selbst , » was haben Sie gesagt ? « » Nichts , gnädiges Fräulein « , antwortete Bozena . Dunkelrote Flecken brannten unter ihren Augen , und ihr Busen flog . Regula wiederholte , mit den Nasenflügeln zitternd : » Nichts ? - freilich ... Ich muß Sie aber bitten , etwas zu sagen . Ich muß Sie bitten , mir das heilige Versprechen zu gehen , daß Ihr Lebenswandel in Zukunft ein - ein - « sie suchte nach einem bezeichnenden Worte , » ein sittsamer sein wird . « Bozena schwieg . » Versprechen Sie ! « rief das Fräulein - ihr Atem wurde immer kürzer , immer bissiger der Zug um ihren Mund - , » ich fordere Ihr Versprechen , wie gesagt , Ihr heiligstes , daß Sie - daß ... « Regula hielt inne , schluckte einigemal hintereinander und sprach dann , wie entschlossen , trotz allen inneren Widerstrebens den entscheidenden Schlag zu führen : » Daß Sie außer Verbindung bleiben ... daß Sie sich nicht wieder einlassen mit Ihrem - Geliebten . « Das Fräulein warf von der Seite einen raschen Blick nach ihrer Magd . Diese hatte die Hand auf die Brust gedrückt , und auf ihrem Angesichte lag der Ausdruck eines Schmerzes , den das Menschenwort nicht ausspricht , jenes Schmerzes , der stumm zum Himmel schreit . Nein ! Nein ! ... Hätte Regula gewußt , was sie tat , sie hätte es nicht getan , nicht einmal sie , die herzlose Drahtpuppe ! » Fräulein ! « rief Bozena , einen Augenblick fassungslos , außer sich . Bald jedoch kehrte ihr die Macht der Selbstüberwindung zurück . Mit gewaltig erzwungener Ruhe in Ton und Haltung , mit einem Klang der Wahrheit , der das eingefleischte Mißtrauen hätte überzeugen müssen , sprach sie : » Es ist alles aus zwischen ihm und mir , seit Jahren aus . « Sonderbar und unbegreiflich ! Regula empfand bei diesen Worten und der Art , in der sie gesprochen wurden , die Beklemmung und das Unbehagen , die in den Seelen engherziger Menschen die Ehrfurcht ersetzen . Von all den weisen Lehren , die sie sich zurechtgelegt hatte , wollte ihr keine mehr einfallen . So blieb ihr denn nichts übrig , als ein Ende zu machen . Und